„Eine gesunde Entwicklung braucht Zeit“
Was brauchen Kinder, um seelisch stabil aufzuwachsen? SOS-Kinderdorf Lippe hat sich verschiedene Projekte überlegt, um Kinder präventiv psychisch zu stärken. Ein Gespräch mit Andrea Soujon, systemische Familienberaterin und Kinder- und Jugendlichentherapeutin bei Beratung und Treffpunkt Blomberg.
Frau Soujon, worauf baut die seelische Gesundheit eines Kindes auf?
Jedes Kind ist anders. Wenn ich es auf eine Sache reduzieren müsste, wäre es eine gute Bindungsperson, bei der Kinder gut aufgehoben sind. Eine Person, bei der das Kind weiß, dass es jederzeit zu ihr gehen kann, egal ob es lustig, traurig, enttäuscht oder voller Ideen ist. Das müssen nicht zwangsläufig nur die Eltern sein. Das können im Hort tolle Erzieher sein, die sich gut kümmern, Lehrer, die nett sind oder die Nachbarn, die immer ein offenes Ohr haben. Dazu gibt es ein schönes Sprichwort aus Afrika: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.
Insbesondere wenn die Eltern keine sicheren Bindungspersonen sind, brauchen Kinder sichere Orte, gerade wenn es zu Hause mal nicht so gut läuft. An einem sicheren Ort sind die Grundbedürfnisse eines Kindes wie Essen, Betreuung, emotionale Bindung und Spaß gut gedeckt. Wenn das Kind morgens weiß, wenn ich in die Schule oder in den Hort und in die Betreuung gehe, dann fühle ich mich sicher. Dann bekomme ich ein warmes Essen, jemand macht mit mir die Hausaufgaben und dann spielen wir auch noch und haben Spaß. Und wenn ich mich jemandem anvertrauen möchte, ist auch jemand da.
Eines der Projekte des SOS-Kinderdorfs Lippe setzt sich explizit mit der seelischen Gesundheit von Kindern auseinander. Was sind die „Bunten Hunde“?
Das ist ein Präventionsprojekt, bei dem es darum geht, die seelische Gesundheit von Kindern zu stärken. Es strömt vieles auf die Kinder ein, sei es in der Familie oder in der Schule. Was brauchen Kinder, um widerstandsfähig zu sein? Was brauchen sie, um gut standzuhalten und seelisch stabil aufzuwachsen? Mit unseren Angeboten möchten wir die Resilienz der Kinder stärken. Das bedeutet unter anderem, dass Kinder ihre Bedürfnisse gut wahrnehmen und diese äußern können. Wenn sich Kinder gut verstanden und geborgen fühlen, können sie auch kleinere Rückschläge besser verarbeiten.
Wir haben vier Zielgruppen in diesem Projekt, das sind die Kinder selbst, die Eltern als Bezugspersonen, die pädagogischen Fachkräfte wie Erzieher und Grundschullehrer und die Öffentlichkeit. Es ist uns sehr wichtig, über das Thema zu berichten, damit Menschen verstehen, dass es kein Selbstläufer ist, dass Kinder sich gut entwickeln. Dafür muss man etwas tun, das braucht Zeit.
Wie erreichen Sie die verschiedenen Zielgruppen?
Bei Eltern und pädagogischen Fachkräften geht es darum, Workshops oder Vorträge anzubieten. Einerseits um selbst gute Erfahrungen zu machen, wie zum Beispiel beim Yoga, anderseits aber auch, um sich zu informieren. Was benötigt ein Kind für eine gesunde Entwicklung? Wie kann man das zu Hause umsetzen? Was brauchen wir für Achtsamkeit und Resilienz? Die beste Konstellation ist immer, wenn Eltern gute Vorbilder sind. Wenn sie in Stresssituationen ruhig bleiben und sich das Kind an ihnen beruhigen kann. Das vermitteln wir den pädagogischen Bezugspersonen.
Wir bemerken in der Beratungsarbeit, dass Kinder oft einfach funktionieren müssen, weil die Eltern im Alltag stark gefordert sind. Die Kinder werden von der Kita abgeholt, danach geht es nach Hause und dann müssen sie ins Bett und am nächsten Tag geht es wieder los. Aber Kinder brauchen auch ein paar Highlights, wo sie Zeit für sich haben, sich entfalten können, schöne Dinge erleben und Bindung passiert. Sie sollen merken, dass sie wichtig sind und im Mittelpunkt stehen. Auch daran erinnern wir mit unseren Vorträgen und Workshops.
