Beteiligung

Gerechte Gemeinschaften

Wo Menschen zusammenleben, braucht es Regeln und Vereinbarungen, wie dieses Zusammenleben gestaltet werden soll. – Gerade Jugendwohngruppen, in denen junge Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen, brauchen eine Verständigung darüber, wie sie als Gemeinschaft ihren Alltag gestalten möchten. Doch wie lassen sich solche Vereinbarungen aushandeln, mit denen alle Beteiligten gleichermaßen einverstanden sind? Und wie gelangt man zu einer Verbindlichkeit für die Umsetzung im Alltag?
Das Modell der Gerechten Gemeinschaften ist ein Instrument, um Jugendliche umfassend und weitreichend zu beteiligen. Ziel ist es, in moderierten Gruppengesprächen gemeinsam neue Regeln zu vereinbaren. Dabei sind alle Stimmen, also die von Fachkräften und Betreuten, gleichwertig und Beschlüsse müssen einstimmig gefasst werden. Neben der Erfahrung von Selbstwirksamkeit werden die Jugendlichen dazu angeregt, in Aushandlungsprozesse zu gehen, Verantwortung zu übernehmen und sich in demokratischen Strukturen und Prozessen zu bewegen.

Auf diesen Weg hat sich Andrea Herkner, Bereichsleiterin Jugendwohnen in der SOS-Einrichtung in Kaiserslautern, zusammen mit ihren Teams und Jugendlichen gemacht. Im Gespräch berichten die Beteiligten von ihren Erfahrungen mit der Einführung der Gerechten Gemeinschaften in ihren beiden Wohngruppen. 

Gerechte Gemeinschaften als Beteiligungsinstrument

„Das Modell der Gerechten Gemeinschaft ist eine Methode, die auf wunderbare Weise die Diskussion ermöglicht. Das Wertvollste ist es, miteinander zu sprechen, sich gegenseitig zuzuhören, respektvoll miteinander umzugehen. Also das, was wir uns generell für unsere Gesellschaft wünschen: dass Menschen trotz unterschiedlicher Meinung, Herkunft und Geschichte miteinander reden,“ so Herkner. „Und dass die jungen Menschen lernen, Kompromisse zu schließen und Verantwortung zu übernehmen.“ 
Das Grundsetup: Einmal monatlich setzen sich alle Betreuer*innen und Betreuten einer Wohngruppe für 60-90 Minuten zusammen und diskutieren ein gemeinsam festgelegtes Thema: „Wir gehen von einem Problem oder einer Grundsituation aus, die alle betrifft. Und dann versammeln sich alle bei uns in der Gruppe und diskutieren diese aus“, erklärt Zaid*, 18 Jahre.  „Und man sorgt dafür, dass am Ende ein Konsens gefunden wird, also dass nicht das Mehrheitsprinzip gilt, sondern dass jeder wirklich zufrieden ist mit dem Endergebnis.“ Am Ende der jeweiligen Sitzung hat sich die Gruppe idealerweise auf eine neue Regel verständigt – und auf konkrete Schritte, mit denen diese im Alltag umgesetzt werden soll. Die Vereinbarungen werden protokolliert und in der folgenden Sitzung überprüft. Sollte im Zuge einer Gruppensitzung keine Übereinkunft erzielt worden sein, wird das Thema vertagt und in der nächsten Gerechten Gemeinschafts-Sitzung wieder aufgerufen.

„Die Kolleginnen leisten hier seit vielen Jahren eine sehr beteiligungsorientierte Arbeit. Es gibt ausgebildete Beteiligungsmentorinnen in beiden Teams, wir haben Beteiligungstreffen, Gruppenabende, das Plenum.“ Katrin Bergmann ist Fachdienst-Kollegin, Kinderschutz-Fachkraft und Co-Moderatorin der Gerechten Gemeinschaften. Aus ihrer Sicht bringt dieses Instrument, verglichen mit anderen Beteiligungsformaten, aber eine besondere Qualität mit sich: „Im Vergleich zu den anderen Formaten sind die Gerechten Gemeinschaften nochmal intensiver, einfach durch die Gleichberechtigung zwischen Jugendlichen und Team. Da sitzen alle an einem Tisch und reden mit. Und beide, die Jugendlichen und die Betreuer, erleben sich in diesem Kontext ja ganz anders als im Einzelkontakt. Das ist eine gegenseitige Bereicherung und auch ein spannender Prozess für die Gruppe.“

