Ist ein Kind zu Hause gefährdet, braucht es sofort Schutz. Jedes Jahr betrifft das Tausende Kinder in Deutschland. In der Inobhutnahmegruppe im SOS-Kinderdorf Württemberg finden einige von ihnen einen Ort, der sie auffängt – auch der dreijährige Aaron*.
Das bunte Flimmern und bekannte Flackern des Fernsehers sind das Einzige, das den dreijährigen Aaron* beruhigt. Es ist mitten in der Nacht. Seit wenigen Minuten schläft der Junge endlich in dem Kinderwagen, der im Wohnzimmer der Inobhutnahmegruppe im SOS-Kinderdorf Württemberg steht. Vorausgegangen waren Stunden, in denen er kein Auge zumachte, sich die Seele aus dem Leib schrie und um sich schlug.
Für Aaron war die beschriebene Nacht eine der ersten in der Inobhutnahmegruppe im SOS-Kinderdorf Württemberg. Der Schlafrhythmus des Jungen war seit Monaten aus dem Takt – ein Jetlag ohne Reise, verursacht durch einen Alltag, der ihn schwer belastete.
Was bedeutet eine Inobhutnahme?
In der Inobhutnahmegruppe wohnen Kinder vorübergehend, die nicht mehr bei ihren Eltern oder anderen Verwandten leben können. Sie bleiben so lange, bis das Jugendamt eine Anschlussmaßnahme für sie gefunden hat.
Der heute fünfjährige Aaron verbrachte elf Monate dort – länger als jedes andere Kind. Seine Mutter war schwer psychisch erkrankt. Halluzinationen, Wahn, das Gefühl der ständigen Bedrohung, so schildert Betreuerin Katrin Pohl ihre Symptome. Mit der Krankheit wuchs die Gefahr – für die Frau selbst, aber auch für ihren Sohn.
Als das Jugendamt eingreifen musste
In ihrem Wahn war die Frau davon überzeugt, verfolgt zu werden. Sie traute sich tagsüber kaum noch aus dem Haus, in der Wohnung sammelten sich Berge an Müll an. Aus Angst, beobachtet zu werden, deckte sie die Fenster der Wohnung mit Zeitungspapier ab. Aaron begann sich vor seiner Mutter zu fürchten.
Die Frau war nicht mehr in der Lage, sich um ihren Sohn zu kümmern und vernachlässigte ihn schwer. Sie sprach kaum noch mit Aaron, gab ihm nur unregelmäßig etwas zu essen. Mit drei Jahren trug der Junge selbst im Winter nichts außer einer Windel. Als Aaron von einem Tag auf den anderen nicht mehr im Kindergarten auftauchte, schlugen die Erzieherinnen und Erzieher Alarm und informierten das Jugendamt. Das stellte schnell eine gravierende Kindeswohlgefährdung fest. Die Justiz veranlasste die Herausnahme des Jungen aus der Familie.
Wie sich die Vernachlässigung auf Aaron auswirkte
Aarons Entwicklungsstand entsprach dem eines einjährigen Kindes. Die erlittenen Traumata hatten vor allem seine sprachlichen, kognitiven und motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt. Bei SOS-Kinderdorf musste er lernen, wie man richtig isst. In den ersten Wochen warf er mit Essen um sich, denn von zu Hause kannte er nur flüssige Nahrung. Mit Besteck konnte er nicht umgehen; er aß nur das, was man ihm direkt in die Hand gab.
Wie vielen Kindern, die Schlimmes erlebt haben, fiel es auch Aaron schwer, das Erlebte zu verarbeiten. Auch Aaron schlug oft um sich, insbesondere wenn er überfordert oder traurig war. Und auch Nähe zuzulassen fiel dem Jungen schwer.
Ein neues Zuhause gibt Hoffnung
Aaron wurde wegen seines hochauffälligen Verhaltens von vielen Einrichtungen abgelehnt, erzählt Volker Grimm. Eine Rückführung kam ebenfalls nicht infrage. Eine SOS-Kinderdorfmutter fasste sich schließlich ein Herz und nahm den Jungen auf.
Bis heute hat Aaron gute Fortschritte gemacht und sich gesund entwickelt. Aaron ist ruhiger geworden und seine emotionalen Ausbrüche kommen nur noch selten vor. Auch sprachlich hat er viel aufgeholt.
Seit wenigen Monaten besucht Aaron den Kindergarten im SOS-Kinderdorf. Er hat sich schnell eingefunden und auch mit den anderen Kindern kommt er gut zurecht. Seine ehemalige Betreuerin Katrin Pohl erlebt ihn heute als einen fröhlichen und neugierigen Jungen. „Er hat ein Lachen, das ansteckt“, meint sie.
* Namen, biografische Details und Abbildungen wurden zum Schutz der Privatsphäre verändert.
