Krise als Chance: für neue Debatten und Beteiligung

Corona, Klima, Blackout, Ukraine − in krisenhaften Zeiten sind die negativen Auswirkungen allgegenwärtig. Doch Krisen können auch das Gemeinschaftsverständnis und die Gemeinschaftsgestaltung stärken und für neue Denkanstöße sorgen. Im Interview mit Rolf Huttelmaier, Einrichtungsleiter, und Volker Grimm, Bereichsleiter des SOS-Kinderdorfs Württemberg, wird deutlich, wie auch in Krisenzeiten Wege und Lösungen für interne Diskussionsprozesse und (organisationale) Entwicklungen gegangen und gefunden werden können. Und wie sich auf Mitarbeiterebene Beteiligung, Fürsorge, Loyalität und Respekt trotz unterschiedlicher Positionen stärken lassen.

Corona: unterschiedliche Haltungen, ein gemeinsamer Kodex

Rolf Huttelmaier: Ich habe Corona für unsere Dorfgemeinschaft als riesige Herausforderung erlebt. Ich muss jetzt nicht alles wiederholen: Schulschließungen, Isolation, neue Mitarbeitende, die wir eigentlich gar nicht kannten … Und es gab natürlich auch bei uns unterschiedliche Meinungen und Positionen zu diesem Thema. Mir war jedoch wichtig, dass jeder einzelne Mitarbeitende die Gelegenheit bekam, seine Sicht auf die Dinge auszusprechen und zu formulieren – und damit auch kritischen Stimmen Raum zu geben. 

Wertschätzender Umgang und gegenseitige Fürsorge

Zuerst haben wir einen Corona-Krisenstab ins Leben gerufen, den wir bewusst so besetzt haben, dass alle Meinungen vertreten waren. Dann haben wir einen sogenannten Corona-Kodex ((Sprungmarke)) erstellt. Mein erster Entwurf wurde im Krisenstab sehr kontrovers diskutiert, aber wir haben so lange miteinander verhandelt, bis wir den Eindruck hatten, dass wir uns gemeinsam hinter die Formulierungen stellen können. Diesen Kodex haben wir allen Mitarbeitenden über Zoom-Konferenzen vorgestellt. Durch die Bemühungen, eine gemeinsame Basis zu finden, auf der sich jede*r wiederfinden kann, ist es uns gelungen, unser Miteinander – unser „WIR“ – zu stärken. 
Volker Grimm: Beim Thema Impfen wollten wir im Rahmen der Hilfeplanung die Kinder und Jugendlichen in die Lage versetzen, zu einer eigenen Entscheidung zu kommen. Um den individuellen Auseinandersetzungsprozess anzustoßen, haben wir einen Kinderarzt ins Kinderdorf eingeladen, der die Kinder und Jugendlichen umfassend zum Thema informiert hat. So sind wir auch unserem Bildungsauftrag nachgekommen. 

Auszug aus dem Corona-Kodex

  • Wir suchen aktiv den wertschätzenden Umgang miteinander, auch wenn die persönliche Meinung des Anderen zu Corona-Fragen oder der Impfentscheidung von der eigenen Meinung und Überzeugung abweicht. 
  • Im inhaltlichen Diskurs beschränken wir uns auf sachliche Informationen und werten den Beitrag des Anderen als Ausdruck der Fürsorge füreinander − und nicht als Bedrohung oder als  ein „Ich weiß es besser!“   

Auszug aus dem Corona-Kodex

  • Wir suchen aktiv den wertschätzenden Umgang miteinander, auch wenn die persönliche Meinung des Anderen zu Corona-Fragen oder der Impfentscheidung von der eigenen Meinung und Überzeugung abweicht. 
  • Im inhaltlichen Diskurs beschränken wir uns auf sachliche Informationen und werten den Beitrag des Anderen als Ausdruck der Fürsorge füreinander − und nicht als ein „Ich weiß es besser!“ ((Nov. 2021))

Gemeinschaftsverständnis in einer komplexen Welt schaffen

Rolf Huttelmaier: In krisenhaften Zeiten braucht es mehr denn je ein Forum, um in Dialog zu kommen. Denn in Krisen bricht oft hervor, was zuvor verdeckt war. Das haben wir auch schon vor Corona vor allem gemerkt, als 20XX unser Kindergarten/unsere Kita abgebrannt wurde. Das war zwar eine individuelle Krise, die aber unter den Mitarbeitenden große Angst und eine enorme Verunsicherung, auch was pädagogische Fragen anging, hervorgerufen hat. 