Grundgedanken und Ziele

„Die Gesamtüberlegung war: Wir wollten nicht nur ‚mehr Partizipation‘, sondern wir wollten auch unseren Beitrag leisten, dass die jungen Menschen lernen, in Aushandlungsprozesse zu gehen und Kompromisse zu schließen.“ Die Gerechten Gemeinschaften sollten entsprechend auch ein Baustein zur demokratischen Erziehung sein.
Hinzu kam, so Herkner, „dass wir dem Anspruch an eine individualisierte Pädagogik nachkommen wollten.“ Und dafür waren die bisherigen Regeln zu starr und restriktiv. „Natürlich müssen wir einen Rahmen schaffen, in dem die Jugendlichen Halt und Stabilität erfahren, in dem es bestimmte Grenzen und gemeinsame Regeln gibt und der den gesetzlichen Vorgaben entspricht. Das ist die Grundlage. Aber: Wir brauchen in der pädagogischen Praxis auch Spielräume, um auf den Einzelfall eingehen zu können. Wenn wir psychisch schwer belastete Jugendliche im Haus haben, dann geht es erst einmal darum, wie wir es schaffen, dass sie aus ihren Zimmern kommen und am Leben teilnehmen, statt dass sie sich ins Regelwerk einfügen.“

Gut gemeint, aber nicht fair: Das alte Regelsystem

Ausgangspunkt für den gemeinsamen Entwicklungsprozess war das bisherige Regelwerk der Jugendwohngruppen. Dieses sah vor, die Mitarbeit der Jugendlichen zu „bepunkten“: „Als Betreute*r hat man verschiedene Stufen durchlaufen und konnte sich hocharbeiten“, beschreibt Herkner das „alte“ System. „Und wenn man eine bestimmte Anzahl von Punkten erreicht hatte, gab es gewisse Vorteile bzw. größere Freiheiten, etwa mehr ‚Essensausnahmen‘ oder mehr Freiraum in der Handy- und Mediennutzung. Dieses System war für viele Mitarbeiter*innen und für die Betreuten mittlerweile mit Unbehagen verbunden. Ein Jugendlicher hat mal sehr prägnant gesagt, es sei unmenschlich, für Wohlverhalten bepunktet zu werden. Das habe nichts mit familiärer Atmosphäre zu tun oder damit, sich zu Hause zu fühlen. Denn es hat natürlich auch Druck erzeugt, da man nicht nur auf-, sondern auch absteigen konnte. Die Grundidee war zwar gut: Man wollte motivieren. Aber es hat sich doch immer mehr zu einem Belohnungs- und Bestrafungssystem entwickelt“, so Herkner.
„Es hat sich manchmal so angefühlt, als würde man mir meine Freiheiten wegnehmen, wenn ich mal was nicht geschafft hab‘,“
resümiert Mira, 16 Jahre.
Hinzu kam, dass die Regeln für alle gleich waren – und dass diese Gleichbehandlung die unterschiedlichen Voraussetzungen und die individuelle Situation der Jugendlichen außer Acht ließ: Was für die oder den Einen eine kleine Anforderung ist, kann für einen jungen Menschen mit Depressionen oder Traumaerfahrung eine kaum zu überwindende Hürde darstellen. Ebenso spielten Alter und Reifegrad bei der Ausgestaltung der Regeln eine untergeordnete Rolle. Alle Betreuten – egal, in welchem Alter sie in die Einrichtung kamen – mussten dieselben Stufen durchlaufen und sich bestimmte (zusätzliche) Freiheiten und Vorteile „erarbeiten“. Entsprechend ungerecht fühlte sich das bisherige Punkte- und Anreizsystem für viele der Beteiligten an.
Einige Fachkräfte haderten auch damit, dass bisweilen viel Zeit und Energie in die Kontrolle von Aufgaben und die Vergabe von Punkten floss, während die eigentliche pädagogische Arbeit auf der Beziehungsebene zu kurz kam. Und nicht zuletzt ließ sich das System auch austricksen, indem Jugendliche an der einen oder anderen Stelle durch taktischen Ressourceneinsatz genügend Punkte erreichen konnten, um sich an anderer Stelle zurückzulehnen.

Auf dem Weg zu einem partizipativen Modell

Die Initiative zur Veränderung ging von Mitarbeiter*innen aus, die dieses Stufensystem nicht noch einmal reformieren, sondern ablösen wollten. Motivation und Energie waren groß. Doch es stellte sich die Frage: Was dann? Wie könnte eine sinnvolle Alternative aussehen? Wie lassen sich gemeinsam mit den Jugendlichen verbindliche Regeln finden, mit denen alle einverstanden sind und an die sich alle halten – auch ohne die Konsequenz von Sanktionen? Und was bedeutet das im stationären Setting für die Handlungssicherheit der Fachkräfte, die dafür Sorge tragen müssen, dass Regeln und Grenzen gewahrt werden?
Um sich all diesen Fragen zu nähern, setzte sich das Team bei einer Reihe von Veranstaltungen und Workshops zunächst mit verschiedenen Facetten des Themas auseinander. So ging es beispielsweise um die Entwicklung von moralischen Werten und Überzeugungen, um das eigene pädagogische Grundverständnis, um (Macht-)Asymmetrien im Gruppenalltag oder um persönliche Vorstellungen von (demokratischem) Zusammenleben. Für die Begleitung dieses Prozesses konnte Professor Klaus Wolf, Experte auf dem Gebiet „Macht-(Prozesse) in der Heimerziehung“ gewonnen werden.

„Das probieren wir aus!“

Als eine mögliche Methode lernten die beiden Wohngruppen das Gesprächsmodell Gerechte Gemeinschaften kennen. Dieses klang sehr vielversprechend, um gemeinsam mit den Betreuten ein neues Regelsystem für das Jugendwohnen aufzustellen und so für eine größere Zufriedenheit im Zusammenleben zu sorgen.
„Die Resonanz auf unseren Klausurtagen war extrem positiv und so haben wir beschlossen: Wir probieren das aus!“, erinnert sich Herkner. Flugs wurden von den Mitarbeitenden organisatorische Hürden genommen und sogar Dienstpläne umgestellt, um die neue Methode in den Gruppenalltag zu integrieren: Einmal monatlich eine Gruppensitzung pro Wohngruppe nach dem demokratischen Prinzip Gerechte Gemeinschaft.  „Das war ein sehr aufwändiger Prozess, weil an der Gerechten Gemeinschaft alle Jugendlichen und alle Mitarbeitenden teilnehmen. Aber die Entschlossenheit war so groß, dass es tatsächlich möglich gemacht wurde, alle Beteiligten zur selben Zeit an denselben Ort zu bekommen.“ 

Alltagspraktische Themen

Um sich an die Methode heranzutasten, wählten die beiden Teams zunächst eher alltagspraktische Themen aus. Besonders in Erinnerung geblieben sind allen Beteiligten die Verhandlungen zur Nutzung des gemeinsamen Waschraums: „Ein Ärgernis für alle Beteiligten, sowohl für die Betreuer*innen als auch für die Jugendlichen selbst.“ Jede*r Betreute hatte einen festen Waschtag und sollte am Abend fertig sein. Oft blieb die Wäsche aber in der Maschine, der Nächste, der waschen wollte, wusste nicht, wem sie gehört, und so gammelte die nasse Wäsche im Korb auf der Maschine vor sich hin. „Da haben wir gesagt: Das ist ein unverfängliches Thema, damit starten wir mal. Und das hat auch erstmal einen Riesenspaß gemacht, weil die Jugendlichen unglaublich engagiert dabei waren – und auch lösungsorientiert.“