Mit welchen konkreten Angeboten stärkt SOS-Kinderdorf Lippe die seelische Gesundheit von Kindern?
Wir bieten zum einen das Gartenprojekt an, das kommt wirklich gut an. Dabei können Kinder die Entwicklung der Pflanzen sehen. Ich muss erst einmal etwas pflanzen, das muss ich gut pflegen und dann kann ich irgendwann ernten. Das ist ein schönes Symbol für das ganze Leben. Man muss sich manchmal Mühe geben, damit nachher etwas Schönes dabei herauskommt. Die Kinder lieben diesen Wachstumsprozess. Erst wird geerntet, dann wird etwas daraus gekocht oder ein Salat zubereitet. Zudem haben wir Projekte im Malraum, Kinderyoga im Sommer, Kindertheater, Workshops, um Instrumente selbst zu bauen und eine Schreibwerkstatt.
Ein weiteres Projekt ist die Kuscheltierstunde. Wie sieht diese aus?
Das ist ein traumapädagogischer Ansatz. Kinder können mit ihrem Lieblingskuscheltier zu uns kommen und erzählen, was dieses Kuscheltier hat. Das können Bauchschmerzen sein, das Ohr ist abgerissen oder die Pfote ist verletzt. Das Kuscheltier bekommt dann einen Verband oder ein Pflaster oder ich gebe einen Tee mit, der zu Hause gemacht werden kann. Wenn ich dieses Kuscheltier versorge, dann lernt das Kind Fürsorgeverhalten. Wenn ich etwas tue, wird es auch wieder besser. Dann können Dinge heilen. Es ist wichtig für Kinder die Erfahrung zu machen, dass es sich gut anfühlt, wenn sich jemand kümmert und zuhört. Kinder können dieses Fürsorgeverhalten dann an andere weitergeben. Und oft ist das Kuscheltier auch ein Türöffner. Dann erzählt das Kind doch, dass es gerade Stress in der Schule hat oder die Oma krank ist.
Außerdem veranstalten Sie Workshops mit SoulCollage®, was verbirgt sich dahinter?
SoulCollage® ist eine kunsttherapeutische Methode, bei der Menschen ihr inneres Bild, also das, was sie beschäftigt und bewegt, in Collagen sichtbar machen können. Das können auch Wünsche für die Zukunft oder Anteile aus der Vergangenheit sein. Es geht um den intuitiven Zugang zu Bildern. Die Teilnehmer im Workshop wählen immer das aus, was mit ihnen in Resonanz geht, also was für sie eine Bedeutung hat. Meistens ist es das, was die Kinder interessant finden, wozu sie einen Bezug haben oder was sie sich wünschen.
Im Workshop legen wir schöne Bilder aus und Kinder greifen nach den Bildern, die sie toll finden. Dazu arrangieren sie dann ihre Collage. Die Kinder mögen es, mit dieser fertigen Karte nach Hause zu gehen. Darauf sind schöne Emotionen und Momente abgebildet. Das gibt ihnen ein gutes Gefühl und stärkt sie in ihren Wünschen und Bedürfnissen.
Und im zweiten Schritt schauen wir, welche Bedeutung die Bilder auf der Karte für das eigene Leben haben. Die Collage bildet die Realität ab und zeigt, was den Kindern im Leben Kraft gibt und für sie wichtig ist. Ein Kind wollte mal wieder an die Nordsee fahren, das nächste Kind hatte ein Problem mit den Eltern. Hier kann ich auch anknüpfen und fragen „Wie könnte dir das denn gelingen, dass du das, was du hier auf deiner Karte siehst, auch bekommst? Wer kann dabei hilfreich sein? Benötigst du Unterstützung dafür?“. In einer Gruppe muss man immer schauen, was möglich ist, aber im Einzelsetting kann man tiefer einsteigen. Damit ist SoulCollage® eine kreative Technik, die Spaß macht, mit der die Kinder ihre Gefühle sichtbar machen können und über die wir dann gemeinsam ins Gespräch kommen. Dadurch fühlen sich die Kinder ernst genommen, sie können sich artikulieren und die eigenen Bedürfnisse bekommen ein Gesicht.

