„Die meisten Eltern würden, wenn sie könnten, ihren Kindern etwas ganz anderes geben“

Bei rund 72.800 Kindern und Jugendlichen ist 2024 eine Kindeswohlgefährdung festgestellt worden. 58 Prozent der gefährdeten Kinder und Jugendlichen wiesen Zeichen einer Vernachlässigung auf. Torsten Rebbe, Einrichtungsleiter des SOS-Kinderdorfs Hamburg, im Gespräch über Vernachlässigung in Deutschland.

Was bedeutet Vernachlässigung?

Es gibt viele Formen von Vernachlässigung, die von leicht bis extrem reichen. Es kann damit anfangen, dass ein Kind keine witterungsgerechte Kleidung trägt. Das ist ein Indikator für Kindeswohlgefährdung, der zeigt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Warum hat das Kind keine Winterjacke an, wenn es eigentlich zu kalt draußen ist, um ohne Jacke herumzulaufen?
Ein anderes Beispiel ist das fehlende Schulbrot. Wobei es nicht darum geht, dass ein Kind einmal kein Schulbrot dabeihat, sondern dass es eben ständig fehlt.
Es kann auch ans Eingemachte gehen. Wir haben zum Beispiel schon einen Fall erlebt, in dem Kinder nur Matratzen zum Schlafen hatten, kein Bett. Die Matratzen waren nicht bezogen und voller Urin. Das sind die ganz schlimmen Fälle von Vernachlässigung.

Warum vernachlässigen Eltern ihre Kinder?

Manche Eltern haben psychische Erkrankungen und schaffen es deswegen nicht, ihre Kinder zu versorgen. Andere haben schlichtweg zu wenig Geld zur Verfügung, weil sie nicht richtig priorisieren. Ihnen ist es wichtiger, einen großen Fernseher oder ein Motorrad zu haben, anstatt ihre Kinder vernünftig zu versorgen. In manchen Familien gibt es aber auch Spielschulden oder ein Elternteil ist alkoholabhängig und es ist deshalb kein Geld da.
Andere Eltern befinden sich in einer schwierigen Lebensphase und sind deswegen überfordert – wenn sie zum Beispiel nach einer Trennung vom Partner plötzlich alles allein machen müssen und niemand da ist, der ihnen zwischendurch einmal hilft. In eine solche Situation rutscht man schneller als man denkt. Manche kennen es aus ihrer eigenen Kindheit auch einfach nicht anders. Wenn man zum Beispiel selbst als Kind nie erfahren hat, wie schön es ist, gemeinsam zu Abend zu essen, macht man das später mit seiner eigenen Familie auch nicht.
In den meisten Fällen ist Vernachlässigung kein böser Wille. Die meisten Eltern würden, wenn sie könnten, ihren Kindern etwas ganz anderes geben.

Wie erkennt man, dass ein Kind vernachlässigt wird?

Man erkennt es daran, dass etwas auffällig ist – was das Äußere betrifft, aber auch das Verhalten. Wenn Kinder zum Beispiel besonders aggressiv sind, muss man dem auf die Spur gehen.
Meistens fällt es zuerst in der Schule oder der Kita auf: Die Kinder riechen ungewaschen, sie haben zerlöcherte, ungepflegte Kleidung an, sie haben nichts zu essen oder der Ranzen ist unordentlich. Das sind alles Anzeichen dafür, dass zu Hause irgendetwas nicht in Ordnung ist.
Das Offensichtliche, wie zum Beispiel die falsche Jacke im Winter, erkennt man relativ leicht. Die Schwierigkeit ist eher, wie man die versteckte und die emotionale Vernachlässigung erkennt, denn sie fällt oft nicht auf. Aber wenn man in Kontakt mit dem Kind tritt und gut beobachtet, das Kind auch häufiger erlebt, dann bemerkt man es. Da sind oft Sehnsucht und Traurigkeit in den Augen der Kinder, die man spürt.

Wie sieht der Alltag eines vernachlässigten Kindes aus?

Sehr düster. Der Alltag eines vernachlässigten Kindes ist nicht durch Lebensfreude, sondern durch Mangel bzw. eine konstante Unterversorgung geprägt. Das Kind geht mit dem Gefühl durchs Leben, dass es nicht genug bekommt. Man kann sich kaum vorstellen, was das für ein schlimmes Gefühl ist.
Ein vernachlässigtes Kind wacht morgens auf und weiß nicht, was der Tag bringt. Oft ist das Verhalten der Eltern unberechenbar. Oder das Kind weiß ganz genau, dass dieser Tag wieder schlimm wird, weil es wieder hungrig in die Schule gehen muss.

Welche Folgen hat Vernachlässigung?

