
Mit Rückhalt den Traum im Blick
Als Julia aus ihrer Familie genommen wird, ist sie erst neun Jahre alt. Sie wächst in einer Wohngruppe im SOS-Kinderdorf Frankfurt auf. Dort findet sie den Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Heute kämpft sie für ihren Traum, Polizistin zu werden.
Die 19-jährige Julia steht an der großen Kücheninsel, vor ihr eine Metallschüssel, in einer Hand hält sie eine Packung Butter. Eine schwarz-weiß gestreifte Schürze bedeckt ihr weißes Kleid. Im Hintergrund sitzt ein blonder Junge mit einer Betreuerin am Tisch und liest laut aus einem Buch vor.
Dass Julia heute selbstbewusst in der Küche steht, war nicht immer so. Julia lebt seit elf Jahren im SOS-Kinderdorf Frankfurt ‒ zunächst in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche, seit wenigen Monaten in einer eigenen Wohnung im SOS-Kinderdorf. Betreuerin Angelina Hirschberger begleitet sie seit Tag eins.
Mit neun Jahren musste Julia aus ihrer Familie genommen werden. „Meine Mutter konnte sich nicht so gut um mich kümmern“, erzählt sie. Die Mutter ist schwer suchtkrank, ihren Vater kennt Julia nicht. Julias Mutter ist oft betrunken und vernachlässigt ihre Tochter schwer. Julia beginnt schon früh für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie bereitet sich Essen zu, geht eigenständig in die Schule.
Ein schwerer Start
Als sie eines Tages in der Schule ihr Pausenbrot auspackt, entdeckt sie darauf ein weißes Pulver. Aus Angst davor, es könnten Drogen sein, erzählt sie ihrer Lehrerin davon. Diese informiert sofort das Jugendamt. Das kennt die Familie schon, Julia hatte bereits zuvor für kurze Zeit in einer Pflegefamilie gelebt. Nach dem Vorfall wird Julia in Obhut genommen und in einer Wohngruppe von SOS-Kinderdorf untergebracht.
Die Folgen der Vernachlässigung sind anfangs deutlich spürbar. Julia ist ein schüchternes und zurückhaltendes Kind, sie spricht anfangs kaum. Sie zieht sich häufig in selbstgebauten Höhlen zurück. „Sie hat sich ihre eigene Welt geschaffen“, erinnert sich Hirschberger. Da Julia von zuhause nur Tütensuppen und Toast kennt, ist es lange das Einzige, was sie essen möchte. „Man konnte kochen, was man wollte. Sie hat es nicht gegessen“, sagt Hirschberger. Mit der Zeit öffnet sich Julia, wird aufgeschlossener und selbstbewusster.
In der Wohngruppe lebt Julia mit weiteren sieben Kindern. Sechs Fachkräfte kümmern sich rund um die Uhr im Schichtdienst um sie.
„Es war wie in einer ganz normalen Familie“,
findet Julia. Die Kinder gehen in den Kindergarten und zur Schule, essen danach gemeinsam mit dem Team Mittag und machen Hausaufgaben. Sie machen Sport, spielen ein Instrument, treffen Freunde oder gehen gemeinsam ins Kino oder Schwimmbad. „Wir wollen, dass sie eine schöne Kindheit haben und behütet aufwachsen können“, erzählt Hirschberger.
Schritt in die Selbstständigkeit
Die Ein-Zimmer-Wohnung, in die sie vor Kurzem gezogen ist, ist hell und gemütlich. Julia hat die Wohnung zu ihrem Zuhause gemacht. Pastellgrüne Vorhänge, weiße Möbel und der Duft nach Vanille und Blumen verleihen dem Raum eine warme Atmosphäre. Die Wohnung befindet sich im selben Gebäude wie die Wohngruppen von SOS-Kinderdorf, ist für Julia aber ein weiterer, großer Schritt in ein selbstständiges Leben. Die Grundlage dafür legte sie mit dem Beginn ihrer Ausbildung zur Bundespolizistin vor drei Jahren. Den Wunsch Polizistin zu werden, hatte sie schon im Kindergarten, erzählt sie. Nach der Realschule bereitet sich Julia gemeinsam mit ihrer Betreuerin auf die Aufnahmeprüfung vor – und besteht. Sie ist überglücklich. Sie erinnert sich:
„Es war ein Traum. Ich dachte nicht, dass er wahr wird.“
Die Ausbildung verlangt viel von Julia. Mit 16 Jahren zieht sie nach Oerlenbach in Bayern, weit weg von ihrem gewohnten Umfeld. Frühes Aufstehen, Sport, Unterricht bis in den späten Nachmittag – der neue Alltag ist eine große Umstellung für die Jugendliche: „Es ist eine Herausforderung. Man muss sich an der einen oder anderen Stelle durchkämpfen“, sagt sie.
An den Wochenenden fährt Julia fünf Stunden zurück ins SOS-Kinderdorf. Hirschberger erinnert sich an die erste Zeit: „In den ersten Ferien hat sie den ganzen Tag geschlafen.“ Julia kämpft sich durch die Ausbildung und macht verschiedene Praktika an Bahnhöfen, Flughäfen und an der deutschen Grenze. Anfang des Jahres dann der Rückschlag: Sie fällt durch eine Sportprüfung und besteht deshalb die Abschlussprüfung nicht. Doch Aufgeben kommt für die junge Frau nicht infrage. Im Herbst will sie ihre zweite Chance nutzen.
Beziehungen, die bleiben
Julia und Angelina Hirschberger haben viel gemeinsam erlebt. Die Pädagogin hat sie von Anfang an begleitet. Seitdem ist eine enge Bindung zwischen den beiden entstanden. Ihre Erlebnisse haben sie zusammengeschweißt: vom Aussuchen des Kleides für Julias Abschlussfeier über ein gemeinsames Weihnachtsfest bis zu einem Urlaub in einem Ferienhaus im Schwarzwald. Julia ist dankbar für die Beziehung. „Zu wissen, dass da immer jemand da ist, der mir Rückhalt gibt und auf den ich zukommen kann, ist sehr schön.“
Auch eines ihrer größten Hobbies, das Backen, begann Julia zusammen mit Hirschberger. Julia probiert sich danach weiter aus und eignet sich viel Wissen selbst an. Inzwischen macht sie am liebsten Torten für ihre Freunde: Buttercremetorten, Schokotorten, Torten mit Fondant und vielen kleinen Details. Auch heute bleibt Angelina Hirschberger Julias engste Vertraute. Im Verselbständigungswohnen sollen die jungen Erwachsenen Stück für Stück lernen auf eigenen Beinen zu stehen und gut auf ein Leben nach ihrem Auszug bei SOS-Kinderdorf vorbereitet werden. Braucht Julia Unterstützung im Alltag, kann sie sich weiterhin jederzeit an ihre Betreuerin wenden. Die beiden verbringen immer noch gerne Zeit miteinander: Sie gehen frühstücken, Eis essen oder schauen Serien.
Eine halbe Stunde später sitzen Julia und Angelina Hirschberger im Gras auf einer Decke und probieren die selbstgemachten Cookies. „Schmeckt gut“, sagt Julia und beißt erneut in den Keks. Im Herbst bekommt Julia ihre zweite Chance in der Abschlussprüfung. Danach will sie mit ihrem Freund nach Frankfurt ziehen. Die Stelle am Flughafen wäre ihr bei Bestehen sicher. „Dieses Mal schaffe ich es“, sagt sie.