Das Familienzentrum „Elly“ in Berlin-Moabit
An Berliner Schulen sorgen spezielle Familienzentren dafür, dass vor allem bildungsferne Familien leichteren Zugang zu Bildung und Gesellschaft finden. Ein Besuch an der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Moabit.
Malik* ist schlecht gelaunt. Warum hat ihn sein Vater nicht schon längst abgeholt? Und kann er nicht einfach allein nach Hause gehen? Schließlich wohnt er gleich um die Ecke. Es ist 13.30 Uhr an der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in der Siemensstraße in Berlin-Moabit. Viele Kinder sind schon zu Hause oder im nahe gelegenen Hort. Am Standort Siemensstraße werden die Klassen 1 bis 6 unterrichtet, die die Grundschule in Berlin umfasst. Die höheren Klassen 7 bis 13 haben ein eigenes Schulgebäude ein paar Straßen weiter.
Ganz am Ende des langen Schulhofs stehen Bänke und Tische. An einem davon sitzt Malik und kann sich nach kurzer Zeit dann doch ein wenig ablenken mit all den interessanten Spielsachen, die dort aufgebaut sind. Aus einer Kiste holt er zwei wuschelige Stoffpuppen hervor und beginnt, Quatsch zu machen. Am Nebentisch sitzt derweil eine Gruppe von Kindern, die ruhig und konzentriert damit beschäftigt ist, Steine bunt zu bemalen. Und um die Ecke, an einer Steinmauer, haben zwei Schülerinnen begonnen, aus Holzbrettern Hochbeete zusammenzustecken.
Die Wahrnehmung von Schule verändern
Die nachmittäglichen Spiel- und Gartenangebote, bei denen auch die Eltern der Schüler dabei sind, gehören zum Programm des Familienzentrums „Elly“, das seit September 2023 an der Schule aktiv ist. Es ist Teil eines Modellprojekts des Berliner Senats zum Ausbau der Familienförderung an Schulen. „Die Idee war, die bereits bestehenden Familienzentren durch solche zu ergänzen, die direkt an den Schulen angesiedelt sind“, erklärt die Sozialpädagogin Karolin Kroggel, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Julia Willenborg die Veranstaltungen im Elly organisiert. Insgesamt 16 dieser Zentren gibt es derzeit in Berlin.
Betrieben wird Elly von SOS-Kinderdorf, auch Kroggel und Willenborg sind Mitarbeiterinnen von SOS-Kinderdorf. Ziel ist es, vor allem bildungsferne Familien anzusprechen, die oft Hemmungen haben, Unterstützungsangebote anzunehmen. Etwa, weil die sprachlichen und kulturellen Hürden zu groß sind. „Genau diese Eltern erreichen wir aber sehr gut an den Grundschulen. Also dort, wo sie ohnehin jeden Nachmittag sind, um ihre Kinder abzuholen“, sagt Kroggel. „Wir können relativ schnell Kontakt zu ihnen aufnehmen.“ Letztlich gehe es auch darum, mit Angeboten wie Elly die Wahrnehmung von Schule zu verändern. Gerade Familien mit Zuwanderungsgeschichte fühlten sich oft bevormundet – und das zu Recht. „Das System ist leider so gestrickt, dass man als Eltern in der Regel nur dann kontaktiert wird, wenn etwas schiefläuft“, so Kroggel. Eine Herausforderung für eine aktive Elternarbeit, die gerade darauf setzt, ein positiv konnotiertes Umfeld zu schaffen, in dem sich die Familien wohlfühlen. Genau daran arbeitet man im Familienzentrum Elly.
