Jonas (von hinten) drückt auf Knopfleiste, Eisenbahnschienen sind vor ihm aufgebaut
Frühförderung
Gemeinsam Barrieren überwinden

Wo jedes Kind verstanden wird

Frühförderstellen unterstützen Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen. Im SOS-Kinder- und Familienzentrum in Garmisch-Partenkirchen zeigt sich, wie gut das funktioniert.
Beim Spielen mit der Eisenbahn ist Jonas* schon um acht Uhr morgens hoch konzentriert. Welche Waggons sollen an der Lok hängen? Wie sollen die Schienen gelegt werden? Und wann fährt der Zug ab? All das kann und soll Jonas mitbestimmen, auch wenn sprechen für den fast fünfjährigen Jungen schwierig ist. Um trotzdem mit Jonas ins Gespräch zu kommen, hat seine Spielpartnerin, Heilpädagogin Stephanie Schuldes, neben der Eisenbahn eine sogenannte Sprechleiste aufgebaut. Auf Knopfdruck kann Jonas einzelne Worte wie zum Beispiel „Start“ und „Stop“ aus der schwarzen Box abspielen und sich so verständlich machen.
Was von außen leicht und spielerisch aussieht, ist für Jonas Herausforderung und Förderung zugleich. Wegen einer Entwicklungsverzögerung fehlen dem kleinen blonden Jungen wesentliche Fähigkeiten anderer Kinder in seinem Alter. Mit Sprache zu kommunizieren, ist eine davon. Damit Jonas und Kinder in ähnlichen Situationen sich trotzdem so gut wie möglich entwickeln können, gibt es Stephanie Schuldes und ihre Kollegen und Kolleginnen in der interdisziplinären Frühförderstelle des SOS-Kinderdorfs Weilheim in Garmisch-Partenkirchen.
Frühförderstellen richten sich an Familien mit Kindern, die zwischen Geburt und Schuleintritt Auffälligkeiten in ihrer Entwicklung zeigen oder bei denen eine körperliche oder geistige Behinderung festgestellt wurde. In den Frühförderstellen werden sie gefördert, Stärken trainiert und Schwächen dadurch ausgeglichen. Je nach Bedarf kümmern sich Pädagogen, Psychologen, Ärzte, Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden um die Kinder. „So können wir jedes Kind ganz individuell fördern“, fasst es Heilpädagogin Stephanie Schuldes zusammen.
Zeitgleich zu Jonas' Sitzung im ersten Stock leitet Ergotherapeutin Elisabeth Maurer in einem Bewegungsraum im Erdgeschoss ein kleines Mädchen bei verschiedenen Motorikübungen an. Das Kind hat sichtlich Spaß dabei, strahlt über das ganze Gesicht. „So etwas ist auch für mich schön zu sehen, wenn die Kinder mit Spaß und Freude, also spielerisch neue motorische Fähigkeiten erwerben”, sagt Maurer.

Selbstbewusst dank Förderung

Die Kinder, mit denen Stephanie Schuldes, Elisabeth Maurer und die anderen Mitarbeitenden der Frühförderstelle täglich zu tun haben, kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen zu dem Angebot. Einige haben geistige oder körperliche Behinderungen, bei anderen besteht ein Verdacht auf ADHS oder Autismus, manche sprechen gar nicht oder nur wenig. „Gemeinsam haben sie, dass sie durch eine Einschränkung in ihrer Entwicklung gefährdet sind und Barrieren im Alltag erfahren“, erklärt Heilpädagogin Stephanie Schuldes nach ihrem Termin mit Jonas. Um diese Einschränkungen auszugleichen und die Fähigkeiten der Kinder zu stärken, können Kinderärzte ihre kleinen Patienten und Patientinnen an die Frühförderstelle überweisen. 
Die verschiedenen Experten des Teams fördern die Kinder dann in Einzelsitzungen zielgerichtet und altersgerecht. „Wir üben zum Beispiel Alltagssituationen und arbeiten mit Ritualen“, erklärt Ergotherapeutin Maurer. Ein solches Ritual könne zum Beispiel bedeuten, dass ein Kind, wenn es in der Frühförderung ankommt, sich erst einmal selbst die Schuhe auszieht. „Das können zu Anfang nicht alle, aber mit genug Geduld und der richtigen Unterstützung klappt es nach einiger Zeit bei vielen“, erzählt die Ergotherapeutin. 
„Bei uns merken Kinder, dass sie verstanden werden.“
Elisabeth Maurer
Auch spielerische Methoden können den Kindern helfen, bestimmte Fähigkeiten zu verbessern. Das Spiel mit dem Zug zum Beispiel trainiert sowohl das motorische Geschick als auch die Auge-Hand-Koordination. Und mithilfe von Symbolbildern, sogenannten METACOM-Karten, und dem „Talker“, einem Sprachcomputer, können auch nicht sprechende Kinder lernen, sich aktiv zu beteiligen und mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. So entstehen für die Kinder schnell viele kleine Erfolgsmomente, die ihr Selbstbewusstsein stärken. 