„Wenn ich mich wirklich für etwas interessiere, dann ist es mir auch wichtig, was daraus wird, weil es mich persönlich betrifft.“
(Katrin Bergmann)
Mira erinnert sich: „Wir haben zum Beispiel vereinbart: Wenn man die Wäsche vergessen hat, hat man drei Tage Zeit, sie auszulösen. Dafür muss man irgendeinen Dienst machen, z.B. die Treppe putzen. Wenn man das nicht gemacht hat und die Wäsche nach drei Tagen noch unten steht, dann werden die Klamotten halt weggeworfen. Das klingt hart, aber so macht jeder was. Und drei Tage sind eigentlich eine lange Zeit, um sie wiederzubekommen.“
Bei der Praxisüberprüfung zeigte sich sehr deutlich: Wenn die Jugendlichen hinter den neuen Vereinbarungen stehen, wenn es Punkte sind, die sie selbst nerven und emotional betreffen, dann werden die gemeinsam entwickelten Regeln auch umgesetzt. Dann übernehmen die Jugendlichen dafür auch Verantwortung.
Verantwortung für die Kontrolle der Regeleinhaltung hingegen wollten bislang die wenigsten Jugendlichen übernehmen. „Immer, wenn es um die Frage ging, wer überprüft denn, ob sich alle an die neuen Regeln halten, und was passiert, wenn dem nicht so ist, dann wurde die Verantwortung doch wieder von den Jugendlichen an die Betreuer delegiert,“ resümiert Herkner. Dabei wäre es aus Sicht der Fachkräfte viel wirkungsvoller, wenn die Gleichaltrigen sich gegenseitig ansprechen würden, etwa darauf, dass die Wäsche noch nass im Waschkeller steht. Entsprechend beschäftigt Herkner und ihr Team weiterhin die Frage, was es dafür braucht, die jungen Menschen hier ebenfalls zu motivieren und in die Verantwortung zu bringen. Und wie auch diese – eher undankbare Rolle – künftig auf Augenhöhe zwischen Betreuer*innen und Betreuten ausgefüllt werden kann.
Im Zuge dieser Fragen kamen weitere Aspekte auf, die in einem begleitenden Reflexionsprozess bearbeitet wurden: Welche Themen eignen sich für die Gerechte Gemeinschaft? Welche Punkte – abseits von Alltagsabsprachen – betreffen alle und sind emotional so relevant, dass sich jede und jeder beteiligt? Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit die Gerechte Gemeinschaft für alle gerecht ist? Und wie sieht es aus mit der Regeleinhaltung, mit Verantwortungsübernahme und Konsequenzen?

Chancen der Gerechten Gemeinschaft

„Es ist eine große Chance, wenn sich eine Gruppe in einem anderen Kontext erleben kann. Ich merke auch, es ist eine totale Bereicherung, dass die Jugendlichen am Tisch sitzen mit allen Betreuern,“ sagt Katrin Bergmann. Denn in der Regel erleben die jungen Menschen immer nur einen Betreuer im Dienst, maximal zwei. „Und ich glaube, die Jugendlichen lernen gerade dadurch, dass die Betreuer ihre unterschiedlichen Positionen in der Gerechten Gemeinschaft einbringen und diskutieren. So wird einfach spürbar: Es gibt unterschiedliche Meinungen, wir kommen hier in den Austausch – und wir schaffen es im Rahmen dieses Prozesses, uns irgendwie zu einigen und eine gemeinsame Haltung zu entwickeln.“

„Jugendhilfe muss Selbstwirksamkeitsprozesse möglich machen“
(Katrin Bergmann)
Über die Beteiligung, das Debattieren, das Ringen um eine gute Lösung lernen die jungen Menschen, dass sie ernst genommen werden und in der Wohngruppe mitbestimmen können: „Jugendhilfe muss Selbstwirksamkeitsprozesse möglich machen, das ist für mich das A und O. Und wenn wir das hinbekommen, dass ich mich [als junger Mensch] selbst als wirksam erlebe, wenn ich gehört werde und mich entfalten kann – das ist für mich die Grundlage überhaupt, um später eine psychische Stabilität im Erwachsenenalter zu entwickeln.“

Herausforderungen: Wie schaffen wir es, Gerechte Gemeinschaft für alle gerecht zu gestalten?

Zeitliche Begrenzung

Im Zuge der ersten Durchläufe zeigte es sich, dass nachjustiert werden musste, um das Konzept auf den tatsächlichen Bedarf und die Herausforderungen in der Praxis noch besser abzustimmen. Ein großer Kritikpunkt war die Länge der Veranstaltung, so Herkner: „Am Anfang haben wir die Themen an einem Abend ausdiskutiert, dadurch dauerte so eine Gerechte Gemeinschaft zweieinhalb Stunden. Das hat dazu geführt, dass manche nur noch zugestimmt haben, damit wir endlich fertig werden, weil sie einfach müde und platt waren.“ „Irgendwann hatten wir die Tendenz: ‚Sag ‚Ja‘, Hauptsache, es ist rum!` – und das war ja eigentlich nicht Sinn der Sache.“, ergänzt Bergmann. „Und dann haben wir überlegt, was wir verändern könnten, damit die Themen einerseits nicht totdiskutiert werden und sich auch nicht die Hälfte der Jugendlichen nur der Mehrheitsmeinung anschließt. So haben wir uns auf eine zeitliche Begrenzung von 60, maximal 90 Minuten geeinigt. Und wenn wir in dieser Zeit zu keinem Ergebnis kommen, dann wird das Thema in der nächsten Sitzung fortgesetzt. Wir setzen uns nicht mehr so unter Druck, das Thema an einem Abend abzuschließen.“
„Wie können wir sicherstellen, dass sich jeder traut, seine Meinung zu sagen?“
(Andrea Herkner)