Kochen, Museumsbesuche, Selbstverteidigung
Zu diesem Zweck haben Kroggel und Willenborg in kurzer Zeit ein beeindruckendes Programm auf die Beine gestellt. Montags veranstaltet das Elly-Team einen Miniflohmarkt, dienstags gibt es Gelegenheit zum gemeinsamen Kochen und Mittagessen. „Viele Familien vermissen es, ihre traditionellen Gerichte zu kochen. Manche haben zu Hause gar keine eigene Küche“, erklärt Kroggel. Donnerstags können sich die Eltern in Schulangelegenheiten beraten lassen und freitags gibt es einen Ausblick auf das Wochenende mit Tipps für kostenlose Mitmachaktionen und Feste innerhalb des Kiezes und in der Umgebung. Zu den Freizeitangeboten gehört auch das Angebot Kultour, bei dem angeleitete Kulturbesuche mit den Familien kostenlos ermöglicht werden. „Letzten Sonntag waren wir zusammen im Museum für Kommunikation“, erzählt Willenborg. „Das hat super geklappt. Für viele unserer Familien ist das eine ziemlich fremde Umgebung. Nach einer guten halben Stunde waren aber alle wirklich ‚angekommen‘ und konnten sich auf die Ausstellung einlassen. Da geht es um für uns so selbstverständliche Dinge, etwa wie man sich in so einem Kontext verhält oder wie man mit den Ausstellungsstücken umgeht.“
Zu den wöchentlichen Aktionen kommen Angebote wie die Garten-AG, themenbezogene Elterncafés als Informationsveranstaltungen und Gelegenheiten zum Austausch sowie spezielle Sportangebote. Besonders gut kam ein Selbstverteidigungskurs an, in dem Eltern lernen, wie sie ihre Kinder in gefährlichen Situationen schützen können. „Es war sehr schön zu sehen, welch positive Dynamik das ausgelöst hat. Wie beschützt sich viele Schülerinnen und Schüler in den Gefahrensituationen gefühlt haben, die wir im Training simuliert haben“, erzählt Karolin Kroggel, die den Kurs begleitet hat
Unterstützung aus dem Kiez
Seine Veranstaltungsformate und Events erarbeitet Elly in enger Vernetzung mit dem SOS-Kinderdorf Berlin, allen voran dem SOS-Familienzentrum Berlin-Moabit, nur drei Gehminuten von der Schule entfernt und schon seit Langem fest im Kiez verankert. Dort finden etwa regelmäßig die „Gesunden Tage“ statt, ein mehrtägiges Veranstaltungsprogramm rund um Ernährung, Bewegung und Umwelt. Elly greift das Thema mit einer „Schnibbeldisko“ auf: Jeder, der Lust hat, schnappt sich ein Messer und schnibbelt los: Gemüse, frische Kräuter – alles, was gesund ist. Am Ende gibt es ein großes Abendessen für die beteiligten Familien.
Elly kooperiert aber auch mit anderen lokalen Partnern. Gegenüber der Schule im Moabiter Stadtgarten hat das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) seinen Sitz. Kroggel und Willenborg kennen den von Künstlerinnen und Künstlern geleiteten Projektraum gut, beide leben schon seit Jahrzehnten im Kiez. Auch hatte Willenborg bereits an ihrer alten Schule einen Schulgarten aufgebaut. „Als wir gesehen haben, dass sich das ZK/U mit dem Thema Urban Gardening beschäftigte, dachten wir spontan: ‚Das wäre auch was für Elly‘“, erzählt Kroggel. Im Baumarkt besorgten sie sich Bretter mit Metallstiften und -ösen an den Seiten – zum Zusammenstecken und genau in der richtigen Größe für eine Standard-Holzpalette. Fertig ist das Hochbeet. Das Ganze wird dann mit Erde aufgefüllt, die unteren Schichten fallen durch die Streben der Palette nach unten durch und können als Kompost verwendet werden.
Schnupperkurse für Vorschulkinder
An diesem Nachmittag liegen die meisten Bretter allerdings noch ungenutzt auf dem Boden, ein paar Holzrahmen sind zwar schon fertig, die Schülerinnen Ceren* und Kaja* haben beim Zusammenstecken geholfen. Zum Einfüllen der Erde und dem Pflanzen ist man allerdings noch nicht gekommen. „Wir können natürlich nie sagen, wie viele Eltern tatsächlich zu den Angeboten kommen“, sagt Julia Willenborg. „Heute war das Wetter vielleicht einfach etwas zu schön, um nach dem Abholen nicht gleich in den Park zu gehen.“ Zudem sei Elly eben noch relativ jung, es brauche seine Zeit, um die nötige Aufmerksamkeit auch für größere Gruppen zu generieren. Um die Sichtbarkeit zu erhöhen, bauen Kroggel und Willenborg ihren „Pavillon“ aus Bänken und Tischen normalerweise direkt hinter dem Eingangstor zum Schulgelände auf, und nicht wie heute ganz am anderen Ende des Schulhofs. „Das haben wir nur gemacht, um möglichst nah an der Bastelecke für die Hochbeete zu sein“, erklärt Kroggel.
