Das Grundsetup: Einmal monatlich setzen sich alle Betreuer*innen und Betreuten einer Wohngruppe für 60-90 Minuten zusammen und diskutieren ein gemeinsam festgelegtes Thema:
„Wir gehen von einem Problem oder einer Grundsituation aus, die alle betrifft. Und dann versammeln sich alle bei uns in der Gruppe und diskutieren diese aus“, erklärt Zaid*, 18 Jahre. „
Und man sorgt dafür, dass am Ende ein Konsens gefunden wird, also dass nicht das Mehrheitsprinzip gilt, sondern dass jeder wirklich zufrieden ist mit dem Endergebnis.“ Am Ende der jeweiligen Sitzung hat sich die Gruppe idealerweise auf eine neue Regel verständigt – und auf konkrete Schritte, mit denen diese im Alltag umgesetzt werden soll. Die Vereinbarungen werden protokolliert und in der folgenden Sitzung überprüft. Sollte im Zuge einer Gruppensitzung keine Übereinkunft erzielt worden sein, wird das Thema vertagt und in der nächsten Gerechten Gemeinschafts-Sitzung wieder aufgerufen.
„Die Kolleginnen leisten hier seit vielen Jahren eine sehr beteiligungsorientierte Arbeit. Es gibt ausgebildete Beteiligungsmentorinnen in beiden Teams, wir haben Beteiligungstreffen, Gruppenabende, das Plenum.“
Katrin Bergmann ist Fachdienst-Kollegin, Kinderschutz-Fachkraft und Co-Moderatorin der Gerechten Gemeinschaften. Aus ihrer Sicht bringt dieses Instrument, verglichen mit anderen Beteiligungsformaten, aber
eine besondere Qualität mit sich: „Im Vergleich zu den anderen Formaten sind die Gerechten Gemeinschaften nochmal intensiver, einfach durch die
Gleichberechtigung zwischen Jugendlichen und Team. Da sitzen alle an einem Tisch und reden mit. Und beide, die Jugendlichen und die Betreuer, erleben sich in diesem Kontext ja ganz anders als im Einzelkontakt. Das ist eine gegenseitige Bereicherung und auch ein spannender Prozess für die Gruppe.“
Grundgedanken und Ziele
„Die Gesamtüberlegung war: Wir wollten nicht nur ‚mehr Partizipation‘, sondern wir wollten auch unseren Beitrag leisten, dass die jungen Menschen lernen, in Aushandlungsprozesse zu gehen und Kompromisse zu schließen.“ Die Gerechten Gemeinschaften sollten entsprechend auch ein Baustein zur demokratischen Erziehung sein.
Hinzu kam, so Herkner, „dass wir dem Anspruch an eine individualisierte Pädagogik nachkommen wollten.“ Und dafür waren die bisherigen Regeln zu starr und restriktiv. „Natürlich müssen wir einen Rahmen schaffen, in dem die Jugendlichen Halt und Stabilität erfahren, in dem es bestimmte Grenzen und gemeinsame Regeln gibt und der den gesetzlichen Vorgaben entspricht. Das ist die Grundlage. Aber: Wir brauchen in der pädagogischen Praxis auch Spielräume, um auf den Einzelfall eingehen zu können. Wenn wir psychisch schwer belastete Jugendliche im Haus haben, dann geht es erst einmal darum, wie wir es schaffen, dass sie aus ihren Zimmern kommen und am Leben teilnehmen, statt dass sie sich ins Regelwerk einfügen.“
Gut gemeint, aber nicht fair: Das alte Regelsystem
Ausgangspunkt für den gemeinsamen Entwicklungsprozess war das bisherige Regelwerk der Jugendwohngruppen. Dieses sah vor, die Mitarbeit der Jugendlichen zu „bepunkten“: „Als Betreute*r hat man verschiedene Stufen durchlaufen und konnte sich hocharbeiten“, beschreibt Herkner das „alte“ System. „Und wenn man eine bestimmte Anzahl von Punkten erreicht hatte, gab es gewisse Vorteile bzw. größere Freiheiten, etwa mehr ‚Essensausnahmen‘ oder mehr Freiraum in der Handy- und Mediennutzung. Dieses System war für viele Mitarbeiter*innen und für die Betreuten mittlerweile mit Unbehagen verbunden. Ein Jugendlicher hat mal sehr prägnant gesagt, es sei unmenschlich, für Wohlverhalten bepunktet zu werden. Das habe nichts mit familiärer Atmosphäre zu tun oder damit, sich zu Hause zu fühlen. Denn es hat natürlich auch Druck erzeugt, da man nicht nur auf-, sondern auch absteigen konnte. Die Grundidee war zwar gut: Man wollte motivieren. Aber es hat sich doch immer mehr zu einem Belohnungs- und Bestrafungssystem entwickelt“, so Herkner.