Kleingruppen

Die zweite große Frage war: „Wie können wir sicherstellen, dass sich jeder traut, seine Meinung zu sagen?“ Denn einige der jungen Menschen beteiligten sich nicht aktiv an der Diskussion – bedingt durch die Gruppengröße oder auch aufgrund von Sprachbarrieren bei minderjährigen Geflüchteten. Andere Jugendliche waren aufgrund ihrer Erfahrungen aus dem Herkunftssystem auch erst einmal verunsichert und grundsätzlich überfordert mit dem Gedanken, mitsprechen und mitbestimmen zu können – oder gar zu sollen. Sie galt es an das Konzept „Beteiligung“ erst einmal behutsam heranzuführen. Und nicht zuletzt spielte (und spielt) auch die Gruppendynamik eine entscheidende Rolle: In jeder Gruppe gibt es meinungsstarke Jugendliche – Anführer*innen, Bestimmer*innen –, die sich eloquent ausdrücken und andere mitreißen können. Ihnen ordnet sich ein Teil der jungen Menschen lieber unter, anstatt eine abweichende Meinung auf den Tisch zu bringen und diese zu vertreten.
„Mittlerweile gehen wir innerhalb der Gerechten Gemeinschaft in Kleingruppen in den Austausch, damit die Schüchternen und Zurückhaltenden, die sich in der großen Runde mit 15 oder mehr Personen nicht so recht trauen, einen anderen Rahmen haben, um sich zu Wort zu melden. Und das hat sich bewährt,“ bestätigt Herkner. Der andere Punkt sei, dass sich teilweise auch Machtstrukturen innerhalb der Gruppen manifestieren: „Die Jugendlichen müssen auch erst lernen, mit der Ressource, machtvoll sein zu können, gut umzugehen. Denn es ist natürlich auch eine Gratwanderung zwischen Macht und Machtmissbrauch: Andere Menschen anregen und von eigenen Ideen überzeugen zu können, ist das eine. Aber andere zu manipulieren, etwas genauso zu sehen und zu machen wie man selbst, geht dann natürlich in die falsche Richtung. Das ist aber auch ein normaler Prozess in dem Alter, insbesondere in Gruppen, und damit müssen wir umgehen.“

Bedarfsorientierung

Seit einer Weile wird die Gerechte Gemeinschaft zudem bedarfsorientiert durchgeführt: „Die Gruppe entscheidet jeden Monat kurzfristig, ob sie zum festgesetzten Termin eine Gerechte Gemeinschaft braucht. Die Sitzungen bleiben terminiert, wir berufen sie aber nur dann ein, wenn es sinnvoll erscheint.“ Wenn kein Thema ansteht, nutzen die Jugendlichen die Zeit zusammen mit allen Betreuer*innen für einen Gruppenabend – freizeitpädagogisch oder um Gruppeninterna zu regeln. Etwa auch solche alltagspraktischen Themen wie Frühstücksdienst oder Abendessensdienst, die nach der aktuellen Übereinkunft auch gut in anderen Formaten, wie dem Gruppenabend, geklärt werden können.

Ein Baustein von vielen

In diesem Punkt sind sich alle Beteiligten nach einem Jahr Erprobung des neuen Formats einig: „Wir müssen uns noch einmal das Gesamtkonzept, die Verschränkung unserer verschiedenen Beteiligungsinstrumente anschauen“, resümiert Erzieherin Anja Klein, die in der Einrichtung zugleich Beteiligungsmentorin ist: „Denn die Beteiligung in der ‚Gerechten Gemeinschaft‘ ist ja nur ein Baustein von vielen. Und die Kunst ist jetzt, zu definieren: Was gehört alles zum Überbegriff ‚Gerechte Gemeinschaft‘ dazu; welche Themen sind wirklich so interessant und passend, dass sich jeder auch daran beteiligt und seine eigene Meinung vertritt? Welche Themen sind vielleicht auch in unseren anderen Beteiligungsgremien gut aufgehoben – und wo liegen auch Grenzen? Wo wird den Jugendlichen die Beteiligung vielleicht auch zu viel? Denn unsere Kids wünschen sich manchmal auch einfach klare Vorgaben und dass nicht alles ausdiskutiert werden muss.“

