Zwei Mädchen umarmen sich und schauen auf den Caldonazzosee

„Das Gemeinschaftsgefühl ist dasselbe wie früher"

Vor genau 70 Jahren wurde das SOS-Feriencamp Caldonazzo in Italien eröffnet. In der Anfangszeit des Camps verbrachte Manfred Pirk hier etliche schöne Sommer. Auch heute reist der 65-Jährige wieder jedes Jahr nach „Caldo“ – als ehrenamtlicher Helfer.
Wenn Manfred Pirk eine Geschichte aus den ersten Sommern im SOS-Feriencamp Caldonazzo erzählen soll, dann ist es meistens die von den Jutesäcken. „Jeder von uns bekam nach der Anreise so einen Sack in die Hand gedrückt. Dann mussten wir ihn mit Stroh stopfen und haben nachts im Zelt darauf geschlafen“, erinnert sich der 65-Jährige lachend. In seiner Kindheit in den 60er-Jahren sei das Camp eben etwas spartanischer gewesen, erzählt Pirk, „aber schön war es trotzdem“.
Pirk ist sportlich und braun gebrannt. Seine grauen Haare sind kurz geschoren, sein Gesicht freundlich. Und wenn er über Caldonazzo spricht, dann lächelt er. Denn mit dem SOS-Feriencamp am gleichnamigen See in Italien verbindet den 65-Jährigen eine lange Geschichte. Sie beginnt, als Pirk als Kleinkind, kurz nach dem Tod seiner Mutter, in das SOS-Kinderdorf Schwarzwald in Sulzburg gebracht wird. Schon damals fahren die in den Kinderdörfern lebenden Kinder regelmäßig in das Feriencamp, das SOS-Kinderdorfgründer Hermann Gmeiner 1953 eröffnet hatte. Pirk darf zum ersten Mal als Achtjähriger bei der Ferienfahrt dabei sein. „Am Anfang war es natürlich komisch. Ich war das erste Mal im Ausland und auch das erste Mal von zu Hause weg“, erzählt Pirk. Doch trotz der ungewohnten Umgebung fühlt er sich in Caldonazzo sofort wohl. „Ich weiß noch, wie beeindruckt ich von der Landschaft war. Und dann habe ich ziemlich schnell Freunde gefunden und hatte eigentlich gar kein Heimweh“, erzählt Pirk von seinen ersten Ferien.

Erinnerungen fürs Leben

Betreut werden die Kinder in der Anfangszeit des Camps meist von den Dorfleitern ihrer Kinderdörfer. Denn die Ferien sollen auch den Kinderdorfmüttern, die sich sonst das ganze Jahr über um die Kinder kümmern, Zeit zur Erholung bieten. Die Erziehungsmethoden sind damals deutlich strenger als heute. Mädchen und Jungen werden getrennt untergebracht, morgens weckt eine Trompete die Kinder. „Dann mussten wir vorm Zelt mit unseren Waschbeuteln antreten“, erinnert sich Pirk. In diesen ersten Jahren verbringt auch Hermann Gmeiner selbst fast jeden Sommer am See.  
Und auch Manfred Pirk fährt bis zu seinem Auszug aus dem Kinderdorf jedes Jahr nach Caldonazzo. Noch heute verbindet er mit dem Camp viele Erinnerungen. „Besonders gerne war ich auf dem Fußballplatz und am Strand“, erzählt Pirk. Im flachen Seewasser bringt seine Kinderdorfmutter ihm bei einem ihrer Besuche im Camp das Schwimmen bei. Mit spitzbübischem Grinsen erzählt der 65-Jährige außerdem davon, wie er und seine Freunde sich aus dem Camp schlichen, um in der nahe gelegenen Obstplantage Äpfel zu stibitzen. Und auch seine erste Freundin lernt Pirk als 14-Jähriger in Caldonazzo kennen: „Sie hieß Marie, das weiß ich noch heute.“
Es sind Erinnerungen, an die Pirk auch nach seinem Auszug aus dem SOS-Kinderdorf gerne zurückdenkt. „Auch meiner Frau habe ich viel von Caldonazzo erzählt und irgendwann hat sie gesagt, sie will es selber einmal sehen“, erzählt er. 2008 fährt Pirk also mit seiner Frau nach Caldonazzo und sieht nach fast 30 Jahren den Ort wieder, der ihm als Kind so viel bedeutet hat. „Als ich die Berge gesehen habe, war es fast sofort wieder wie früher“, erinnert er sich. Doch vieles hat sich auch verändert, „zum Positiven“ wie Pirk betont. Aus dem spartanischen Zeltlager mit strengen Regeln ist ein pädagogisch betreutes Feriencamp mit vielen Freizeit- und Gestaltungsmöglichkeiten für die Kinder geworden.

Rückkehr mit Engagement

In Pirk wächst der Wunsch, in Caldonazzo etwas zurückzugeben. In seiner Heimatstadt engagiert sich der selbstständige Versicherungsmakler ehrenamtlich beim südbadischen Fußballverband und nach einigen Gesprächen steht fest, dass er seine Erfahrung auch in Caldonazzo gut einbringen könnte. Seitdem trainiert Pirk jeden Sommer ehrenamtlich mit Kindern aus ganz Europa auf dem Platz, auf dem er früher selber den Bällen hinterhergerannt ist, für das Fußballabzeichen. Auch andere Initiativen hat Pirk seit seiner Rückkehr nach Caldonazzo ins Leben gerufen. Einen Tag zur gesunden Ernährung und ein Alkohol-Präventions-Projekt zum Beispiel. Finanziert werden diese Aktionen auch aus Spenden, die er während des Jahres für Caldonazzo sammelt. 
In die Kinder, die in Caldonazzo ihre Ferien verbringen, kann Pirk sich gut hineinversetzen. „Ich weiß ja, wie es ihnen bisher ergangen ist“, sagt er und ergänzt: „Aber mir ist es wichtig zu vermitteln, dass man sich im Leben immer wieder aufrappeln kann.“ Aus seiner eigenen Vergangenheit macht er dabei kein Geheimnis: „Wenn die Kinder hören, dass ich selber in einem Kinderdorf aufgewachsen bin, habe ich meistens schon gewonnen.“
Wie schon in seinem ersten Sommer im Camp hat Pirk auch nach seiner Rückkehr als Erwachsener in Caldonazzo schnell Freundschaften geschlossen: mit dem Dorf-
leiter des Kinderdorfs Ostuni in Italien zum Beispiel oder den Mitarbeitern des SOS-Kinderdorfs in Skopje in Nordmazedonien. So ist die jährliche Fahrt nach Caldonazzo für ihn auch immer wieder ein Wiedersehen mit über die Jahre lieb gewonnenen Menschen. „Das Gemeinschaftsgefühl ist dasselbe wie früher, und das macht Caldonazzo für mich auch aus“, sagt Pirk. Einige europäische Kinderdörfer unterstützt er mittlerweile ebenfalls mit Spenden. Um diese persönlich abgeben zu können, hat der 65-Jährige vor einigen Jahren sogar seine Flugangst überwunden. Nach all der Zeit ist Caldonazzo für Pirk auch heute noch ein Ort, an den er immer wieder gerne zurückkommt: „Es ist einfach schön dort. Und auch wenn ich heute eher zum Arbeiten hinfahre, komme ich immer erholt nach Hause.“