Sie bleiben, wenn Familien auseinanderbrechen – und sind oft die wichtigsten Bezugspersonen im Leben. Wie wichtig Geschwister gerade für Menschen in einer Fremdunterbringung sind, darüber haben wir mit der Forscherin Claudia Strobel-Dümer vom Sozialpädagogischen Institut (SPI) gesprochen. Einige Forschungsergebnisse haben sie selbst überrascht.
Frau Strobel-Dümer, Sie forschen beim SPI zur Geschwisterthematik. Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem Thema?
Eigentlich von Anfang an: Als ich 2011 hier begann, gab es das Projekt schon. Die Thematik begegnet uns auch in vielen anderen Projekten, aktuell zum Beispiel in einem Evaluationsprojekt zur familialen Betreuung, das wir an drei Standorten durchgeführt und gerade abgeschlossen haben.
Gibt es etwas, das Sie als Forschende überrascht hat?
Was mich immer wieder überrascht, ist die Unaufkündbarkeit der Geschwisterbeziehung: dass Geschwister trotz widriger Umstände und problematischer biografischer Geschehnisse in dieser Verbindung bleiben. Das sehen wir bei den stationär Betreuten ebenso wie bei den Care-Leavern. Geschwister sind eine Konstante und ein stabilisierender Faktor im Leben. Was mich auch erstaunt hat, ist, wie wenig Forschungsarbeit es zu Geschwistern in stationärer Betreuung gab, bevor das SPI damit angefangen hat.
„Oft ist bei den Einrichtungen der stationären Jugendhilfe, Fachkräften und Jugendämtern noch zu wenig Wissen über Geschwister vorhanden.“
Hat sich das geändert?
Das Thema wird heute öfter aufgegriffen, aber keineswegs überall berücksichtigt. Oft ist bei den Einrichtungen der stationären Jugendhilfe, Fachkräften und Jugendämtern noch zu wenig Wissen vorhanden.
Sie haben viel zur Bedeutung von Geschwistern für Care-Leaver geforscht. Was wissen wir heute dazu?
Die laufende große Längsschnittstudie des SPI begleitet junge Menschen ab zwölf Jahren bis zum Auszug und darüber hinaus – also auch dann noch, wenn sie eigenständig leben. Wir sehen anhand der bislang vorliegenden Daten, dass Geschwister lebenslang wichtig sind. Auch für jene, die schon ausgezogen sind. Nur elf Prozent sagen, dass sie keine Geschwister haben oder diese keine Rolle spielen. Selbst wenn es Konflikte gibt, bleiben Geschwister von essenzieller Bedeutung.
Selbst für längst erwachsene Care-Leaver?
Insbesondere für diese! Geschwister sind die, die bleiben. Sie bleiben, wenn die Eltern ausfallen – was bei der Fremdunterbringung ja der Fall ist. Sie bleiben, wenn Freundschaften zerbrechen. Sie sind das, was von der Familie übrig bleibt. Wir haben Fälle, wo Geschwister in eine WG ziehen oder sich Wohnungen im selben Haus suchen. Und sehen immer wieder, dass sie sich besonders bemühen, dieses Stück Familie zu bewahren, weil anderes weggebrochen ist.
Na ja, es gibt ja auch noch Freunde …
Geschwister sind Lebenszeugen, das kann kein Freund, keine Freundin leisten. Außerdem sind die Netzwerke von Care-Leavern oft klein. Für viele ist die Beziehungsgestaltung schwierig. Die Beziehung zu einem Geschwister dagegen lässt sich nicht aufkündigen. Wir beobachten zwar Fälle von Kontaktabbruch, dann ist meist etwas vorgefallen. Aber das ist eher selten. Sehr oft ist da immer noch eine Verantwortung, ein Füreinander-Einstehen auch im Erwachsenenleben. Für viele sind Geschwister der stabilisierende Faktor, der sich durchzieht. Oft sind große Geschwister ein Vorbild.
Geschwister zu berücksichtigen, ist Teil der DNA bei SOS-Kinderdorf. Ist das immer noch ein Alleinstellungsmerkmal des Vereins?
Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass das außer uns niemand macht. Doch die Jugendhilfe ist per se einzelfallorientiert. Da tritt die Geschwisterkonstellation oft in den Hintergrund. Aus meiner Sicht ist es ein großes Manko, dass Jugendämter Geschwister zu wenig berücksichtigen. Erschwerend kommt hinzu, dass es kaum Plätze für größere Geschwistergruppen gibt.
„Geschwister sind Lebenszeugen, das kann kein Freund, keine Freundin leisten.“
Zwei Kinder lassen sich vielleicht noch gemeinsam aufnehmen, bei fünf oder sechs Geschwistern ist das wahrscheinlich fast nicht machbar?
Wir zeigen, dass es gehen kann. So nimmt zum Beispiel das 2020 in Bremen aufgebaute Geschwisterhaus Geschwister zwischen zwei und zwölf Jahren gemeinsam in Obhut. Dieses Angebot wurde direkt aus unseren Forschungen abgeleitet und bewährt sich gut. Ich glaube, dass das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Geschwistern bei SOS in den letzten Jahren gewachsen ist.
Kann es für die Betreuenden entlastend sein, wenn große Geschwister da sind?