Ein schwieriger Start

Wie gut Kinder mit den Methoden der Frühförderung bei einer gesunden Entwicklung unterstützt werden können, zeigen Beispiele wie das der Familie Hammash. Bis vor etwa einem Jahr sah man Vater Mohamad Hammash noch regelmäßig im SOS-Familienzentrum in Garmisch. Heute ist er nur kurz zu Besuch gekommen. Vier Kinder haben er und seine Frau insgesamt, zwei davon wurden bis vor Kurzem in der Frühförderstelle betreut. Die älteste Tochter Farah* war gerade einmal zwei Jahre alt, als die Familie im Jahr 2014 vor dem Krieg in ihrer Heimat Syrien floh. 
Kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland sei Farah noch gesund gewesen, berichtet Mohamad, „doch dann hat sie auf einmal aufgehört zu sprechen und viel geweint“. Eine Kinderärztin stellte bei dem Mädchen schließlich Autismus fest und überwies Farah und ihre Familie an die Frühförderstelle in Garmisch. „Das war von Anfang an so eine große Unterstützung“, erzählt Hammash. Farah bekam verschiedene Angebote der Ergotherapie, Logopädie und Heilpädagogik und machte einen Entwicklungsfortschritt nach dem anderen. „Bald konnte sie uns zum Beispiel mit den Symbolkarten zeigen, wenn sie etwas gebraucht hat. Später hat sie dann einen Sprachcomputer benutzt“, erzählt Mohamad Hammash.
Nach und nach kamen die Hammashs in Deutschland an. Nach Farah bekamen Mohamad Hammash und seine Frau zwei weitere, gesunde Kinder. Doch als ihr viertes Kind auf die Welt kam, musste die Familie sich erneut einer großen Herausforderung stellen. Denn Tochter Nadya* wurde mit einem seltenen Gendefekt geboren und musste direkt nach ihrer Geburt mehrmals operiert werden. Von Anfang an war das Mädchen in seiner Entwicklung verzögert, ist körperlich und geistig eingeschränkt. 
Für die Hammashs war es eine große Erleichterung, als auch Nadya an die Frühförderstelle überwiesen wurde. Heute kann sie sich mit einfacher Sprache und Gebärden verständigen und ist, sagt Vater Mohamad, „ein sehr fröhliches Kind“. Seit einem Jahr geht Nadya in einen integrativen Kindergarten. Die Mitarbeitenden der Frühförderstelle hatten ihre Eltern bei der Suche nach dem Platz unterstützt. Zuvor konnten alle Kinder der Familie in die integrative Kinderkrippe des Kinder- und Familienzentrums des SOS-Kinderdorfs Garmisch gehen.

Kleine und große Erfolge 

Für Farahs und Nadyas Eltern war es eine große Erleichterung, im Kinder- und Familienzentrum so viele Angebote unter einem Dach zu bekommen. 
„Ich musste nach unserer Ankunft in Deutschland selbst vieles lernen. Ohne die Frühförderstelle wäre es für uns viel schwieriger gewesen.“
Mohamad Hammash 
Dass die Frühförderstelle langfristig wirkt, zeigt sich auch an Farah. Heute ist das Mädchen zwölf Jahre alt und geht auf eine Förderschule. Inzwischen ist ihr Wortschatz so groß, dass der einfache Sprachcomputer einem Tablet gewichen ist. „Und auch sonst macht sie weiter richtig große Schritte“, sagt Vater Mohamad Hammash stolz.
Wenn Mohamad Hammash über die kleinen und großen Erfolge seiner Familie spricht, dann freut das auch die Mitarbeitenden der Frühförderstelle. Für sie ist es schön zu hören, wenn sie die Entwicklung eines Kindes zum Positiven verändern konnten. Dass das oft passiert, merken sie auch immer wieder in ihrem Alltag. Zum Beispiel heute Morgen, als der kleine Jonas von sich aus nach der Sprechleiste gegriffen hatte. „Wenn man merkt, ein Kind wird selbstbewusster und selbstständiger, ist das immer ein schöner Moment“, sagt Ergotherapeutin Elisabeth Maurer. Und ihre Kollegin Stephanie Schuldes ergänzt: 
„Wir begleiten die Kinder ja nur ein Stück auf ihrem Weg. Aber wenn sie merken, was sie schon alles können und dass sie gut sind, so wie sie sind, ist das jedes Mal toll zu sehen.“
* Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert