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Erziehungs- und Familienberatung in Berlin-Moabit

Den Schlüssel finden

Die Erziehungs- und Familienberaterinnen Anisa Saed-Yonan und Astrid Walter erzählen aus ihrem Arbeitsalltag in der Beratung - ein Aufgabengebiet für (Sozial-) Pädagogen, Psychologen und Mitarbeiter/-innen mit vergleichbarem Hochschulabschluss, jeweils mit therapeutischer Zusatzqualifikation.

Wer kommt zu Ihnen in die Erziehungs- und Familienberatung? Wie nehmen die Leute Kontakt auf?

Astrid Walter: In erster Linie kommen unsere Klienten aus dem Sozialraum, also dem Stadtteil Moabit. Und sie kommen auf ganz verschiedenen Wegen, meist aber über unsere anderen SOS-Angebote, z.B. über die Kita, die Schulstationen oder den Familientreff.

Anisa Saed-Yonan: Ja, und es melden sich auch vermehrt Leute über das Internet. Paare und auch alleinerziehende Frauen finden dort unser Angebot und melden sich an. Manche kommen auch über das Jugendamt oder Familiengerichte und wurden von außen zur Beratung angeregt.

Wie ist das Procedere? Gibt es eine Mindestanzahl von Gesprächen?

Anisa Saed-Yonan: Der erste Schritt ist immer, dass die Leute hier anrufen. Auch wenn die Lehrerin oder die Erzieherin uns zuerst Bescheid gesagt hat. Wichtig ist, dass alle Klienten selbst zum Telefonhörer greifen und anrufen, sie müssen das freiwillig machen. Manchmal löst sich ein Problem schon nach zwei Sitzungen auf und es ist kein Bedarf mehr da. Manche brauchen dagegen 20 Sitzungen.

Astrid Walter: Einige werden ja auch nach dem Erstgespräch weiter vermittelt, z.B. zur Kinder- und Jugendpsychiaterin. Wir machen ja Beratung und keine Therapie. Bis zum Beginn der Therapie führen wir zur Überbrückung die Beratung fort.

Welche Schwerpunkte haben Sie in der Beratung? Beraten Sie mehr Kinder und Jugendliche oder Familien?

Anisa Saed-Yonan: Bei uns zeigt sich immer wieder dass der Kern von allem die Familie ist. Wenn ein Kind in der Schule verhaltensauffällig ist, hängt das meist mit der Familie zusammen und wir holen dann alle an einen Tisch.

Astrid Walter: Was wir häufig haben, sind die sogenannten hochstrittigen Paare. Das sind getrennte Paare, bei denen es vor allem Streit um das Umgangsrecht mit den Kindern gibt. Das sind wirklich schwierige Fälle, die wir gemeinsam beraten. Zu zweit ist es einfacher, man darf auch mal Verständnis für eine Seite zeigen. Obwohl wir grundsätzlich neutral bleiben, da immer Gefahr besteht, ins System mit reingezogen zu werden.

Anisa Saed-Yonan: Ja, zu zweit geht es besser. Der eine kann mehr auf die Verstehensebene gehen, der andere bewegt sich eher auf der Gefühlsebene. Das ist oft wie mit zwei Kriegsparteien, die können wirklich gar nicht miteinander reden. Und da ist es eben wichtig, den richtigen Schlüssel zur Problemlösung zu finden.

Haben Sie das Gefühl, dass die Leute heute insgesamt mehr Hilfe brauchen? Was hat sich da verändert? Wird die Notlage größer?

Anisa Saed-Yonan: Am Anfang kamen die Leute eher zögerlich, sie hatten mehr Hemmungen sich anzuvertrauen, weil sie unsere Beratung noch nicht so gut kannten. Was ich bemerkt habe, ist, dass sich die Probleme immer mehr verschärfen. Früher hatte ich einfache Erziehungsberatung, da ging es z.B. ums Durchschlafen der Kinder. Jetzt wird es immer härter, es geht viel um das Kindeswohl oder Gewalt in den Familien.

Astrid Walter: Ich habe nicht das Gefühl, dass der Bedarf größer geworden ist. Ich predige schon immer in der Schule oder bei Elterntreffen, dass Beratung nichts Unnormales ist. Ich versuche zu vermitteln, dass es ziemlich normal ist, wenn man Beratung braucht. Ein Politiker hat ja auch Berater, das ist keine Schwäche. Und das ist z.B. bei Paaren oder auch überforderten Eltern schon angekommen. Die suchen schneller Beratung auf und haben weniger Hemmungen.

In welchen Sprachen beraten Sie?

Anisa Saed-Yonan: Wir führen die Gespräche auf Deutsch, Arabisch, Aramäisch, Türkisch und Kurdisch. Wenn wir trotzdem Verständigungsschwierigkeiten haben, mit Menschen anderer Sprachen, nehmen wir gerne Kulturvermittler mit dazu. Das ist sehr hilfreich.

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Gibt es neben der Beratung noch weitere Angebote?

Astrid Walter: Ja, da gibt es das Soziale Kompetenztraining und andere Präventionsangebote. Das Training mach ich in Verbindung mit den Schulstationen der Carl-Bolle-Schule und James-Krüss-Schule. In den Gruppen lernen die Kinder, sich selbst besser wahrzunehmen, sich abzugrenzen oder konstruktiv zu beteiligen. Auch Entspannung und Autogenes Training gehören dazu.

Anisa Saed-Yonan: Die Prävention bieten wir einmal in der Woche hier im Cafe als offene Sprechstunde an. So, wie es sich ergibt: Mehrere Frauen sitzen an einem Tisch und haben ein bestimmtes Thema und dann kommen wir mit dazu. Wenn sie ein großes Problem haben und uns bereits aus der Cafeteria kennen, dann trauen sie sich eher, in ein Einzelgespräch zu kommen. Außerdem biete ich noch zweimal im Monat Frauenfrühstück an. Da kommen Frauen aus vielen verschiedenen Nationen und wir sprechen über allgemeine Erziehungsfragen. Die Frauen diskutieren viel untereinander, ich muss mich da oft nicht einmischen, sie helfen sich auch gegenseitig gut. Aber egal mit wem und über was wir sprechen, wir stehen unter Schweigepflicht. Gerade hier im Haus, wo man viele Leute trifft, achten wir natürlich besonders darauf.