„Hilfreich ist, wenn sich nicht alles auf einmal ändert“
Schulabschluss, Auszug, Beruf – junge Menschen stehen vor vielen Herausforderungen. Das gilt umso mehr, wenn sie in einer Einrichtung aufgewachsen sind. Dr. Kristin Teuber, Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts (SPI) von SOS-Kinderdorf, erklärt, wie sogenannten Care Leavern die Eigenständigkeit gelingt.
Interview
Frau Dr. Teuber, Sie untersuchen in einer Studie die Entwicklung junger Menschen während ihrer Zeit im SOS-Kinderdorf und danach. Was möchten Sie dabei herausfinden?
Für junge Menschen, die nicht bei ihren Familien aufwachsen können und deshalb bei SOS-Kinderdorf untergebracht werden, ist das ein enormer Eingriff in ihr Leben. Aus unserer Sicht ist es deshalb wichtig, zu beobachten und zu beschreiben, wie das Aufwachsen in den Einrichtungen aussieht. Wie geht es den jungen Menschen dort? Und wie geht es denjenigen, die die Volljährigkeit erreicht haben und aus der Einrichtung ausziehen müssen, also den ehemaligen Betreuten oder „Care Leavern“, wie wir sie nennen. Wie kommen sie zurecht in ihrem eigenständigen Leben als junge Erwachsene?
Sie führen diese Erhebung als Längsschnittstudie durch. Was bedeutet das?
Bei der SOS-Längsschnittstudie wird eine Gruppe von jungen Menschen über einen längeren Zeitraum wiederholt befragt. Wie läuft es mit der Berufstätigkeit, fassen die Ehemaligen gesellschaftlich Fuß, können sie ihre Existenz sichern? All diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn man über längere Zeit immer wieder mit denselben Menschen spricht und ihren Verselbstständigungsprozess begleitet.
Vor welchen Herausforderungen stehen junge Menschen, wenn sie die Einrichtungen verlassen?
Die größte Herausforderung ist, dass sie den Übergang in die Eigenständigkeit ohne familiäre Unterstützung schaffen müssen – jedenfalls in den allermeisten Fällen. Das ist ein gravierender Unterschied zu anderen jungen Menschen, die zu Hause aufgewachsen sind und ausziehen. Außerdem steht das Thema Auszug bei den Care Leavern schon sehr früh im Raum, meistens ab dem Alter von 16 Jahren. Es geht hier also um junge Menschen, die unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind und viele biografische Belastungen zu bewältigen haben. Und trotzdem müssen sie besonders früh selbstständig werden. Das ist eine doppelte Benachteiligung.
Dabei brauchen sie eigentlich noch Unterstützung.
Ja, unbedingt – auch wenn die Situation der Care Leaver heute deutlicher wahrgenommen wird, nicht zuletzt durch die Beiträge aus der Forschung. Da verändert sich etwas. Trotzdem bleiben die Herausforderungen, wie sie sind: Beispielsweise sind die Bildungsabschlüsse junger Menschen, die in einer stationären Einrichtung aufgewachsen sind – sei es im SOS-Kinderdorf oder bei anderen Trägern – deutlich geringer als in der Vergleichsbevölkerung. Deshalb müssen wir den jungen Menschen gute Rahmenbedingungen bieten, einen Schulabschluss zu erzielen und in eine Ausbildung zu kommen oder wenn möglich ein Studium aufzunehmen.
Bei welchen Themen neben der beruflichen Orientierung gibt es Bedarf an Begleitung?
Das Thema Alleinsein bzw. Einsamkeit beschäftigt viele Care Leaver. Im Kinderdorf sind sie in einer Gruppe aufgewachsen, aber mit der Volljährigkeit leben viele plötzlich allein. Die meisten haben recht wenige soziale Beziehungen. Sie müssen lernen, Beziehungen zu initiieren und zu pflegen – dabei brauchen sie oftmals Unterstützung. Manchmal geht es auch um Alltagsfragen: Die Care Leaver müssen eigenverantwortlich mit Geld umgehen, ihre Wohnung in Ordnung halten, für die eigene Gesundheit sorgen, sich vernünftig ernähren und so weiter. Nicht allen fällt das leicht.
Vielleicht muss man sich selbst auch noch mal neu definieren. Das ist für jeden jungen Erwachsenen eine Herausforderung – für die Care Leaver vermutlich umso mehr?
Auf jeden Fall. Manche haben erhebliche psychische Belastungen, haben in der Herkunftsfamilie schon einiges erlebt. Und diese Erlebnisse prägen das Aufwachsen, das kann man nicht ohne Weiteres hinter sich lassen. Insofern sind Care Leaver auch damit beschäftigt, ihre eigene Geschichte in den Blick zu nehmen. Manche wissen zum Beispiel als Kinder lange gar nicht, warum sie aus ihrer Familie herausgenommen wurden. Irgendwann erfahren sie, dass es vielleicht um Vernachlässigung oder Gewalt ging. Damit einen Umgang zu finden und die eigene Biografie anzunehmen, ist eine hohe Anforderung.
Was erleichtert Care Leavern den Übergang in die Eigenständigkeit?
Hilfreich ist, wenn sich nicht alles auf einmal ändert. Viele Care Leaver erleben einen Mehrfachübergang: Sie ziehen aus, sind gleichzeitig mit der Schule fertig, sollen sich eine Wohnung suchen. Aber wer gerade kurz vor den Abschlussprüfungen steht, sollte natürlich nicht gleichzeitig ausziehen müssen. Außerdem sollten wir Care Leaver stärker motivieren, ihr Bildungspotenzial zu nutzen und eventuell einen höheren Schulabschluss anzustreben. Und wir sollten sie intensiv unterstützen, wenn sie den Abschluss erst im zweiten oder dritten Anlauf schaffen, so wie man es bei den eigenen Kindern auch tun würde.
Warum ist es für die jungen Menschen wichtig, nach ihrem Auszug eine Anlaufstelle zu haben, die sich konkret mit der Situation von Care Leavern befasst?
Weil die Situation dieser jungen Erwachsenen speziell ist, weil sie in allen Lebensbereichen klarkommen müssen, ohne eine Familie im Hintergrund, die auch mal hilft. Deswegen ist es gut, wenn es eine Stelle gibt, die genau diese Situation in den Blick nimmt und in ganz verschiedenen Belangen ansprechbar ist. Wichtig ist, dass es sich um ein niedrigschwelliges Angebot handelt, das man ohne Termin besuchen kann, wenn man Redebedarf hat. Manchmal lässt sich so verhindern, dass aus einem kleinen Problem ein großes wird.
Wie lange dauert Ihren Erkenntnissen nach die Übergangsphase der Care Leaver? Woran machen Sie fest, dass der Schritt in die Selbstständigkeit abgeschlossen ist?
Das ist ein mehrjähriger Prozess und der sieht bei jedem Menschen anders aus. Formal ist die Jugendhilfe bis zum Alter von 27 Jahren zuständig, tatsächlich endet die Unterstützung häufig mit 21 Jahren – aber letztlich müssen alle für sich selbst definieren, wann sie sich wirklich eigenständig fühlen. Das Aufwachsen in der Einrichtung – das gehört zur eigenen Geschichte und das bleibt. Aber irgendwann geht man neue Beziehungen ein, gründet vielleicht eine eigene Familie. Bei den meisten hört das Gefühl, alleine nicht zurechtzukommen, irgendwann auf.