Rolle und Handlungssicherheit der Fachkräfte

In begleitenden Reflexionsgesprächen wurde im Laufe des Prozesses immer wieder darauf geschaut, wie es allen Beteiligten mit den Gerechten Gemeinschaften geht. Denn nach anfänglicher Euphorie und Begeisterung hatten sich bei einigen Mitarbeiter*innen auch Zweifel und Unsicherheiten bemerkbar gemacht: Mit der Verabschiedung vom alten Stufensystem, das ihnen durch den klaren Rahmen, durch Vorgaben und Kontrollmechanismen auch großen Halt gegeben hatte, war ein Teil ihrer Handlungssicherheit im Alltag verlorengegangen: „Man ist manchmal sehr machtlos, weil einem die Handhabe fehlt. Man braucht – zusätzlich zu der vielen Beteiligung und zu den Dingen, die man erarbeitet – auch Konsequenzen,“ beschreibt Klein die Bedenken mancher Betreuer*innen im Alltag.
„Was ist jetzt eigentlich meine Rolle? Was darf ich denn noch vorgeben?“
(Anja Klein)
„Was so unsicher macht, ist die Unklarheit: Was ist jetzt eigentlich meine Rolle? Was darf ich denn noch vorgeben oder einfordern, ohne dass ein Jugendlicher sagt: Das ist aber mein gutes Recht! – Und was mache ich, wenn die Jugendlichen sich weigern, die gemeinsamen Beschlüsse umzusetzen, beispielsweise den Frühstückstisch für alle zu decken? Oft sind das genau diejenigen, die sich in der Gruppensitzung der Mehrheitsmeinung anschließen und sich im Stillen denken: ‚Ich hab‘ keine Lust mehr, darüber zu diskutieren, decken wir halt den Tisch.‘ Mit denen hab‘ ich dann immer die Diskussion, weil sie bei nächster Gelegenheit sagen: ‚Mach‘ ich nicht.‘“
Für die Fachkräfte ergibt sich aus diesem Dilemma eine ganze Reihe von Fragen:
  • Wie gewinne ich im pädagogischen Alltag, in einer konkreten Situation meine Handlungssicherheit zurück?
  • Wie erreiche ich die Jugendlichen, wenn mit der Ablösung des bisherigen Systems auch Strukturen wegfallen?
  • Wie lässt sich idealerweise die intrinsische Motivation der jungen Menschen wecken, ihre Einsicht in den Sinn der Vereinbarungen?
  • Und wie kann ich die Jugendlichen im Zweifelsfall auch in die Pflicht nehmen, gemeinsam entwickelte Regeln und Übereinkünfte tatsächlich umzusetzen? Denn: Zur Mitbestimmung gehört natürlich auch die Übernahme von Verantwortung.
„Wenn wir Beteiligung ernst meinen, müssen wir auch bereit sein, den mühsamen Weg zu gehen.“
(Andrea Herkner)
„Auch bei uns gibt es Grundregeln, die für alle Betreuten gelten, die ihnen nahegebracht werden und denen sie zu entsprechen haben. Was unsere Jugendlichen aber gelernt haben ist, dass sie diese Regeln jederzeit in Frage stellen können, wenn sie sie als unsinnig erachten. Und dann müssen wir uns dem stellen,“ erklärt Herkner. „Hinter Formaten wie den Gerechten Gemeinschaften steht die Entscheidung, die Kinderrechte umzusetzen und unsere Beteiligungspflicht zu erfüllen. Wenn wir es damit ernst meinen, dann müssen wir auch dazu bereit sein, den mühsamen Weg zu gehen. Und dann gibt es keine ‚Wenn-dann-Entscheidungen mehr, keinen ‚Reaktionskatalog‘, an dem wir uns 1:1 orientieren können.“

„Natürlich sorgt ein Punktesystem, wie wir es vorher hatten, an der einen oder anderen Stelle für mehr Klarheit. Aber es nimmt auch einfach Individualität,“ so Bergmann. „Und da wollen wir ja eigentlich hin, zu mehr beteiligungsorientierter individueller Pädagogik. Das bedeutet natürlich auch immer wieder ein Aushandeln, ein tagtägliches Aushandeln. Und das braucht Zeit, das kostet Nerven.“
 