Raum für Dialog: agiles Arbeiten, Wohlfühlkodex, Tratsch-Regeln 

Wir haben darauf reagiert, indem wir einen externen Organisationsberater beauftragt haben und eine interne Steuerungsgruppe formiert haben. Wir hatten dann drei große Organisationsentwicklungstreffen mit allen Mitarbeitenden, die entbehrlich waren; denn die Menschen mussten die Chance bekommen, gehört zu werden und sich in Kleingruppen mitzuteilen. Im Anschluss haben wir uns gefragt: Was gibt uns Kraft? Wie stehen wir diese interne Krise gemeinsam jetzt durch? Nach nur wenigen Treffen war dieses Thema gut aufgearbeitet. Wir haben dann auch unsere bestehenden Dorfregeln, unseren sogenannten Wohlfühlkodex, genauer angeschaut. Passt der noch? Und auch da war die Erfahrung: 
„Es braucht ein Forum, es braucht Raum, dass Menschen sich mitteilen können.“ 

Bei einer anderen Verunsicherung, der Angst vor einem möglichen Blackout, haben wir wiederum versucht, die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. In meinem Empfinden ist uns auch da gelungen, trotz unterschiedlicher Haltungen einen gemeinsamen Weg zu finden. Wir haben uns mit Polarisierungen auseinandergesetzt und dann gemeinsam Vorsorge getroffen. Für dieses Szenario wären wir gewappnet gewesen mit einfachen Maßnahmen, z.B. einem großen Trinkwasserbehälter, Camping-Toiletten sowie Diesel- und Gasvorrat. Denn die Vorstellung, dass ein Kinderdorf in dieses Szenario reinfährt, war für einige unserer Mitarbeitenden im subjektiven Empfinden eine ganz große Bedrohung. Auch bei dieser Krise hat sich die große Bereitschaft der Mitarbeitenden gezeigt, aus dem eigenen Verantwortungsgefühl heraus, mit viel Energie und guten Ideen mehr als Dienst nach Vorschrift  zu tun. 
Volker Grimm: Als Organisation versuchen wir, aus dem Prozess gesellschaftlicher Anforderungen – die Welt ist komplex und widersprüchlich und die Menschen sind es auch – zu lernen. Wir haben in unserer Leitungsteam-Supervision Agilität als Mehrwert im Management unserer Organisation kennengelernt und haben daraus – wir brauchten ein Weilchen, bis wir das verstanden haben – für uns ein Modell entwickelt, wie wir unser Leitungsverständnis und unser Gemeinschaftsverständnis leben wollen. Unser Leistungsverständnis ist nicht hierarchisch, wir entscheiden nicht top down, sondern fragen, was genau die jeweiligen Lebenslagen erfordern. Und die Lösung macht dann jeder einzelne in seinem Kosmos, aber immer innerhalb des SOS-Rahmens. Dieser Beteiligungsansatz findet sich auch in unserem Corona- und E-Mail-Kodex, in denen wir uns trotz polarisierender Meinungen und Haltungen auf eine gemeinsame Grundlage verständigt und bewusst gegenseitige Fürsorge und Wertschätzung hergestellt haben. 
Rolf Huttelmaier: Dass sich Mitarbeiter nicht zuschütten mit völlig unnötigen Emails, ist eben auch ein Herstellen gegenseitiger Fürsorge. Auch das ist eine Form der Wertschätzung und ein Versuch, ein „Wir“ herzustellen. Und wir haben die Sieben goldene Regeln für verträglichen Tratsch miteinander erarbeitet. Ich denke, wir brauchen alle ein bisschen Tratsch, aber er sollte verträglich sein. Diesen Kodex haben wir bereits vor Corona gemeinsam erarbeitet, aber er ist aktueller denn je:

Sieben goldene Regeln für verträglichen ...

1. „Wellenbrecher“ für Tratsch sein
2. Sich bewusst sein, welche Auswirkungen die Informationsweitergabe haben kann
3. Wertschätzende Auseinandersetzung

4. Erzählte Informationen hinterfragen
5. Kann ich es der nicht anwesenden Person auch direkt sagen bzw. sie direkt fragen?

6. Miteinander statt übereinander reden!
7. Persönlich kommunizieren an Stelle von digital (E-Mail …)
Rolf Huttelmaier: Ich bin sehr froh darüber, dass wir hier im Kinderdorf diesen offenen gemeinschaftlichen Weg gehen. Und es ist klar: All diese Regeln macht man in bester Absicht, aber dann muss man sie nach einer gewissen Zeit wieder überdenken. Denn  Beteiligung ist lebendig und entwickelt sich stetig weiter. 
Volker Grimm: Beteiligung ist bei uns ein gelebtes Gut, keine Alibiform ist. Es ist ein ernsthaftes Angebot an die Mitarbeiterschaft, egal, in welcher Rolle die Menschen bei uns arbeiten. Beteiligung kostet Zeit, und Beteiligung ist auch nicht immer einfach. Aber Beteiligung ist wichtig, Beteiligung ist lebendig – und macht Spaß!