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SOS Kinderdorf: Eine lebenslange Verbindung

Regine Frost, beim Bau des ersten SOS-Kinderdorfes dabei

Regine Frost kennt unser SOS-Kinderdorf vom ersten Spatenstich an. Sie wurde im Juni 1944 in Schorndorf geboren. Als junges Mädchen hat sie ihren Onkel, den Architekten der ersten SOS-Häuser hier, oft auf die Baustelle nach Oberberken begleitet. Die Verbindung und Zuneigung zu unserem SOS-Kinderdorf ist über all die Jahre nicht abgerissen. Obwohl Regine seit vielen Jahren in Canada lebt, steht sie immer noch in Kontakt mit uns. Wir freuen uns sehr, dass sie uns hier einen kleinen Auszug aus Ihrem Leben erzählt. Danke liebe Regine!



SOS Kinderdorf: Eine lebenslange Verbindung

Ich möchte Ihnen die persönliche Geschichte meiner lebenslangen Verbindung zu SOS-Kinderdorf erzählen. Eine Verbindung, die begann, als ich noch ein kleines Mädchen in Deutschland war, und die bis heute in Form von Spenden an diese lebenswichtige Organisation fortbesteht.
Mein Heimatort Schorndorf ist von einer Hügellandschaft mit Obstanlagen, Weinbergen und Wiesen geprägt, die von Mischwäldern gekrönt wird. Die Stadt ist über 800 Jahre alt und birgt die Spuren mehrerer Jahrhunderte: eine gotische Kirche, Fachwerkhäuser rund um den historischen Marktplatz, ein Burgschloss, Reste der alten Stadtmauer und enge Gassen mit Kopfsteinpflaster - geradezu aus Grimms Märchen! 
Mein Großvater stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Er verließ die Schule im Alter von 14 Jahren, arbeitete sich zu einem angesehenen Architekten hoch und gründete sein eigenes Architekturunternehmen. Seine beiden Söhne (meine Onkel) wurden ebenfalls Architekten und seine Tochter (meine Mutter) arbeitete mit dem Vater im Familienbetrieb. Die Zeit der Diktatur und des Krieges war auch für meine Familie schwer: Der jüngste Sohn im Krieg gefallen und der älteste, Peter, wurde von den Russen in Kriegsgefangenschaft genommen.
So schwierig diese Nachkriegsjahre für die Erwachsenen in meinem Leben auch waren, für mich als Kind waren sie ein Paradies. Die Straßen waren frei von Autos, die Luft sauber, die Natur direkt vor der Haustür. Ich konnte nach Lust und Laune auf Erkundungstour gehen, Obst und Gemüse im Garten ernten, die Hühner und Kaninchen füttern, tagsüber mit meinen Freunden in der Nachbarschaft herumtoben und abends schmutzig und voller Abenteuer nach Hause kommen. Und dann endlich gebadet und müde ins Bett gebracht zu werden, wo mir meine Mutter eine, zwei - oder auch drei - Gute-Nacht-Geschichten vorlas. 
Ich hatte keine, im klassischen Sinn, konventionelle Kindheit. Zuviel war vom Krieg, in der Familienstruktur, zerstört worden (bei Weitem nicht nur in meiner Familie). Aber ich hatte das große Glück, dass das Sprichwort „es braucht ein ganzes Dorf bedarf, um ein Kind großzuziehen“ bei mir Realität war. Das „Dorf“ waren meine Mutter, die Großeltern, die Mitarbeiter des Büros, die Spielzeug für mich bastelten, Nachbarn, Kunden, Handwerker und Ladenbesitzer, die mir oft etwas zum Naschen zusteckten. Und nicht zuletzt der Briefträger, der mich - besonders in der Weihnachtszeit - auf seinen Rundgängen zum Ausliefern der Päckchen mitnahm. Dieses selbst erfahrene Konzept der Fürsorge ist die Basis der vielen Gründe, warum ich mich mit großer Leidenschaft für die Arbeit der „SOS-Kinderdorf Organisation“ einsetze.
Das schönste Geschenk damals war für mich die Rückkehr meines Onkels Peter aus der Gefangenschaft. Mein Großvater konnte sich endlich zur Ruhe setzen, mein Onkel übernahm das Geschäft und meine Mutter arbeitete weiter als das „Herzstück“ des Unternehmens, das alsbald wieder zu wachsen begann.
Ich erinnere mich noch gut an eine ganz besondere Stimmung im Haus, als Mitte der 50er Jahre plötzliche ein Herr Gmeiner oft zu uns zu Besuch kam. Wie Sie sicher wissen, war er der Gründer der SOS-Kinderdörfer, nachdem er das Leid so vieler Waisenkinder nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte. Und nun sollte mein Onkel Peter eines dieser Dörfer entwerfen und bauen. Und das ganz in unserer Nähe. In Schorndorf-Oberberken sollte das erste SOS-Kinderdorf in Baden Württemberg entstehen.
Ab und zu durfte ich meinen Onkel auf die Baustelle von SOS begleiten. Der Höhepunkt waren aber die Feierlichkeiten, das Richtfest. Auf dem noch ungedeckten Dachstuhl war ein junges Birkenbäumchen aufgestellt, geschmückt mit vielen bunten Taschentüchern. Vom Dach aus wurden Ansprachen und Segenssprüche gehalten und zum Schluss wurde als Glücksbringer ein leeres Weinglas vom Dach geworfen. Danach folgte der traditionelle Richtschmaus mit weiteren Reden und einem üppigen Büffet. Zum krönenden Abschluss durfte ich sogar eines der bunten Taschentücher vom Bäumchen aussuchen und behalten.
Dies war für mich im wahrsten Sinne des Wortes die erste „hautnahe“ Begegnung mit dem Konzept von SOS-Kinderdorf. Auch heute macht diese Form von Familie für mich absolut Sinn, nicht zuletzt durch meine eigene, eher unkonventionelle, Kindheit.  
Und nun lebe ich seit über 30 Jahren in Kanada und bin die Letzte in meiner Familie. Aber die Erinnerungen an diese Zeit sind sehr gegenwärtig. Und vor allem bin ich froh, den Kontakt zu SOS-Kinderdorf zu haben.  Ich freue mich sehr, diese großartige Organisation mit Spenden und einer Schenkung in meinem Testament unterstützen zu können.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Unterstützung und Förderung von Kindern zu den wichtigsten und sinnvollsten Lebensaufgaben gehört. Gemeinsam können wir Generationen von Kindern helfen, in einem sicheren, liebevollen und fördernden Zuhause zu leben. Und glauben Sie mir: das Wissen, dazu beizutragen, macht mein eigenes Leben um so vieles reicher und glücklicher.
Ich danke Ihnen fürs Lesen!
Ihre Regine Frost

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