Herr und Frau Schmidt
Annabell und Marcel Schmidt leben auf dem SOS-Hof Bockum in der Nähe von Lüneburg und haben geheiratet. Ihre Geschichte erzählt von Liebe, Verantwortung und dem Wunsch, das eigene Leben selbst zu gestalten.
Drei Eheringe – welches Paar kann das schon von sich behaupten? Annabell und Marcel Schmidt zum Beispiel. Einen verlor der Ehemann im Vorgarten, den zweiten kaufte er kurzerhand nach. Und dann, Wochen später, tauchte der erste wieder auf, halb verborgen unter einem Strauch, leicht mit Erde bedeckt. „Doppelt hält besser“, sagt Marcel und grinst. Heute trägt er beide Ringe.
Gemeinsam mit seiner Frau Annabell lebt Marcel auf dem SOS-Hof Bockum, in einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft für Erwachsene mit geistiger Behinderung, rund 30 Kilometer von Lüneburg entfernt. Hier haben die beiden ein Zuhause gefunden.
Zwei gemeinsame Zimmer
Im ersten Stock des Backsteinhauses hängt an einer Holztür ein Blatt Papier mit der Aufschrift: „Frau Schmidt – Herr Schmidt“. „Das war früher mein Zimmer. Seit der Hochzeit teilen Marcel und ich es uns“, sagt Annabell Schmidt und deutet in den Raum, in dem ein Doppelbett unter dem Fenster steht, darauf liegen zwei Plüschtiger – Tiger sind Marcels Lieblingstiere. Im Untergeschoss, in Marcels ehemaligem Zimmer, haben sich die beiden einen gemütlichen Rückzugsbereich mit Sofa und Fernseher eingerichtet.
Der SOS-Hof Bockum ist ein ruhiger, freundlicher Ort mit Vorgärten voller Narzissen, mit schnatternden Gänsen und sattgrünen Weiden. Etwa 60 Menschen leben hier in acht Hausgemeinschaften, dazu gibt es verschiedene Werkstätten. Marcel arbeitet in der Landschaftspflege, Annabell kümmert sich um die Kühe des Hofes.
Aus Freundschaft wurde Liebe
„Sie sind das dritte Paar, das hier heiratet – und wir haben uns riesig mitgefreut“, erzählt Hausmutter Isabelle Rodegerdts. Ihr Partner Jan Meyer ergänzt: „Unser Ziel ist es, allen Bewohnerinnen und Bewohnern zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Für die einen bedeutet das, mit dem Rad einkaufen zu fahren, für die anderen, in eine eigene Wohnung zu ziehen, und für manche heißt es eben: heiraten und gemeinsam in die Zukunft schauen.“
Kennengelernt haben sich Annabell und Marcel Schmidt kurz nachdem sie als junge Erwachsene auf den Hof gezogen waren. Bei Gartenfesten kamen sie sich näher, aus Freundschaft wurde Liebe und schließlich eine Partnerschaft. Einen klassischen Antrag gab es nicht. „Wir wollten einfach heiraten“, sagt Marcel Schmidt.
Annabell holt ein Fotoalbum aus dem Regal – ein Geschenk der Hauseltern. Es zeigt den Tag beim Standesamt im Nachbardorf Amelinghausen: den Oldtimer, Annabell in weißer Spitze, Marcel mit Blüte im Revers. Auch viele Mitbewohnerinnen und Mitbewohner aus der Hofgemeinschaft sind zu sehen, die das Paar nach der Trauung willkommen heißen.
Weil Annabell und Marcel zufällig schon vorher beide Schmidt hießen, blieben ihnen viele Formalitäten erspart. Nur Annabell musste sich umgewöhnen: Zur Feier des Tages ließ sich Marcel seine schulterlangen Haare abschneiden. „Ich habe ihn fast nicht erkannt“, erinnert sich Hausvater Jan Meyer und lacht.
Der Traum von der eigenen Wohnung
In ihrer vertrauten Hausgemeinschaft fühlen sich die Eheleute Schmidt wohl, aber sie träumen schon vom nächsten Schritt: „Wir suchen eine eigene Wohnung in der Nähe“, sagt Annabell. Die Hauseltern unterstützen sie bei dem Vorhaben, nicht zuletzt, weil der Weg durch viel Bürokratie führt. „Aber wir trauen es ihnen absolut zu und sagen: ‚Los, macht das! Ihr schafft das!‘ Und wenn etwas schiefgeht, kommen sie einfach wieder zurück“, sagt Isabelle Rodegerdts.
Bereits jetzt hat die Hochzeit das Selbstbewusstsein der beiden gestärkt. Als Annabell vor einigen Jahren das Angebot bekam, in eine Wohngruppe ohne Hauseltern zu ziehen, sagte sie noch zögerlich ab. „Damals war sie sehr schüchtern“, erinnert sich Jan Meyer. „Heute steht sie mit Marcel an der Gitarre auf der Bühne und singt vor Publikum.“ Annabell ist seit Mitte Mai auch Teil der gewählten Vertretung der Bewohner und Bewohnerinnen.
Wann auch immer der Umzug gelingt* – eines ist sicher: Diese Ehe ist bereits heute mehr als Romantik. Sie steht für Verbindlichkeit, Vertrauen und das Recht, das eigene Leben selbst zu gestalten.
* Kurz nach dem Besuch der Redaktion für diese Geschichte haben Annabell und Marcel eine Wohnung gefunden. Inzwischen sind sie umgezogen.
