Afghanistan

„Es ist eine extrem belastende Situation“

Die Bilder der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan und der Verzweiflung der Menschen vor Ort gingen um die Welt. Doch wie erleben junge Afghanen hier in Deutschland die aktuelle Situation?
Im SOS-Kinderdorf Berlin werden mehrere Geflüchtete aus Afghanistan ausgebildet. Sie alle sind schon seit mehreren Jahren in Deutschland, ihre Familien mussten sie zurücklassen. Ihre Psychologin, Raimonda Verde, und zwei ihrer Ausbilder, Sandra Knochee und Andreas Müller haben einige Fragen zur aktuellen Situation ihrer afghanischen Azubis beantwortet.
Geflüchtete aus Afghanistan
© iStock / E+/ FatCamera
Für Geflüchtete aus Afghanistan ist die Situation in ihrer Heimat extrem belastend und kann sogar re-traumatisierend sein.

„Die Menschen sind in großer Not“

Als Jugendlicher kam Navid* als unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan nach Saarbrücken und lebte bis zur Volljährigkeit in einer Wohngruppe des dortigen SOS-Kinderdorfs. Heute arbeitet der junge Mann selbst als Erzieher in einer solchen Gruppe. Seine engste Familie lebt nicht mehr in ihrem Heimatland, doch Verbindungen nach Afghanistan hat Navid immer noch. Im Interview erzählt er, wie es den Menschen dort geht und was jetzt getan werden muss, um ihnen zu helfen.

Navid, was berichten deine Angehörigen in Afghanistan über die Situation vor Ort?

Mein Onkel wohnt mit seiner Familie in Kabul und für sie ist die Lage schlimm. Zwar verhalten sich die Taliban in ihrer Gegend momentan ruhig, aber trotzdem leben sie in Angst. Denn was in einer Woche oder in einem Monat oder schon morgen ist, kann niemand sagen. Mein Onkel und seine Familie wollen weg aus Afghanistan, aber im Moment ist das unmöglich.

Warum?

Erstens ist es eine finanzielle Frage und zweitens ist es zu gefährlich. Denn die Taliban beherrscht jetzt das ganze Land und kontrolliert die Grenzen. Eine Flucht ist gerade so gefährlich wie nie.

Haben dich die Ereignisse der letzten Zeit überrascht?

Nein, dass das passiert, war absehbar. Die NATO kämpft seit 20 Jahren gegen die Taliban, und trotzdem gab es immer wieder Gefechte und Anschläge. Für mich war klar, dass nach dem Abzug der ausländischen Truppen die Taliban wieder regieren werden.

Wie geht es dir mit der jetzigen Situation?

Momentan geht es mir nicht gut. Auch weil ich als einzelner so gut wie nichts tun kann. Außer ein wenig Geld spenden. Meine große Sorge ist, dass die Menschen bald Hunger leiden und sich Krankheiten ausbreiten werden. Es gibt kaum noch Hilfsorganisationen vor Ort, aber sehr viele Menschen in Afghanistan sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dazu kommen die Unterdrückung von Frauen und die Verfolgung von Minderheiten. Die Lage ist katastrophal und die Menschen sind in großer Not.

Was muss getan werden, um diese Not zu lindern?

Die Menschen in Afghanistan brauchen die Hilfe der humanitären Organisationen. Ich weiß, dass es für die Mitarbeiter gefährlich ist, aber es muss dringend ein Weg gefunden werden, wie sie wieder in Afghanistan arbeiten können. Auch müssen Ortskräfte und Aktivisten, die jetzt besonders in Gefahr sind, besser geschützt werden. Und ganz allgemein, dass wir die Menschen nicht vergessen und alleine lassen. Dazu gehört auch, dass dringend sichere Fluchtwege geschaffen werden müssen, auch nach Deutschland.

Welche Schwierigkeiten gibt es dabei momentan?

Um legal nach Deutschland auszureisen, gab es schon immer viele Bedingungen und viel Bürokratie. Das war für die meisten Afghanen schon schwer zu bewältigen. Jetzt, wo die Botschaft in Afghanistan geschlossen ist, wäre der einzige Weg eine deutsche Botschaft in einem Nachbarland. Aber die Grenzen sind dicht und Menschen werden an den Übergängen abgewiesen. In der Realität ist das für niemanden zu schaffen

Was würdest du dir für den Umgang mit der Lage in Afghanistan sonst noch wünschen?

Wenn ich Nachrichten gucke, habe ich oft das Gefühl es wird nur über Zahlen gesprochen, über Kontingente und Quoten. Ich würde mir wünschen, dass wir nicht vergessen, dass es dabei um Menschen geht, die Hilfe brauchen. 
*Name wurde zum Schutz der Person geändert.