Jugendliche in blauer Strickjacke blickt nachdenklich aus dem Fenster.
Psychische Gesundheit in Krisenzeiten
Die Batterien sind bei einigen einfach leer

„Die Batterien sind bei einigen einfach leer“

Groß und gelb ist der Boxsack, der seit Kurzem zum Inventar des Horts der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Berlin gehört. „Wenn gar nichts mehr hilft, können die Kinder daran ihre Wut rauslassen, ohne dass es jemandem wehtut“, erklärt Patrizia Bollinger. Und Wut, Angst und Sorgen, so Bollinger, haben derzeit viele Kinder im Bauch. Die 30-jährige Heilpädagogin arbeitet seit zwei Jahren in dem Hort, den das SOS-Kinderdorf Berlin in der Hauptstadt betreibt, doch für Kinder engagiert sie sich schon länger. „Seit Corona stehen viele unter einer Art Dauerbelastung, die sie gar nicht mehr richtig verarbeiten können“, erzählt sie.
Denn nach über zwei Jahren Pandemie litten viele Kinder nun zusätzlich unter der Angst vor dem Krieg in der Ukraine und der Sorge um die wirtschaftliche Lage der Eltern. Und auch die Klimakrise sei ein Thema, das schon Grundschulkinder immer mehr beschäftige. „Die Kinder bekommen sehr viel mit und ich merke, wie verunsichert viele von ihnen sind“, fasst Bollinger zusammen.

Wenn Nachrichten zur Belastung werden

Solche Beobachtungen macht nicht nur die Horterzieherin. Auch Studien belegen, dass seit Beginn der Pandemie die Zahl psychischer Erkrankungen bei Kindern zugenommen hat. Um Aussagen über die Auswirkungen der aktuellen Krisen zu treffen, ist es für die Wissenschaft noch zu früh. Doch auch in anderen SOS-Einrichtungen können Mitarbeiter davon berichten, wie sehr das Weltgeschehen immer mehr zur psychischen Belastung für viele Kinder und Jugendliche wird.
„Die Batterien sind bei einigen einfach leer“, schildert auch Sabine Maurer. Sie leitet den Bereich Ausbildungsvorbereitung im SOS-Kinderdorf Saarbrücken und bekommt so viel von den Sorgen junger Menschen in schwierigen Lebenslagen mit. Auch sie beobachtet mehr psychische Auffälligkeiten als noch vor wenigen Jahren. „Einige ziehen sich sehr zurück und werden depressiv. Bei anderen wird die Frustrationstoleranz immer geringer. Dann kann sich der Druck auch mal in aggressives Verhalten entladen“, schildert sie. Gegeben habe es das zwar schon immer, „aber nicht in dieser Häufung“, so Maurer.

Zuhören und handeln

Bei SOS-Kinderdorf finden die Kinder und Jugendlichen ganz unterschiedliche Lösungen für ihre Sorgen und Nöte. In Saarbrücken zum Beispiel haben die Mitarbeiter immer ein offenes Ohr für junge Menschen in Krisen. Gerade jetzt, wo auch finanzielle Sorgen den jungen Leuten zunehmend zu schaffen machen. „Eigentlich tun wir das, was wir schon immer tun“, schildert Sabine Maurer. „Wir versuchen mit Beratungsangeboten den ersten Druck zu nehmen. Also aus einem großen Berg an Problemen kleinere Stapel zu machen, zu sortieren, welche davon am wichtigsten sind und dann ganz konkret unterstützen.“
Und im Hort in Berlin kümmern sich die Pädagogen und Pädagoginnen jetzt noch aufmerksamer als früher auch um die psychische Gesundheit ihrer Schützlinge. „Wir machen zum Beispiel Entspannungseinheiten und Traumreisen mit den Kindern und versuchen ihnen die entsprechenden Techniken beizubringen“, erzählt Bollinger. Eine ihrer Kolleginnen plant außerdem, mit den Kindern einmal wöchentlich über die Nachrichten zu sprechen und diese gemeinsam einzuordnen. Das Wichtigste, so Bollinger, sei aber immer noch den Kindern einfach zuzuhören: „Nur so lernen sie, über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen.“