„Es hat sich manchmal so angefühlt, als würde man mir meine Freiheiten wegnehmen, wenn ich mal was nicht geschafft hab‘,“
resümiert Mira, 16 Jahre.
Hinzu kam, dass die Regeln für alle gleich waren – und dass diese Gleichbehandlung die unterschiedlichen Voraussetzungen und die individuelle Situation der Jugendlichen außer Acht ließ: Was für die oder den Einen eine kleine Anforderung ist, kann für einen jungen Menschen mit Depressionen oder Traumaerfahrung eine kaum zu überwindende Hürde darstellen. Ebenso spielten Alter und Reifegrad bei der Ausgestaltung der Regeln eine untergeordnete Rolle. Alle Betreuten – egal, in welchem Alter sie in die Einrichtung kamen – mussten dieselben Stufen durchlaufen und sich bestimmte (zusätzliche) Freiheiten und Vorteile „erarbeiten“. Entsprechend ungerecht fühlte sich das bisherige Punkte- und Anreizsystem für viele der Beteiligten an.
Einige Fachkräfte haderten auch damit, dass bisweilen viel Zeit und Energie in die Kontrolle von Aufgaben und die Vergabe von Punkten floss, während die eigentliche pädagogische Arbeit auf der Beziehungsebene zu kurz kam. Und nicht zuletzt ließ sich das System auch austricksen, indem Jugendliche an der einen oder anderen Stelle durch taktischen Ressourceneinsatz genügend Punkte erreichen konnten, um sich an anderer Stelle zurückzulehnen.
Auf dem Weg zu einem partizipativen Modell
Die Initiative zur Veränderung ging von Mitarbeiter*innen aus, die dieses Stufensystem nicht noch einmal reformieren, sondern ablösen wollten. Motivation und Energie waren groß. Doch es stellte sich die Frage: Was dann? Wie könnte eine sinnvolle Alternative aussehen? Wie lassen sich gemeinsam mit den Jugendlichen verbindliche Regeln finden, mit denen alle einverstanden sind und an die sich alle halten – auch ohne die Konsequenz von Sanktionen? Und was bedeutet das im stationären Setting für die Handlungssicherheit der Fachkräfte, die dafür Sorge tragen müssen, dass Regeln und Grenzen gewahrt werden?
Um sich all diesen Fragen zu nähern, setzte sich das Team bei einer Reihe von Veranstaltungen und Workshops zunächst mit verschiedenen Facetten des Themas auseinander. So ging es beispielsweise um die Entwicklung von moralischen Werten und Überzeugungen, um das eigene pädagogische Grundverständnis, um (Macht-)Asymmetrien im Gruppenalltag oder um persönliche Vorstellungen von (demokratischem) Zusammenleben. Für die Begleitung dieses Prozesses konnte Professor Klaus Wolf, Experte auf dem Gebiet „Macht-(Prozesse) in der Heimerziehung“ gewonnen werden.
„Das probieren wir aus!“
Als eine mögliche Methode lernten die beiden Wohngruppen das Gesprächsmodell Gerechte Gemeinschaften kennen. Dieses klang sehr vielversprechend, um gemeinsam mit den Betreuten ein neues Regelsystem für das Jugendwohnen aufzustellen und so für eine größere Zufriedenheit im Zusammenleben zu sorgen.
