Jugendlicher mit älterer Frau
Gut aufgehoben in der Gastfamilie

Hamid, geflüchteter Jugendlicher aus Pakistan

Hamid* (16) floh alleine aus Pakistan – bei Familie Herrmann fand er ein neues Zuhause auf Zeit. Das SOS-Kinderdorf Württemberg brachte die beiden zusammen und begleitet sie nun auf ihrem gemeinsamen Weg.
* Name zum Schutz der Privatsphäre geändert

Plötzlich wieder Teil einer Familie

Wenn Hamid nach der Schule spontan Fußball spielen geht oder sich mit Freunden trifft, schickt er seinen Gasteltern eine Nachricht aufs Handy. Unternimmt er abends etwas, kommt er zur vereinbarten Zeit nach Hause. „Das klappt inzwischen sehr gut, wir können uns auf Hamid verlassen“, sagt Jutta Herrmann. Mit ihrem Mann Frieder und Hilli Tries vom SOS-Kinderdorf Württemberg sitzt sie an ihrem hölzernen Esstisch im schwäbischen Örtchen Rudersberg. Seit Ende August 2022 wohnt Hamid nun bei ihnen.
„Alle Gastfamilien vereinbaren Regeln mit den Jugendlichen, an die sie sich halten müssen“, sagt Hilli Tries. Die Sozialpädagogin, die lange als Kinderdorfmutter gearbeitet hat, leitet beim SOS-Kinderdorf Württemberg den Bereich „Ambulante Hilfen zur Erziehung“. Mit ihrer Kollegin, Annika Raith, betreut sie im Auftrag des Jugendamtes des Rems-Murr-Kreises Gastfamilien, in denen minderjährige Geflüchtete leben. Im „Trägerverbund Gastfamilien“ arbeitet das SOS-Kinderdorf Württemberg mit der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart, dem Jugendhilfeverbund der Paulinenpflege Winnenden und dem Kreisjugendamt Rems-Murr-Kreis zusammen.

Wieder mehr junge Geflüchtete

„Der Bedarf ist riesig“, sagt Hilli Tries. Seit 2021 kommen wieder mehr „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ – so die amtliche Bezeichnung für Asylsuchende unter 18, die ohne erwachsene Verwandte einreisen – nach Deutschland. Sie werden bei der Ankunft vom örtlichen Jugendamt in Obhut genommen und müssen laut Gesetz nach einer Übergangsfrist angemessen untergebracht werden.
Doch vielerorts sind die Einrichtungen der Jugendhilfe schon voll belegt. Und Plätze in Gastfamilien sind rar. Für den steigenden Bedarf verantwortlich sind vor allem die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan und der weiter schwelende Syrien-Konflikt. Als Notlösung werden einige der Minderjährigen inzwischen in normalen Asylunterkünften untergebracht, wo sie nur ambulant von Jugendhelferinnen und -helfern betreut werden können.

Integration gelingt schneller

„Gastfamilien sind eine Riesenchance für die Jugendlichen“, sagt Hilli Tries. „Wir sehen immer wieder, dass sie schneller Deutsch lernen oder leichter Freunde finden.“ Hamid ist ein gutes Beispiel: Er versteht die Sprache schon gut, auch wenn er beim Sprechen noch zurückhaltend ist. Im Sportverein trainiert er mit Gleichaltrigen Badminton. Nach den Sommerferien wird Hamid außerdem von der Vorbereitungsklasse in eine Regelschule wechseln, um den Hauptschulabschluss zu machen.

Konzept Gastfamilie – kein Selbstläufer

Ein Selbstläufer ist das Konzept Gastfamilie aber nicht, zudem bedeutet es erheblichen Aufwand. Die Mitarbeitenden vom Trägerverbund organisieren Infoabende für potenzielle Gasteltern, führen Vorgespräche, sind beim ersten Treffen dabei und begleiten die Familien bis zur Volljährigkeit der Jugendlichen.
Die Wohnform passe nicht zu jedem unbegleiteten Minderjährigen, erklärt Hilli Tries: „Gerade ältere Jugendliche wollen oft lieber mit Gleichaltrigen zusammenwohnen.“ Zudem gebe es traumatisierte Geflüchtete, die vom nahen Zusammenleben in einer Familie überfordert seien. Sowohl mit den Jugendlichen als auch mit potenziellen Gasteltern gibt es vorab ausführliche Gespräche: „Wir machen auch immer einen Hausbesuch, um die Verhältnisse vor Ort anzuschauen.“ Ein eigenes Zimmer muss vorhanden sein und auch etwas Zeit müssen die Gasteltern übrighaben.
Frieder Herrmann ist seit einigen Jahren im Ruhestand. Jutta Herrmann engagiert sich ehrenamtlich im Gemeinderat und in der Flüchtlingshilfe und hat ihre Arbeit in einem Kindergarten vorläufig aufgegeben. Eine Berufstätigkeit sei aber selbstverständlich mit der Gastelternschaft vereinbar und auch Alleinstehende können einen unbegleiteten Minderjährigen aufnehmen, betont Hilli Tries. Sie informiert Interessierte im Vorgespräch auch über rechtliche und finanzielle Fragen.

Vorgespräche mit allen Beteiligten

Die Mitarbeitenden von SOS-Kinderdorf begleiten nicht nur das Vormundschaftsverfahren, halten den Kontakt zum Jugendamt und helfen dabei, den Papierkram zu bewältigen. Vor allem bringen sie Gasteltern und Jugendliche zusammen und tragen dazu bei, dass das Zusammenleben gelingt. „Wir loten in den Vorgesprächen auch aus, wie groß die Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Verhaltensweisen ist. Wenn wir alle Beteiligten kennengelernt haben, versuchen wir, das beste Match zu finden“, sagt Hilli Tries.

Enge Betreuung der Familien

Vor allem in den ersten Wochen sei eine engmaschige Betreuung der Gastfamilien sehr wichtig, erklärt Hilli Tries: „So können Unstimmigkeiten gelöst werden, bevor sie sich zu größeren Konflikten entwickeln.“ Bei den Herrmanns hat sich der Alltag gut eingespielt. „Wir sind froh, dass Hamid bei uns ist!“, sagt Jutta Herrmann.
Ob es nun um schulische, rechtliche oder andere Probleme geht – die Herrmanns und Hamid können sich immer an Hilli Tries oder ihre Kollegin, Annika Raith, wenden. Regelmäßig setzen sie sich zusammen, um darüber zu sprechen, was im Alltag gut läuft und was nicht. „Das Schöne an dieser Aufgabe sind die vielen kleinen Erfolgserlebnisse“, sagt Hilli Tries. „In den Gastfamilien können wir auch sehen, wie sich Menschen nach und nach auf die jeweils andere Kultur und Lebensweise einlassen. Das macht mir besonders viel Freude!“

Gasteltern werden

Verbund
Das Angebot für Gastfamilien im Rems-Murr-Kreis wird im Trägerverbund Gastfamilien von den freien Trägern Evangelische Gesellschaft Stuttgart, SOS-Kinderdorf Württemberg sowie der Paulinenpflege Winnenden in Kooperation und im Auftrag des Kreisjugendamts Rems-Murr umgesetzt.
Kontakt
Wer Interesse hat, Gastfamilie zu werden, kann sich unverbindlich an Hildegard Tries wenden, die Mailadresse lautet:
hildegard.tries@sos-kinderdorf.de

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