Jugendliche springen von einem Steg in den See

„Caldonazzo ist immer mit der Zeit gegangen“

Seit 1953 machen Kinder aus SOS-Kinderdörfern in ganz Europa Urlaub im SOS-Feriencamp Caldonazzo am gleichnamigen See in Italien. Ein Jubiläum, auf das sich auch Carmen Eberle freut. Sie ist seit 16 Jahren Direktorin des Feriencamps und auch ihre eigene Geschichte ist eng mit Caldonazzo verbunden. Denn schon ihre Eltern leiteten die Anlage, sie selbst ist in und mit Caldonazzo aufgewachsen. Im Interview erzählt sie, wie vor 70 Jahren alles anfing und wie sich das Camp seitdem verändert hat.

Frau Eberle, 1953 machten die ersten Kinder in Caldonazzo Urlaub. Wie kam es überhaupt dazu?

Hermann Gmeiner, der Gründer von SOS-Kinderdorf, war damals auf der Suche nach einem Ort, an dem die Kinder ihre Ferien verbringen konnten, damit auch die SOS-Kinderdorfmütter die Möglichkeit hatten, einmal freizunehmen. Wie er genau auf Caldonazzo kam, ist nicht mehr genau überliefert. Wahrscheinlich ist aber, dass er die Gegend durch eine frühe Unterstützerin, Maria Hofer, die in der Nähe als Au-pair gearbeitet hatte, kannte. Als Gmeiner zum ersten Mal nach Caldonazzo kam, gab es hier, anders als heute, noch keinen Tourismus. Um den ganzen See war ein dichter Schilfgürtel. So konnte er damals dann auch das Camp-Grundstück am See kaufen. Zehn Jahre später wäre das vermutlich schon nicht mehr möglich gewesen.

Wie sahen die Ferien für die Kinder damals aus?

Zu Beginn war alles noch recht spärlich. Die Kinder schliefen in Zelten auf Strohsäcken und gewaschen wurde sich im See. Auch das ganze Rahmenprogramm mit Freizeitaktivitäten, Ausflügen und so weiter, das wir heute haben, das gab es damals in der Form nicht. Und Jungen und Mädchen wurden die ersten Jahre streng getrennt.

Was hat sich seitdem verändert?

Sehr viel, von Größe und Aufbau des Camps bis hin dazu, wie die Kinder betreut werden. Caldonazzo ist immer mit der Zeit gegangen und hat sich ständig an neue Gegebenheiten angepasst. Das heißt auch, dass es heute einen gewissen Komfort bietet, der in den 50ern undenkbar gewesen wäre. Und trotzdem ist die Einfachheit des Campinglebens ein Wert, der sich erhalten hat und den ich und mein Team auch weiter bewahren möchten.

Neben dem Campinggefühl, was ist noch gleich geblieben in Caldonazzo?

Einiges. Ich habe erst vor kurzem ein altes Bild von Gmeiner mit Kindern am See gefunden. Ich schätze, es wurde in den späten 70ern oder frühen 80ern aufgenommen. Aber die Szene im Hintergrund könnte auch von heute sein. Die Landschaft, die Stege, wie die Kinder im Wasser toben, das ist unverändert und wiederholt sich auch heute noch jeden Sommer. Gleich geblieben ist auch die Multikulturalität. Seit Jahrzehnten machen hier Kinder aus ganz vielen unterschiedlichen Ländern Urlaub, lernen sich kennen und freunden sich an. Und das Wichtigste: Alle Kinder, die in Caldonazzo sind, teilen auch heute noch ein ähnliches Schicksal. Hier müssen sie sich und ihr Leben im SOS-Kinderdorf nicht erklären. Das ist für die Kinder ein ganz besonderes Erlebnis.

Auch Ihre eigene Familiengeschichte ist eng mit Caldonazzo verbunden. Ihre Eltern übernahmen die Leitung von Hermann Gmeiners Wegbegleiterin Imma von Unterrichter, heute leiten Sie selbst das Camp. Was würde die erste Leiterin des Camps sagen, wenn sie es heute sehen könnte?

Meine Familie stand Imma von Unterrichter auch privat sehr nah, für mich war sie immer Tante Imma. Sie hatte meinem Vater die Leitung des Camps zwar schon in den 70ern übertragen, aber engagierte sich noch bis zu ihrem Tod im Jahr 2016 für SOS-Kinderdorf. Und natürlich hat sie auch mich immer wieder gefragt, wie es so läuft in Caldonazzo. Aber nicht, um zu kontrollieren, sondern weil es sie interessiert hat. Sie war auch im hohen Alter noch sehr offen und neugierig. Für sie war es wichtig, dass der SOS-Kinderdorfgedanke weitergeführt wird, und das gerne auch auf moderne Weise. Deshalb denke ich schon, dass wir das Camp auch heute noch in ihrem Sinne führen.

Wie werden Sie das anstehende Jubiläum in Caldonazzo feiern?

Wir möchten vor allem so feiern, dass es den Kindern, die hier Urlaub machen, Spaß macht. Das ist uns wichtiger als Empfänge oder Reden. Denn in erster Linie ist Caldonazzo ja ein Ort für Kinder. Wir haben uns deshalb überlegt, das Jubiläum wie einen Kindergeburtstag aufzuziehen: mit Torte und Veranstaltungen wie zum Beispiel einer Zaubershow. Die Idee ist auch, dass die Kinder so viel wie möglich mitgestalten dürfen. Das haben wir schon zum 60. Geburtstag so gemacht. Da hat ein Kinderdorf zum Beispiel eine Ausstellung organisiert, ein anderes Dorf hat einen für ihre Region typischen Tanz vorgeführt und wieder ein anderes hat für alle gekocht. So eine Art Straßenfest wünschen wir uns auch dieses Jahr. Wir feiern auch zweimal in der Saison, damit so viele Kinder wie möglich die Gelegenheit haben, mitzufeiern.

Abschließend, was glauben Sie: Wie wird das SOS-Feriencamp in zehn Jahren aussehen?

Oh, das ist eine schwierige Frage (lacht). Gerade reden wir darüber, ob und wie wir die älteren Bungalows umbauen können. Dann werden wir auch sehen, welchen anderen Gruppen wir in der Nebensaison einen Aufenthalt in Caldonazzo ermöglichen können. Dabei geht es nicht um eine kommerzielle Nutzung, sondern um eine Erweiterung des Angebots im sozialen Bereich über SOS-Kinderdorf hinaus. Und ansonsten werden wir weiter daran arbeiten, dass das Feriendorf auch in zehn Jahren attraktiv ist für die Kinder, die hierher kommen. Caldonazzo soll ein geschützter Rahmen bleiben, in dem Kinder einfach unbeschwert einen schönen Sommer genießen können.