„Die Resonanz auf unseren Klausurtagen war extrem positiv und so haben wir beschlossen: Wir probieren das aus!“, erinnert sich Herkner. Flugs wurden von den Mitarbeitenden organisatorische Hürden genommen und sogar Dienstpläne umgestellt, um die neue Methode in den Gruppenalltag zu integrieren: Einmal monatlich eine Gruppensitzung pro Wohngruppe nach dem demokratischen Prinzip Gerechte Gemeinschaft. „Das war ein sehr aufwändiger Prozess, weil an der Gerechten Gemeinschaft alle Jugendlichen und alle Mitarbeitenden teilnehmen. Aber die Entschlossenheit war so groß, dass es tatsächlich möglich gemacht wurde, alle Beteiligten zur selben Zeit an denselben Ort zu bekommen.“
Alltagspraktische Themen
Um sich an die Methode heranzutasten, wählten die beiden Teams zunächst eher alltagspraktische Themen aus. Besonders in Erinnerung geblieben sind allen Beteiligten die Verhandlungen zur
Nutzung des gemeinsamen Waschraums: „Ein Ärgernis für alle Beteiligten, sowohl für die Betreuer*innen als auch für die Jugendlichen selbst.“ Jede*r Betreute hatte einen festen Waschtag und sollte am Abend fertig sein. Oft blieb die Wäsche aber in der Maschine, der Nächste, der waschen wollte, wusste nicht, wem sie gehört, und so gammelte die nasse Wäsche im Korb auf der Maschine vor sich hin. „Da haben wir gesagt:
Das ist ein unverfängliches Thema, damit starten wir mal. Und das hat auch erstmal einen Riesenspaß gemacht, weil die Jugendlichen unglaublich engagiert dabei waren – und auch lösungsorientiert.“
„Wenn ich mich wirklich für etwas interessiere, dann ist es mir auch wichtig, was daraus wird, weil es mich persönlich betrifft.“
(Katrin Bergmann)
Mira erinnert sich: „Wir haben zum Beispiel vereinbart: Wenn man die Wäsche vergessen hat, hat man drei Tage Zeit, sie auszulösen. Dafür muss man irgendeinen Dienst machen, z.B. die Treppe putzen. Wenn man das nicht gemacht hat und die Wäsche nach drei Tagen noch unten steht, dann werden die Klamotten halt weggeworfen. Das klingt hart, aber so macht jeder was. Und drei Tage sind eigentlich eine lange Zeit, um sie wiederzubekommen.“
Bei der Praxisüberprüfung zeigte sich sehr deutlich: Wenn die Jugendlichen hinter den neuen Vereinbarungen stehen, wenn es Punkte sind, die sie selbst nerven und emotional betreffen, dann werden die gemeinsam entwickelten Regeln auch umgesetzt. Dann übernehmen die Jugendlichen dafür auch Verantwortung.
Verantwortung für die Kontrolle der Regeleinhaltung hingegen wollten bislang die wenigsten Jugendlichen übernehmen. „Immer, wenn es um die Frage ging, wer überprüft denn, ob sich alle an die neuen Regeln halten, und was passiert, wenn dem nicht so ist, dann wurde die Verantwortung doch wieder von den Jugendlichen an die Betreuer delegiert,“ resümiert Herkner. Dabei wäre es aus Sicht der Fachkräfte viel wirkungsvoller, wenn die Gleichaltrigen sich gegenseitig ansprechen würden, etwa darauf, dass die Wäsche noch nass im Waschkeller steht. Entsprechend beschäftigt Herkner und ihr Team weiterhin die Frage, was es dafür braucht, die jungen Menschen hier ebenfalls zu motivieren und in die Verantwortung zu bringen. Und wie auch diese – eher undankbare Rolle – künftig auf Augenhöhe zwischen Betreuer*innen und Betreuten ausgefüllt werden kann.
Im Zuge dieser Fragen kamen weitere Aspekte auf, die in einem begleitenden Reflexionsprozess bearbeitet wurden: Welche Themen eignen sich für die Gerechte Gemeinschaft? Welche Punkte – abseits von Alltagsabsprachen – betreffen alle und sind emotional so relevant, dass sich jede und jeder beteiligt? Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit die Gerechte Gemeinschaft für alle gerecht ist? Und wie sieht es aus mit der Regeleinhaltung, mit Verantwortungsübernahme und Konsequenzen?
Chancen der Gerechten Gemeinschaft
„Es ist eine große Chance,
wenn sich eine Gruppe in einem anderen Kontext erleben kann. Ich merke auch, es ist eine totale Bereicherung, dass die Jugendlichen am Tisch sitzen mit allen Betreuern,“ sagt Katrin Bergmann. Denn in der Regel erleben die jungen Menschen immer nur einen Betreuer im Dienst, maximal zwei. „Und ich glaube, die Jugendlichen lernen gerade dadurch, dass die
Betreuer ihre unterschiedlichen Positionen in der Gerechten Gemeinschaft einbringen und diskutieren. So wird einfach spürbar: Es gibt unterschiedliche Meinungen, wir kommen hier in den Austausch – und wir schaffen es im Rahmen dieses Prozesses, uns irgendwie zu einigen und eine gemeinsame Haltung zu entwickeln.“
„Jugendhilfe muss Selbstwirksamkeitsprozesse möglich machen“
(Katrin Bergmann)
Über die Beteiligung, das Debattieren, das Ringen um eine gute Lösung lernen die jungen Menschen, dass sie ernst genommen werden und in der Wohngruppe mitbestimmen können: „Jugendhilfe muss Selbstwirksamkeitsprozesse möglich machen, das ist für mich das A und O. Und wenn wir das hinbekommen, dass ich mich [als junger Mensch] selbst als wirksam erlebe, wenn ich gehört werde und mich entfalten kann – das ist für mich die Grundlage überhaupt, um später eine psychische Stabilität im Erwachsenenalter zu entwickeln.“