Auf den ersten Blick vielleicht. Aber die Fachkräfte müssen sehr genau aufpassen, dass die Älteren, die bereits zuvor viel Fürsorgeverantwortung für die jüngeren Geschwister übernommen haben, nicht überfordert werden. In solchen Fällen geht es eher darum, sie ein Stück zu entlasten. Denn es gibt natürlich auch die Kehrseite. Es ist nicht immer automatisch ideal, Geschwister gemeinsam unterzubringen. Das kann manchmal sehr herausfordernd für die Betreuenden sein.
Inwiefern?
Größere Geschwistergruppen bringen eine eigene Dynamik mit, oft handelt es sich um geschlossene Systeme. Manche zeigen aggressives Verhalten oder es gibt massive Rivalitäten, das darf man nicht ausblenden. Die Herausnahme aus der Familie ist immer ein krasser Einschnitt. Betrifft das die ganze Gruppe, also fünf, sechs Kinder auf einmal – und das haben wir gar nicht so selten –, ist das oft schwierig. Manchmal gibt es zudem Halb- oder Stiefgeschwister, die noch bei einem Elternteil leben, die Konstellationen sind häufig sehr komplex. Darum gibt es keine pauschalen Antworten, nur den Rat, immer auf den Einzelfall zu schauen.
Beobachten Sie klassische krisenhafte Momente?
Wir sehen häufig, dass die Älteren, die für ihre jüngeren Brüder oder Schwestern eine Art Vater- oder Mutterersatz waren, diese Rolle in der Betreuung nicht einfach abgeben. Es verlangt viel Geduld, sie dazu zu bewegen, diese Sorge aufzugeben und ihre eigene Entwicklung in den Fokus zu rücken. War Gewalt in der Familie ein vorherrschendes Thema, kopieren das die Kinder oft. Das verhindert manchmal eine gemeinsame Unterbringung. Vielleicht bestehen auch Rivalitäten, weil ein Kind von den Eltern stets bevorzugt wurde. Dann gilt es, das wieder einzufangen. Ebenso fordernd ist eine zu enge Verschworenheit, die verhindert, dass sich die Kinder für andere Menschen öffnen. Große Geschwistergruppen können also positiv sein, sie können eine Familiengruppe aber auch sprengen.
Geschwister nicht auseinanderzureißen und dennoch allen gerecht zu werden: das Dilemma der Platzierung?
Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Grundsätzlich sollten die Kinder dazu gehört werden. Je älter sie sind, desto besser können sie reflektieren, was ihnen guttut. Die Entscheidung muss immer eher perspektivisch orientiert sein. Ich glaube, dass wir bei SOS genau hinschauen und unsere Möglichkeiten ausschöpfen. In unserem aktuellen Evaluationsprojekt zur familialen Betreuung haben wir zum Beispiel an allen drei Standorten Geschwisterkinder in den jeweiligen Familien angetroffen. In einem Fall hatte ein Geschwister in eine andere Familie gewechselt, weil das Konflikte entschärfte, blieb aber im gleichen Kinderdorf.
Wie ambivalent das Verhältnis zu Bruder oder Schwester sein kann, wissen alle, die selbst Geschwister haben.
Ja, das ist nie nur gut. Oft gibt es Rivalitäten und Konkurrenz, aber eben auch das Sich-Kümmern. Das alles gehört zur Geschwisterbeziehung. Als Fachkraft ist es daher wichtig, sich Gedanken über die eigene Einstellung zu Geschwistern zu machen. Zu reflektieren, welche guten oder schlechten Erfahrungen man selbst gemacht hat. Das kann sogar ein Anstoß sein, persönliche Fragen in einem anderen Licht zu sehen.
„Wichtig ist die Option, Konstellationen zu verändern, wenn es den Kindern nicht gut geht.“
Es gibt zahlreiche Geschwister-Stereotype: der große Bruder, der sich kümmert, die rivalisierenden Schwestern – sind das nur Klischees?
All das gibt es. Was wir sehr häufig sehen, gerade in bröckelnden Familien, ist die Sorgefunktion der älteren Geschwister. Ebenso, wie gesagt, dass sich Gewalt zwischen Geschwistern fortsetzt, wenn sie in der Familie vorherrschte. Geschwisterbeziehungen sind so facettenreich, dass es keine pauschalen Antworten geben kann. Das ist auch die Herausforderung für die Fachkräfte: sich immer wieder neu auf die Situation einzulassen und auf das einzelne Kind und seine Geschwistergruppe zu schauen. Wichtig ist dabei die Option, Konstellationen zu verändern, wenn es den Kindern nicht gut geht.
Haben Sie selbst Geschwister?
Ich habe eine Schwester, die mir sehr nahesteht. Sie wohnt gleich nebenan, unsere Kinder sind im gleichen Alter. Meine Schwester ist mir sehr wichtig, wir verstehen uns mit Blicken, unsere Kinder wachsen fast gemeinsam auf. Für uns ist das ein Riesenschatz.
Interview: Barbara Esser und Anne Malburg, Redaktion des Mitarbeiter*innen-Magazins Gmein’sam; Ausgabe 3/2024, erschienen im November 2024
Titelbild: © Romrodinka, iStockphoto
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