Vivienne hat trotzdem den Weg vom Tor bis in den hinteren Winkel gefunden. Die junge Mutter hat ihren Sohn Issa dabei, der dieses Jahr noch hier eingeschult wird. Die Familie wohnt nur ein paar Straßen weiter. Im Moment geht Issa noch in eine Kita in Neukölln, ein weiter Weg von Moabit, wie Vivienne erzählt. Aber ihre Schwiegereltern wohnen dort und können den Kleinen an vielen Tagen abholen. Für die Schule hat sie sich allerdings dann doch etwas in der Nähe gewünscht. Vom heutigen Termin hat sie über den Elly-Newsletter erfahren: Nach der Garten-AG ist ein Vorschul-Schnupperkurs für die Eltern der kommenden Erstklässlerinnen und Erstklässler angesetzt. „Unser Anspruch ist es auch, die Übergänge für die neuen Eltern und Kinder gut zu gestalten. Deshalb haben wir bei der Anmeldung direkt die Gelegenheit genutzt, um Adressen für unseren Newsletter-Verteiler abzufragen“, erklärt Julia Willenborg.
Ein Glascontainer als Büro
Präsent bei den Schnupperkursen ist immer auch Juliane Blome, die gerne Auskunft zu allen Fragen rund um die Schule gibt. Seit zehn Jahren arbeitet Blome an der Schule, vor vier Jahren hat sie die Leitung des Standorts Siemensstraße übernommen. Unterrichten sei hier auch immer wieder eine Herausforderung, erzählt sie im Schatten einer der großen Linden und Ahornbäume auf dem Schulhof – Pinsel und Holzpflegelösung in der Hand: Die Bänke müssen neu gestrichen werden. Dabei gentrifiziere sich der Kiez immer weiter, so Blome. „Wir haben es mit einer großen Bandbreite von sehr bildungsnahen bis sehr bildungsfernen Familien zu tun. Manche Kinder können schon lesen, wenn sie in die Schule kommen, andere haben regelrecht Probleme damit, einen Stift zu halten.“ Das Familienzentrum Elly war von Anfang an als Entlastung für die Pädagoginnen und Pädagogen gedacht, als Bindeglied zwischen Unterricht und Hort, wie Blome sagt. „Elly setzt dort an, wo Lehrerinnen und Lehrer einfach keine Kapazitäten mehr haben.“
In die Konzeption von Elly war Blome von Anfang an eng eingebunden, was sie sehr zu schätzen weiß. Patin für den Namen des Projekts steht Elly Heuss-Knapp, die Frau von Theodor Heuss und Gründerin des Müttergenesungswerks. „Wir fanden es eine gute Idee, schon auf diese Weise ein Zeichen für Vielfalt und Inklusion zu setzen.“ Noch mehr Aufmerksamkeit für Elly wird bald ein Glascontainer schaffen, der auf dem Schulhof platziert wird und Raum für Büroarbeiten und den Austausch mit den Eltern bietet. Ein wichtiger Schritt, wie auch Kroggel und Willenborg betonen. „Im Moment sind wir etwas versteckt im ersten Stock untergebracht. Wenn der Container erst einmal steht, sind wir natürlich viel näher dran an den Eltern, die nicht erst aktiv nach uns suchen müssen, sondern auf dem Schulhof quasi direkt auf uns zulaufen.“
Freiluftkino auf dem Schulhof
Das Engagement des Familienzentrums Elly – das zeigt sich schon jetzt – wird die Grundschule in Moabit nachhaltig verändern. Dort, wo vielleicht schon in wenigen Wochen der Glascontainer steht, fällt der Blick auf eine große, schneckenförmige Aufschichtung aus Erde und Steinen: eine Kräuterspirale, die Eltern mit ihren Kindern im Rahmen der Garten-AG angelegt haben. Jede Familie, die möchte, kann sich um eine kleine Parzelle kümmern und dort Kräuter anpflanzen. Und auf den großen Brandmauern, die den lang gestreckten Schulhof begrenzen, werden bald Kinofilme zu sehen sein. „Wir haben das bei der Eröffnungsfeier mit Dias ausprobiert, das hat super funktioniert“, erzählt Schulleiterin Juliane Blome. Die Idee kam von Elly.
* Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert
