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Kinderrechte in Deutschland

Jedes Kind hat ein Recht auf Schutz

Fast 35 Jahre nach Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention werden Kinder oft noch immer nicht ausreichend geschützt, gefördert oder beteiligt. Und das nicht nur weltweit, sondern auch hierzulande. Tagtäglich wird in Deutschland das Recht auf Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt und Vernachlässigung gebrochen.

UN-Kinderrechtskonvention

Die Idee, ein Regelwerk speziell für die Rechte von Kindern zusätzlich zu den allgemeinen Menschenrechten zu verfassen, war logisch wie konsequent. Doch erst 1989 beschlossen die UN-Vertreterinnen und -Vertreter nach zehnjähriger Arbeit die Kinderrechtskonvention, in der die ganz eigenen Bedürfnisse und Interessen von Kindern betont werden.
Kinder können, anders als die meisten Erwachsenen, viele Dinge noch nicht richtig beurteilen und einordnen, benötigen andere Fürsorge und sind im besonderen Maße schutzbedürftig. Die Konvention gilt für alle Kinder weltweit, denn allen ist eines gemeinsam: Sie brauchen besonderen Schutz und Fürsorge, um sich gut zu entwickeln und voll zu entfalten. Über allem steht das Wohl des Kindes.

Überforderung von vielen Seiten

Die Gründe dafür sind vielschichtig, weiß Barbara Mühlenhoff, Referentin der Stabsstelle Kinder- und Betreutenschutz bei SOS-Kinderdorf:
„Es ist bekannt, dass psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen stark zugenommen haben. Dies kann bei Erziehungsberechtigten zu Überforderung führen. Vor allem, wenn gleichzeitig großer Druck durch stressige Lebensumstände, durch Arbeitslosigkeit oder Armut vorliegt. Gerade Armut ist ein zentraler Belastungsfaktor für Familien.“
Denn in Deutschland wächst derzeit jedes fünfte Kind in Armut auf oder ist von Armut bedroht. Oft liegt das an einer geringeren formalen Bildung und wenig Teilhabe am Arbeitsmarkt im Elternhaus. Je mehr belastende Faktoren in einer Familie aufeinandertreffen, desto häufiger lässt sich auch beobachten, dass es Probleme bei der Erziehung der Kinder gibt.
„Armut und Arbeitslosigkeit können dazu führen, dass Eltern sich einfach weniger um ihre Kinder kümmern können und somit schneller Gefährdungslagen entstehen“, so Barbara Mühlenhoff. Zudem können psychische Erkrankungen, nicht gewollte Schwangerschaften, frühe Elternschaft, Erziehung durch nur ein Elternteil oder Suchterkrankungen eine Rolle spielen.

Kindeswohlgefährdung in Deutschland


Immer weniger Fachpersonal

Gleichzeitig schlagen die Jugendämter Alarm. Der Fachkräftemangel in der Kinder- und Jugendhilfe ist so gravierend, dass die staatlichen Schutzmechanismen nicht mehr zuverlässig aufrechterhalten werden können. Konkret bedeutet das für Kinder, die gefährdet sind, dass sie in ihrer Situation belassen werden, weil es nicht genügend Personal gibt.
„Auch Überforderungssituationen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen – ob in öffentlichen Stellen oder daheim – können nur vermieden werden, wenn genug Fachkräfte da sind, die genau hinschauen, die belastete Familien begleiten und bestenfalls schon präventiv gegensteuern, bevor es überhaupt zu Gefährdungssituationen kommt“, erklärt Barbara Mühlenhoff.
Dabei ist Präventionsarbeit und frühzeitige Unterstützung ein zentraler Ansatz von SOS-Kinderdorf: Es soll verhindert werden, dass Kinder in ihrem Wohl gefährdet sind oder im schlimmsten Fall sogar aus ihrer Familie genommen werden müssen. Die ambulanten flexiblen Hilfen etwa bieten Beratung in erzieherischen Fragen und sollen Familien in die Lage versetzen, eigene Lösungen zu entwickeln und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Mit solchen vorbeugenden Angeboten werden Familien frühzeitig erreicht – noch bevor es zu einer Notsituation kommt – und erfahren während einer Krise Hilfe. Eltern sollen so unterstützt werden, damit sie ihre Kinder gut auf dem Weg zum Erwachsen werden, begleiten und selbst schützen können.

Kinderschutz lebt von Beteiligung

Eltern in ihren Erziehungskompetenzen zu stärken ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe, gerade in Hinblick auf Kinderschutz. Aber auch die Stärkung des Bewusstseins der Kinder, dass sie überhaupt eigene Rechte besitzen und diese artikulieren dürfen und sollen, ist von großer Bedeutung. Deshalb haben die Kinder und Jugendlichen in allen Einrichtungen von SOS-Kinderdorf die Möglichkeit, bei allen sie betreffenden Entscheidungen mitzubestimmen. Auch wenn es um vermeintlich banale Fragen des Alltags wie „Wie lange darf ich aufbleiben?“ oder „Was möchte ich gerne essen?“ geht. „Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche das Gefühl haben, angehört und ernst genommen zu werden. Nur wenn Kinder ihre Rechte kennen sowie die Möglichkeit haben, ihre Anliegen offen zu äußern, und diese auch ernst genommen werden, ist damit eine wesentliche Grundlage für den Kinderschutz geschaffen “, so Barbara Mühlenhoff.
Gerade Kinder, die stationär bei SOS-Kinderdorf untergebracht sind, haben schon viele schlechte Erfahrungen in ihrem Leben gemacht und sind im besonderen Maße schutzbedürftig. Deshalb gibt es in allen SOS-Kinderdorfeinrichtungen Kinderschutzkonzepte, die auf eine starke Beteiligungskultur setzen. „Die Menschen, die uns anvertraut sind, haben eine Stimme und sollen gehört werden. Beteiligung ist ein präventiver Bestandteil von Kinderschutz. Alle haben hier ein Mitspracherecht. Und man darf auch unangenehme Dinge ansprechen“, erklärt Tanja Duttlinger vom SOS-Beratungszentrum Kinderschutz in Saarbrücken. Denn das Beteiligungskonzept geht Hand in Hand mit einem Beschwerdemanagement. Wer das Gefühl hat, beteiligt zu sein, teilt auch eher seine Sorgen und seinen Kummer mit oder beschwert sich. Das weiß auch Michael Breiner, Bereichsleiter im Familienhilfezentrum von SOS-Kinderdorf Kaiserslautern, der die Kinderschutzfachstelle ab 1994 gemeinsam mit Einrichtungsleitung Heike Jockisch aufgebaut hat. „Grundsätzlich muss die Haltung sein, Beschwerden – egal in welcher Form – ernst zu nehmen. Nur so kann ein Beschwerdeverfahren greifen und die Kritik der Kinder und Jugendlichen Gehör finden“, erklärt Michael Breiner.

Interne Kontrollmechanismen

Aber auch für Mitarbeitende gibt es eine Anlaufstelle. Gemeinsam mit dem Kinderdorf Saarbrücken hat Kaiserslautern vor drei Jahren die Beratung bei Unsicherheiten zu Grenzüberschreitungen in der sozialen Arbeit ins Leben gerufen – übergreifend für alle Einrichtungen in Deutschland. Haben SOS-Mitarbeitende ein „komisches Bauchgefühl“ oder beobachten grenzüberschreitendes Verhalten von Kolleginnen oder Kollegen, ist die Hemmschwelle groß, die Führungskraft direkt zu informieren. Wer sich nicht traut, die Eindrücke direkt dem oder der Vorgesetzten mitzuteilen, kann sich dort erst einmal anonym melden. „Wir geben den Mitarbeitenden Anregungen, um die Beobachtungen einordnen zu können. Liegt eine Grenzverletzung vor, ist klar geregelt, welche Schritte zu gehen sind“, erklärt Heike Jockisch. Die Mitarbeiter haben jedoch auch die Möglichkeit, sich bereits im Vorfeld an die übergreifende interne Anlauf- und Monitoringstelle für kindeswohlgefährdende Grenzüberschreitungen von SOS-Kinderdorf zu wenden. Sobald die Leitung über den Fall informiert ist, ist sie für das weitere Verfahren zuständig. Bindend sind dann die SOS-Kinderdorf-eigenen verbindlichen Verfahrenswege bei Grenzüberschreitungen.

Aktionsplan Kinderschutz

2021 wurde zudem ein Aktionsplan Kinderschutz verabschiedet und beinhaltet unter anderem die Einrichtung einer unabhängigen Kommission. Diese soll bis 2024 alle Maßnahmen von SOS-Kinderdorf im Umgang mit pädagogischem Fehlverhalten bewerten und aufarbeiten. „SOS-Kinderdorf wird mit Berichten und Vorwürfen von Unrechtshandlungen weiterhin transparent umgehen und diese unter Wahrung der Rechte aller Betroffenen aufarbeiten“, sagt Sabina Schutter, Vorstandsvorsitzende von SOS-Kinderdorf. Außerdem steht seit 2009 allen Betreuten – auch Ehemaligen - das Beschwerde- und Anregungsmanagement offen. So können Kinder und Jugendliche sichergehen, dass ihre Anliegen ernst genommen und ihre Stimmen gehört werden. „Auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird sich SOS-Kinderdorf für Kinderschutz, Kinderrechte und Beteiligung starkmachen, denn das Wohl der jungen Menschen steht immer im Mittelpunkt“, so Sabina Schutter. „Wir tragen Verantwortung für ein gutes Aufwachsen von jungen Menschen und haben in unserer Arbeit sicherzustellen, dass ihre Rechte jederzeit gewahrt werden.“