„Unsicherheit ist Bestandteil unserer Profession.“
(Prof. Dr. Klaus Wolf)
„Die jungen Menschen auf Augenhöhe heranzulassen, ist für die Mitarbeitenden natürlich auch mit Unsicherheit verbunden. Je mehr Partizipation, je mehr ‚Gerechte Gemeinschaft‘ wir ermöglichen und je mehr wir die Individualisierung der pädagogischen Betreuung vorantreiben, desto größer ist auch die Verunsicherung,“ so Herkner, „weil es natürlich für jeden Mitarbeitenden einfacher ist, sich durchzusetzen, indem er sich auf Regeln beruft. Das gibt mehr Handlungssicherheit, gerade auch für junge Mitarbeitende. Aber es ist nicht unbedingt besonders wertvoll für die Weiterentwicklung.
Und da hat Professor Wolf eine ganz prägende Überschrift mit eingebracht in einen unserer Klausurtage: Unsicherheit als Bestandteil unserer Profession. Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Mitarbeiter*innen sind immer wieder allein im Dienst, das lässt sich nicht vermeiden, in der jetzigen Zeit schon gar nicht. Jede*r Mitarbeitende muss in der Lage sein, von jetzt auf gleich Entscheidungen zu treffen. Er oder sie braucht die Sicherheit, dass das Team und die Leitung hinter ihm stehen, auch wenn es vielleicht eine kritische Entscheidung ist. Mit dieser Unsicherheit müssen wir leben. Das ist ein wichtiger Prozess, auch für die Mitarbeitenden.“ 
Bergmann ergänzt: „Und in diesem Prozess stecken wir mittendrin. Wir haben die Ängste ausgesprochen, anerkannt, ernstgenommen und arbeiten an diesen Ängsten. Dabei geht es auch darum, den Kolleg*innen Druck zu nehmen, immer wieder Reflexionsprozesse anzuregen und gemeinsam draufzuschauen: ‚Wie bin ich mit der Situation umgegangen und wie könnte ich es beim nächsten Mal vielleicht auch anders machen?‘“ 

Ziele finden, vereinbaren und erreichen

„Wir haben uns schon oft gefragt, warum es so schwierig ist, die Jugendlichen dazu zu bewegen, sich an Vereinbarungen zu halten und daran mitzuwirken, etwa auch, wenn in den Hilfeplänen Ziele formuliert werden, an denen weitergearbeitet werden soll. Und wir haben festgestellt, dass es ganz oft nicht ihre eigenen und ihre aktuellen Ziele sind, sondern Ziele, die die Erwachsenen für sie sehen. Wenn für die Jugendlichen selbst gerade etwas ganz anderes auf Platz eins steht, dann halten sie sich auch nicht an die Schritte, die zur Zielerreichung notwendig wären.“
„Was Du wirklich willst, das schaffst Du. Das ist meine feste Überzeugung.“
(Andrea Herkner)
Dabei ist sich Herkner sicher: „Jugendliche haben Ziele, Jugendliche wollen auch Ziele verfolgen – sei es, die Mittlere Reife oder das Abitur zu schaffen, einen Therapieplatz zu finden oder wieder eine bessere Beziehung zur Mama aufzubauen. (…). Und deshalb geht es uns darum, gemeinsam mit den Jugendlichen einen Weg zu finden, wie sie diese Entwicklung selbst mitgestalten können, wie sie ihre eigenen Ziele finden, verfolgen und erreichen können.
„Wie können wir die Jugendlichen auf dem Weg zu ihren Zielen gut begleiten?“
(Andrea Herkner)
Und das wird jetzt noch ganz spannend in der Gerechten Gemeinschaft. Denn unser aktuelles Thema lautet ‚Ziele und Vereinbarungen‘ und befasst sich genau damit: Wie bekommen wir die Jugendlichen in diese Selbstbestimmung und in die Verantwortung? Wie können wir sie auf dem Weg zu ihren Zielen gut begleiten?“ Das „Was“, also die konkreten persönlichen Ziele, werden mit jeder/m einzelnen Jugendlichen individuell vereinbart. Aber das „Wie“, also wie der Rahmen, wie die Begleitung bei der Umsetzung aussehen soll, das entwickeln die Pädagog*innen gemeinsam mit den jungen Menschen in der Gerechten Gemeinschaft. „Und in unserer heutigen Gruppensitzung möchten wir uns auf ein Prozedere verständigen: Wie gestalten wir nun konkret diesen Prozess? Wie werden wir die Ziele festschreiben, reflektieren – und auch kontrollieren? Und wer spielt welche Rolle darin?“

