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SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Frauen machen Frauen stark

„Drei Farben hat die Ampel“, erklärt die Trainerin einer Gruppe Frauen, die im Stuhlkreis sitzt. „Bei grün ist alles ok, und ihr könnt sitzen bleiben. Aber wenn euch etwas komisch vorkommt, dann wird die Ampel gelb oder rot und ihr steht auf und ruft ,Stopp‘.“ Dann kommt eine der Frauen durch die Tür, nähert sich langsam der Gruppe auf den Stühlen. Sie trägt eine Mütze, die sie tief ins Gesicht gezogen hat. „Achtet auf eure Ampel“, sagt die Trainerin. Da ruft die Frau der Gruppe zu: „Na ihr Süßen?“. Sofort springen die meisten der Frauen von ihren Stühlen auf, strecken die Hände nach vorne und rufen „Stopp“. Trainerin Cecilia Keller ist zufrieden. „Sehr gut“, lobt sie.
Die Szenen, die an einem frühlinghaften Nachmittag im großen Saal der
SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth
stattfinden, sind Teil eines Wendo-Kurses, bei dem Frauen Techniken zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung lernen können. Organisiert haben den Kurs die Frauenbeauftragten der SOS-Dorfgemeinschaft, die Hohenrotherinnen Christiane und Michelle, die heute auch selbst an dem Kurs teilnehmen.

Stark gegen Gewalt

Seit 2023 wählen die Bewohnerinnen der Dorfgemeinschaft alle vier Jahre Frauenbeauftragte aus ihrer Mitte. Sie sind Ansprechpartner für die Sorgen und Anliegen der weiblichen Bewohnerinnen der SOS-Dorfgemeinschaft, in der Erwachsenen mit kognitiver Beeinträchtigung zusammen leben und arbeiten. Michelle stellt fest: 
„Wir möchten den Frauen in Hohenroth helfen, sich stark zu fühlen.“
Warum das nötig ist, erklärt Elfriede Denk, Fachkraft für Betreutenschutz in der SOS-Dorfgemeinschaft, die sich als Vertrauensperson auch um die Frauenbeauftragten kümmert:
„Frauen mit Behinderungen sind in etwa viermal so häufig von Gewalt betroffen, wie Frauen ohne Einschränkungen.“
Damit es im Idealfall gar nicht zu Übergriffen kommt, gibt es neben den vertrauten Bezugspersonen in der Mitarbeiterschaft, dem pädagogischen Fachdienst und der Leitungsebene, die Frauenbeauftragten, als niederschwellige Anlaufstelle. An sie können die Frauen der Dorfgemeinschaft sich ebenso vertraulich wenden, wenn sie sich zum Beispiel mit bestimmten Personen oder Situationen unwohl fühlen. Damit die Frauenbeauftragten wissen, wie sie damit umgehen, wurden sie nach ihrer Wahl erst einmal ausführlich geschult. „Wir haben zum Beispiel über verschiedene Arten von Gewalt gesprochen und wie Frauen sich dagegen wehren können“, erzählt Christiane.

Neinsagen erlaubt

Wenn eine Frau ein Problem an Michelle und Christiane heranträgt, überlegen die Frauenbeauftragten zunächst, wie sie am besten darauf reagieren. „Manchmal hilft es schon, den Frauen zu sagen, dass sie nein sagen und sich wehren dürfen, zum Beispiel wenn jemand in das Zimmer einer Frau kommt, ohne zu fragen“, sagt Christiane. Auch den Täter auf sein Verhalten anzusprechen, könne viel bringen. Denn nicht alle Bewohner der Dorfgemeinschaft erkennen eigene und fremde Grenzüberschreitungen auch als solche. Um diesem Problem präventiv zu begegnen, gibt es neben den Frauenbeauftragten seit einigen Jahren auch Frauen- und Männergruppen in der Dorfgemeinschaft, in denen über Sexualität und Beziehungen aufgeklärt wird.
In anderen Fällen kann aber auch mehr Unterstützung notwendig sein. „Dann fragen wir die Frauen, ob es in Ordnung ist, wenn Frau Denk dazu kommt“, sagt Michelle. Die Expertin für Betreutenschutz erklärt:
„Es geht nicht darum, dass die Frauenbeauftragten alles allein regeln sollen. Aber es geht um Selbstermächtigung und darum, dass Rechte erklärt und umgesetzt werden.“
In der Praxis funktioniert das bisher sehr gut: „Gemeinsam finden wir eigentlich immer eine Lösung“, sagt Christiane.

Ein starkes Netz

Neben ihrer Arbeit als Vertrauenspersonen helfen die Frauenbeauftragten aber auch dabei, die weiblichen Bewohnerinnen der Dorfgemeinschaft untereinander zu vernetzen und zu stärken. Mit einem Frauencafé beispielsweise einem gemeinsamen Filmabend oder Aktionen wie dem Wendo-Kurs, über dessen Erfolg Christiane sich schon jetzt freut: „Ich bin total überrascht, wie gut die anderen mitmachen. Das ist toll“, sagt sie und strahlt.
Als der Kurs langsam zu Ende geht, sprechen die Frauen in einem letzten Stuhlkreis darüber, was sie am heutigen Tag gelernt haben. Abschließend ermutigt Trainerin Cecila Keller die Frauen: „Ab jetzt schaltet ihr jeden morgen, wenn ihr aufsteht, eure innere Ampel an. Ihr dürft darauf hören.“

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