Die Kinder schämen sich dafür, fühlen sich gedemütigt und nicht zugehörig. Das schadet ihrem Selbstbewusstsein. Sie merken, dass in ihrer Familie etwas nicht stimmt, können das aber nicht äußern und verstehen nicht, warum gerade ihre Eltern es nicht hinbekommen. Außerdem verspüren sie eine große Loyalität ihren Eltern gegenüber und versuchen auch deshalb, die Probleme zu verstecken. Man kann es sich so vorstellen, als hätten die Kinder bei jeder Äußerung einen Filter im Kopf, was sie sagen dürfen und was nicht – zum Beispiel: „Meine Eltern trinken, das darf aber niemand wissen.“ Das führt zu enormem Druck. Ständig lügen oder sich verstecken zu müssen, verändert langfristig auch die Persönlichkeit und macht psychisch krank. Diese Kinder können sich emotional nicht so entwickeln und entfalten wie andere, die dieses Problem nicht haben.
Vernachlässigung macht aber auch körperlich krank. Vernachlässigung kann auch falsche Ernährung, falsche Kleidung oder eine fehlende gesundheitliche Versorgung bedeuten. Die betroffenen Kinder gehen nicht regelmäßig zum Arzt. Niemand sorgt richtig für sie, wenn sie zum Beispiel Zahnschmerzen haben. Das heißt sie müssen sehr viel aushalten, von Schmerzen bis zu häufigeren Erkältungen. Das trägt sich fort bis ins Erwachsenenleben und kann im Extremfall sogar zu Kleinwüchsigkeit oder Organschädigungen führen.
Das Schlimmste ist aber die emotionale Vernachlässigung. Körperliche Vernachlässigung hinterlässt starke Wunden, aber dass man nicht geliebt oder abgelehnt wird, zerstört Kinderseelen und hinterlässt tiefe Gräben. Diese Kinder leiden ihr Leben lang darunter.

Was tun wir bei SOS-Kinderdorf präventiv gegen Vernachlässigung?

Das wichtigste Gegenmittel ist Prävention: Wir müssen so früh wie möglich angreifen, damit diese Gräben nicht riesig werden, sondern Spuren bleiben, die wir wieder einigermaßen in den Griff bekommen können.
Unser Ziel ist, die Menschen so früh zu erreichen, dass man ganze Biografien verändern kann. Damit die Familien und Kinder nicht in eine Spirale der Vernachlässigung geraten.
Deshalb versuchen wir, Eltern sehr niedrigschwellig in unsere Einrichtung zu holen, bevor Schlimmeres passiert. Schon bevor Eltern merken, dass sie einen Beratungsanlass haben, können sie zu uns kommen. Sie können in unserem Familiencafé günstig Kaffee trinken oder in unserem Secondhandladen stöbern, wo sie für kleines Geld Winterjacken oder Schulranzen kaufen können. So kommen sie in Kontakt mit uns und vernetzen sich auch mit anderen Eltern.
Mit unserem Projekt Familienfrühsorge erreichen wir Eltern sogar schon vor der Geburt und nicht erst, wenn der Leidensdruck schon sehr hoch ist – wenn frischgebackene Eltern vielleicht zuhause schon alles Mögliche ausprobiert haben, aber das Baby immer noch schreit, und sie schon gar nicht mehr weiterwissen. Wir beraten zum Beispiel zur richtigen Ernährung von Babys oder bieten Geburtsvorbereitungskurse und Geburtsbegleitung an.
Auch mit unserer Familienberatung helfen wir präventiv. Da kommen Eltern zu uns, die uns kennen, weil sie zum Beispiel schon einmal einen Kurs bei uns gemacht haben. Bei unseren Hilfsangeboten ist Vertrauen und Bindung ganz wichtig. Nur wenn uns die Personen vertrauen, eine Beziehung zu uns aufbauen können und sich verstanden fühlen, verändert sich am Ende auch etwas. 

Wie gehen Sie bei einer Beratung vor?

Wir gehen behutsam vor und überfahren die Menschen nicht. Vieles wissen die Eltern ja schon, nur manches können sie besser machen. Für Letzteres sind wir da und legen den Eltern nahe, was Kinder für eine gute Entwicklung brauchen. Dafür reichen oft schon kleine Gespräche und Hinweise. Wir zeigen ihnen auch, dass es manchmal ganz normal ist, sich zum Beispiel überfordert zu fühlen.
Es geht dabei immer darum, den Eltern ein Ziel zu zeigen, wo die Entwicklung hingehen soll. Das Ziel ist es, ein liebevolles Zuhause herzustellen. Hier arbeiten wir mit positiven Beispielen und setzen etwa videogestützte Beratung ein. Dabei werden Eltern in Interaktion mit ihren Kindern aufgenommen. Die Berater suchen sich Videoschnipsel heraus, in denen etwas gut läuft, und spielen ihnen diese ab. Zu sehen, was sie schon gut machen, stärkt die Eltern.