Resümee

„Ich finde, dass grundsätzlich alle Themen besprechbar sind, die nicht durch Gesetze oder durch Fürsorge- und Aufsichtspflicht vorgegeben sind. Ob es nun der Speiseplan ist, ob es Anschaffung und Gestaltung ist, ob es Zielfindung ist. Was das konkrete Zusammenleben angeht, würde mir spontan kein Thema einfallen, das nicht mit Jugendlichen besprochen werden kann. Und die Erfahrung zeigt: Je ernster wir sie nehmen, je ehrlicher wir es meinen, desto mehr kann man verhandeln und desto mehr kann man auch besprechbar machen.“
„Das sind so tolle Jugendliche, die so viel zu sagen haben."
(Andrea Herkner)
„Ja, das sind die Gerechten Gemeinschaften in Kaiserslautern, jetzt gut zwei Jahre alt. Und wir sind immer noch mitten im Prozess. Ein spannender Prozess. Und obwohl das immer montagsabends um Viertel nach sieben ist – wo ich manchmal denke, ich könnte jetzt auch gut zu Hause sitzen, es reicht für heute –, gehe ich jedes Mal total belebt aus diesen Veranstaltungen raus. Das sind so tolle Jugendliche, die so viel zu sagen haben. Und die – wenn man ihnen richtig zuhört – sich selbst am allerbesten kennen, mit ihren Stärken, aber auch mit ihren Schwächen.
Die zum Beispiel sagen: ‚Das mit dem Waschmaschineausräumen jeden Abend, das krieg‘ ich nicht hin.‘ Und dann überlegen wir gemeinsam mit der Gruppe: Okay, was braucht es denn, damit Du es hinkriegst? Was könnte helfen? Denn hinkriegen musst Du es, weil der Nächste am nächsten Morgen waschen möchte und keine vollgestopfte Maschine vorfinden will. Und das finde ich so wertvoll, dass sie sich dann auch trauen zu sagen: Ich verstehe die Regel, aber ich kann dem nicht zustimmen, weil ich das nicht hinbekomme. Und dann weiterzugucken. – Das entwickelt eine Dynamik.“
„Es ist ein guter Weg, den ich wieder einschlagen würde!“
(Andrea Herkner)
„Es ist ein guter Weg, den ich wieder einschlagen würde. Denn im Grunde gibt es nur Gewinner, wenn man diese Methode nutzt und für die Einrichtung und für das Klientel die richtigen Rahmenbedingungen herausgefunden hat. Aber ich würde nie sagen, es muss genau so laufen. Es kann auch sein, dass wir in einem Jahr eine andere Gruppenkonstellation haben, neue Betreute, mit denen wir wieder nachjustieren müssen. Die wir neu ins Boot holen müssen. Es ist eine Idee, es ist eine Methode, die wir aufgegriffen haben. Wir setzen sie um, wir passen sie an und entwickeln sie weiter, für unser Haus.
Und wenn wir einen Beitrag leisten können für unsere Jugendlichen, dass sie sich trauen, ihre Meinung zu vertreten, auch wenn diese vielleicht nicht Mainstream ist. – Das ist ja für junge Menschen genauso herausfordernd wie für jeden Erwachsenen, gerade in diesen Zeiten. – Dann haben wir einen wirklich wichtigen Beitrag geleistet. Und das ist für mich auch das Wertvolle an diesem Prozess der Gerechten Gemeinschaft, dass man das übt, dass man das auch als Fachkraft beobachten, begleiten und reflektieren kann und sagen kann: Da tut sich was. Denn die jungen Menschen können ja sofort auch außerhalb der Einrichtung davon profitieren, wenn sie das lernen, wenn sie sich das trauen. Dann beteiligen sie sich anders im Unterricht und trauen sich auch mal in einer größeren Gruppe, den Mund aufzumachen. Das ist für mich auch eine Form von Verselbstständigung, und je früher wir damit anfangen, desto nachhaltiger kann es wirken.“
(Stand Juli 2024)
 
*Name geändert