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Projekt Schule macht Arbeit
Neue Perspektiven für junge Menschen

Gemeinsam zum Abschluss

Fehlende Deutschkenntnisse, Lernschwächen oder psychische Belastungen sind Gründe, weshalb der Schulabschluss nicht gelingt. Bei SOS-Kinderdorf bekommen junge Erwachsene eine zweite Chance.
Dienstags ist es immer ruhiger beim gemeinsamen Frühstück der Teilnehmenden von „Schule macht Arbeit“. Die meisten sitzen konzentriert, teilweise auch angespannt über ihren Heften, andere flüstern leise dem Tischnachbarn etwas zu. „Heute sind alle ein bisschen aufgeregt“, erklärt Tabea Marohn, Lehrerin für Deutsch und Englisch bei „Schule macht Arbeit“. Denn jeden Dienstag in der ersten Stunde steht eine kleine Prüfung auf der Agenda. Gleich müssen die jungen Frauen und Männer ihr Englisch-Vokabular unter Beweis stellen.
Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren können im SOS-Kinderdorf Lippe ihren Hauptschulabschluss nachholen. Am Standort Detmold erhalten die Teilnehmenden neben intensivem Unterricht ein Jahr lang Unterstützung bei der Arbeits- oder Ausbildungsplatzsuche, mehrwöchige Praktika helfen ihnen bei der Berufsorientierung.
Die 22-jährige Beritan ist eine von ihnen. Die gebürtige Syrerin flüchtete vor rund drei Jahren aus ihrer Heimat nach Deutschland, lebte zunächst viele Monate mit ihrer Familie in einer Flüchtlingsunterkunft. „Man durfte nicht in die Schule gehen, studieren oder arbeiten“, erinnert sie sich. „Ich habe mich für einen Sprachkurs angemeldet und wollte danach in die Schule gehen, aber ich durfte das nicht, weil ich über 18 Jahre alt war.“
In die Schule ging Beritan in Syrien bis zur neunten Klasse, dann brach der Krieg aus. In Deutschland war sie fest entschlossen, die fremde Sprache schnell zu lernen. Sie brachte sich in der Flüchtlingsunterkunft die wichtigsten Worte selbst bei, besuchte schließlich Sprachkurse und erreichte so in kurzer Zeit ein B2-Niveau. Aber ohne allgemeinbildenden Schulabschluss bestand kaum eine Chance, einen Arbeits- oder gar Ausbildungsplatz zu finden.
Beritans Sachbearbeiterin im Jobcenter meldete die junge Frau schließlich für „Schule macht Arbeit“ an. „Sie sehen dies teilweise auch als letzte Chance an. Deswegen sind sie sehr dankbar, wenn sie hier reinkommen“, weiß Pädagogin Marohn. Die 22-jährige Beritan fühlt sich wohl bei SOS-Kinderdorf. „Die Lehrkräfte sind alle sehr nett hier. Wenn man Hilfe braucht, wenn man irgendwelche Fragen hat, dann beantworten sie die.“

Ein Projekt mit Anspruch – und Chancen

Noch stehen Beritan und ihre Mitschüler und Mitschülerinnen ganz am Anfang. Wer einen Platz im Projekt bekommt, muss hart arbeiten. In den ersten beiden Monaten, der Orientierungsphase, findet lediglich ein halber Tag Unterricht statt. So haben die jungen Erwachsenen die Chance, sich an die neue Situation zu gewöhnen. „Wir haben auch Teilnehmer, die schon lange aus der Schule raus sind“, ergänzt Jobcoach Axel Fischer. Er hilft den jungen Frauen und Männern bei der Praktikumssuche und schreibt mit ihnen Bewerbungen. „Sie haben klare Ziele, wollen unbedingt weiterkommen.“
Schon nach wenigen Wochen reduziert sich die Teilnehmendenzahl im Projekt erheblich, der Unterricht findet Vollzeit statt. „Manche schaffen es nicht. Die Belastung ist dann noch zu hoch“, erklärt Lehrerin Marohn. Oft reichten die Deutschkenntnisse nicht aus. Andere Teilnehmende haben aufgrund kognitiver Einschränkungen oder Lernschwächen Probleme mitzuhalten. Auch in der Vergangenheit Erlebtes kann ein Grund für einen Abbruch sein. „Alle bringen ihre Geschichte mit“, erzählt Fischer. „Sie haben den Krieg erlebt, mussten miterleben, wie Angehörige sterben. Die Gedanken kreisen um die Familie, die Konzentration fällt in solchen Momenten schwer“, meint der Pädagoge. Bei seelischer Belastung hat eine Psychologin, die für die Projekte der Jugendberufshilfen am SOS-Standort Detmold verantwortlich ist, ein offenes Ohr für die Betroffenen.
Nach der Orientierungsphase folgt die Vertiefungsphase. Um Berufserfahrung zu sammeln, gehören zum Projektplan auch verschiedene Praktika. Einen Praktikumsplatz zu finden, bereitet den Teilnehmenden oft Schwierigkeiten. Bei vielen Absagen schürt das Versagensängste bei den jungen Menschen, die Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen bei SOS-Kinderdorf unterstützen. „Das ganze Leben besteht bei ihnen aus Zurückweisungen und dann geht es hier so weiter. Da muss man sie immer wieder motivieren“, erklärt Jobcoach Fischer.

Hoffnungsvoll in die Zukunft

Den Umgang mit Misserfolgen, sozialen Ängsten oder Problematiken in Gruppen behandeln die Teilnehmenden in sozialpädagogischen Einheiten. „Jemand, der Ängste hat, kann im Beruf später auch nicht richtig agieren“, meint Jobcoach Fischer. Der Zusammenhalt und die Wertschätzung, die sie bei SOS-Kinderdorf erleben, machen den Teilnehmern Mut – vor allem jenen, die aus stark belasteten Familien kommen. „Sie kennen dieses Gefühl von Wertschätzung nicht“, weiß Fischer.
In der finalen Phase von „Schule macht Arbeit“ stehen nach zehn Monaten für alle die Abschlussprüfungen an – in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik, Biologie, Arbeitslehre und Sport. Wer besteht, schafft im Idealfall direkt den Sprung auf den Arbeitsmarkt. Besonders beliebt sind Ausbildungen und Jobs in der Hotel- und Gastrobranche, im Gesundheitswesen und im Handwerk.
Der Ausbildungsmarkt ist hart umkämpft, nicht jeder findet direkt den Traumjob. Beritan schaut dennoch optimistisch in die Zukunft. „Ich sage mir selbst, man soll pünktlich sein, sich gut benehmen, mitarbeiten. Wenn man das macht, dann wird man es schaffen“, hofft sie. Die 22-Jährige und ihre Mitschüler und Mitschülerinnen tasten sich in kleinen Schritten an ihr großes Ziel heran. Zunächst steht für sie das erste Praktikum bevor – für Beritan in einer Arztpraxis. Sie freut sich. „Man kann arbeiten und selbstständig sein.“ Die Wünsche und Hoffnungen der Teilnehmenden sind ähnlich: ein Ausbildungsplatz, ein fester Job, eine eigene Wohnung. Beritan geht noch einen Schritt weiter: „Vielleicht kann ich nach fünf oder sechs Jahren in die Uni gehen“, sagt sie.