Wie begegnet Ihnen Diversität und Vielfalt bei SOS-Kinderdorf?
Vielfalt ist unser Alltag und tägliches Arbeiten. Es betrifft nicht nur unsere Klientinnen und Klienten, sondern auch unsere Mitarbeitenden oder unsere Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner. Vielfalt begegnet uns an jeder Ecke. Hier treffen Menschen aufeinander, die unterschiedlicher sozialer, aber auch kultureller Herkunft sind. Wir begegnen allen Lebensformen, egal ob das die sexuelle Orientierung, die Geschlechtsidentität oder die Form der Familie betrifft.
Diversität ist mit vielen Vorurteilen behaftet. Wie stellen Sie ein harmonisches Miteinander sicher?
Es ist schon eine Herausforderung, dass hier so viele unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen, da nicht alle per se die Haltung haben, dass Diversität ganz normal und auch bereichernd ist. Ab und zu spielen etwas Skepsis und Berührungsängste mit. Wir versuchen, wann immer es uns möglich ist, Diversität vorzuleben, zu verbalisieren und damit auch zu normalisieren.
Wir laden dazu ein, sich uns so anzuvertrauen, wie man ist – als der ganze Mensch. Ungeschönt. Wir machen deutlich, dass jeder in seiner Identität genauso von uns angenommen wird, wie die Person das möchte und dass wir insbesondere bei Kindern und Jugendlichen proaktiv die individuelle Entwicklung unterstützen hin zu der gewünschten Identität. Egal, was es betrifft: in welchem Familiensetting man leben möchte, wen man lieben möchte oder wie man sich selbst empfindet.
Mit welchen Anliegen zu Sexualität und Identität kommen Kinder und Jugendliche im Alltag auf Sie zu?
Ganz häufig sind es Fragen wie: Ist es normal, was ich empfinde? Ist es normal, dass ich den Menschen mag? Ist es normal, wie ich mich in meiner Identität fühle? Damit verbunden sind auch immer Ängste, nicht der vermeintlichen Norm zu entsprechen. Aber auch der Wunsch danach in Ordnung zu sein, wie man ist. Wir versuchen zu signalisieren, dass es nicht die eine Geschlechtsidentität oder -sexualität gibt, sondern dass jeder die Möglichkeit hat, die richtige für sich zu entdecken und zu entwickeln. Wir begleiten und unterstützen die Kinder und Jugendlichen dabei, sie sollen sich möglichst wohl fühlen. Wir pressen sie aber nicht in eine bestimmte Form, es darf keine aufgezwungene Entwicklung sein. Die jungen Menschen wissen am allerbesten, wer sie sind und was sie möchten.
Das Ziel ist, dass alle Betreuten spüren, dass sie mit den Themen, die sie bewegen und belasten, zu uns kommen können. Das schließt auch Themen, die queeres Leben betreffen, mit ein. Wir hoffen, dass sie sich uns dadurch anvertrauen.
Warum ist die Persönlichkeitsentfaltung gerade im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe wichtig?
Insbesondere die von uns betreuten Kinder und Jugendlichen wurden oft mit Blick auf Bildung, Teilhabe, Selbstwirksamkeitsempfinden und Stärkung des Selbstwerts benachteiligt. Sie wurden in ihrer Verletzlichkeit oder ihrem Anderssein häufig ausgegrenzt und haben emotionale und psychische Gewalt erfahren. Es ist unsere Aufgabe, diese Kinder und Jugendlichen zu schützen und ihnen den Raum für freie Entfaltung zu bieten – und dies eben auch mit Blick auf die besonders sensiblen Themen sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität.