Spaß am Lernen wecken
Kinder, die in der Schule nicht mitkommen und nur selten Erfolge erzielen, verlieren schnell das Interesse am Lernen. Das SOS-Kinderdorf Sauerland ermutigt schulmüde Kinder und Jugendliche, die dort stationär untergebracht sind, mit einem ganzheitlichen und kreativen Bildungsansatz.
„Wie heißt das?“ fragt Studentin Jona-Marie, während sie der 16-jährigen Kim* eine große Karte mit einem aufgedruckten Mund entgegen streckt. „Mouth“ antwortet diese sofort. „Richtig. Und das hier?“, will Jona-Marie wissen und legt das Bild einer Haarbürste auf den Tisch. Kim überlegt kurz, sagt dann aber bestimmt: „hair brush“. Die beiden jungen Frauen sitzen an einem kleinen Tisch in der Bildungsstation des SOS-Kinderdorfs Sauerland und lernen Englischvokabeln. Kim lebt im Kinderdorf und Jona-Marie unterstützt das Projekt mehrmals pro Woche. Dazu gesellt haben sich auch Bundesfreiwilligendienstlerin Marietta sowie Aylin* und Josephine*, die beide ebenfalls im SOS-Kinderdorf zu Hause sind und die Hausaufgabenbetreuung heute in Anspruch nehmen. „Vokabeln lernen wir am liebsten“, meint die 11-jährige Josephine.
Die drei zählen zu den rund 70 Kindern, die derzeit im SOS-Kinderdorf Sauerland leben. Viele von ihnen hätten in der Vergangenheit „frustrierende“ Bildungserfahrungen gemacht und die Lust am Lernen verloren, erklärt der pädagogische Leiter der Einrichtung, Stefan Weisheit. „Sie haben gerade in der Schule oft erlebt, dass sie den Ansprüchen und Anforderungen nicht genügen, zu Hause aber nicht die entsprechende Förderung bekommen.“
Die Neugier zurückholen
Als das Projekt im Dezember 2019 ins Leben gerufen wurde, sei klar gewesen, dass die Bildungsstation einerseits das Thema Bildung in den Mittelpunkt stellen, dabei aber nicht so institutionalisiert wie Schule oder andere Lernorte sein soll, so Weisheit weiter. Mit einer Verbindung aus klassischen Lernmethoden und freizeitpädagogischen Angeboten und ohne Leistungsdruck wollen die Pädagogen die „Neugier der Kinder zurückholen“.
Zur Bildungsstation gehört ein Gemeinschaftsbereich mit Holzboden, hellblauen Wänden und vielen Fenstern, in dem mehrere Regale gefüllt mit Büchern, DVDs und Gesellschaftsspielen stehen. Links zweigt die Werkstatt ab, rechts befinden sich eine kleine Küche und ein Mitarbeiterbüro. Zum Abschalten wartet der sogenannte Snoozelraum; ein ruhiges, helles Zimmer mit gedimmtem Licht, einer großen Couch und vielen Kissen. Außerdem gibt es eine Leseecke mit Sofa und Sitzsäcken sowie mehrere Schreibtische mit Computern. Zoobesuche und Graffiti-Workshops
Der Nachmittag in der Bildungsstation beginnt mit Hausaufgabenbetreuung oder Nachhilfe, danach gestaltet die pädagogische Fachkraft Benjamin Breuninger Aktivitäten, zu denen sich die Kinder vorab anmelden können. Unterstützt wird er von Werkstudenten, einer Bundesfreiwilligendienstlerin und Ehrenamtlichen.
Mal wird ein Meerschweinchentunnel für die tiergestützte Pädagogik gebastelt, mal eine Dorfgarage mit Graffiti verschönert. Um allen Altersklassen gerecht zu werden, werden auch außerhalb der Station verschiedene Aktionen angeboten: Ausflüge in den Zoo, Projektwochen zum Thema Weltall oder Erlebnistage in der Natur. Solche Aktivitäten dienen auch dazu, Stärken und Talente der Kinder zu erkennen. „Wer ist motorisch begabt, wer kann toll klettern, wer nimmt Tiere wahr, an denen andere vorbeigehen“, erklärt Weisheit.
Den Selbstwert stärken
Kim, Aylin und Josephine sind nach eineinhalb Stunden Englisch und Mathe lernen in die angegliederte Werkstatt weitergezogen. Welche Freizeitaktivität stattfindet, können die Kinder mitbestimmen. Weil viele von ihnen den Wunsch nach einer Beschäftigung mit Holz äußerten, hat sich Fachkraft Breuninger etwas Passendes überlegt. „Wir basteln heute ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel“, sagt er und hält ein etwa 20 mal 20 großes Holzstück mit kleinen Löchern hoch, die in unterschiedlichen Farben ausgemalt sind.„Die meisten Kinder haben ein ganz geringes Selbstbewusstsein, sie haben oft erlebt, dass sie nicht wahrgenommen werden und nicht wichtig ist, was sie können.“
Stefan Weisheit, pädagogischer Leiter
Damit das Vorhaben gelingt, hat Benjamin Breuninger eine Schablone angefertigt – so wissen die Kinder, wo sie den Bohrer ansetzen müssen. „Ich weiß, dass ich das kann“, sagt Kim überzeugt und bohrt selbstbewusst das erste Loch in das Holzstück. „Die meisten Kinder haben ein ganz geringes Selbstbewusstsein, sie haben oft erlebt, dass sie nicht wahrgenommen werden und nicht wichtig ist, was sie können“, erzählt Stefan Weisheit. Deshalb sei es wichtig, auch in kleinen Dingen direkt positive Rückmeldung zu geben und zu vermitteln: Ich sehe da eine Stärke bei dir. Das wirke sich auch auf die Leistungen in der Schule aus, meint Benjamin Breuninger. Kim hat ihr Talent bereits gefunden, sie beginnt bald eine Ausbildung zur landwirtschaftlichen Fachwerkerin.
Um halb vier dreht Benjamin Breuninger das Schild an der Eingangstür um, „geöffnet“ ist nun darauf zu lesen. Ab sofort steht das Angebot für alle Kinder des Kinderdorfes offen. Eine halbe Stunde später ist der Raum gefüllt. „Er wird von den Kindern sehr gut angenommen“, weiß Pädagoge Weisheit. Ein junges Mädchen mit braunen Locken malt mit Holzstiften ein Bild aus, das die Zeichentrickfigur Spongebob Schwammkopf zeigt, während sich im Hintergrund ein paar Jungen am Computer beschäftigen. Josephine und Kim spielen mit den Mitarbeiterinnen Marietta und Jona-Marie Uno. Einige Stunden später geht auch für sie der Nachmittag in der Bildungsstation zu Ende – mit einem Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel und positiven Erfahrungen im Gepäck. Auf sie wartet jetzt das wohlverdiente Abendessen in ihren Häusern.
* Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert.
