Einrichtungsleiter Rolf Huttelmaier
Unser Einrichtungsleiter Rolf Huttelmaier hatte Ende 2023 sein 30-jähriges Dienstjubiläum. Wir finden, so ein Jubiläum ist auch ein schöner Anlass, Herrn Huttelmaier ein paar Fragen zu seiner Arbeit hier im SOS-Kinderdorf Württemberg zu stellen.
Lieber Herr Huttelmaier, können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag hier erinnern? Was ging Ihnen damals durch den Kopf? Mit welchen Vorstellungen und Ideen sind Sie hier gestartet?
Ich habe mich unglaublich gefreut, in einer Einrichtung arbeiten zu dürfen, die mit den damals 12 SOS-Kinderdorffamilien Kindern und Jugendlichen ein echtes und dauerhaftes Beziehungsangebot ermöglicht. Sie müssen wissen: Meinen Zivildienst hatte ich in einem klassischen Schichtdienst-Kinderheimbetrieb geleistet. Was für ein Gegensatz zu hier. Ein Erlebnis dort hat mich sehr geprägt: da war ein 11-jähriger Junge, der in seinem kurzen Leben schon über 120 Erzieherinnen, Erzieher und Zivis erlebt hatte, die für ihn zuständig waren. Und alle hatten ihm erklärt, er könne ihnen vertrauen und sich auf sie verlassen. Zu mir sagte er damals nur “Und bei dir weiß ich heute schon, dass du am Ende deines Zivi-Dienstes auch wieder aus meinem Leben verschwindest.” Womit er leider recht hatte! Dieses Schlüsselerlebnis führte dazu, dass meine Frau und ich eine Pflegefamilie für junge Menschen wurden. Ich wollte dauerhaft für wenigstens ein paar solcher Kinder da sein. Einen Ort der Geborgenheit geben. Zu Beginn meiner Mitarbeit im SOS-Kinderdorf Württemberg lebten wir mit 6 Pflegekindern zusammen. Weitere 5 Kinder folgten, die wir alle in ein selbständiges Leben begleiten durften. Für mich war mit dem Start im SOS-Kinderdorf völlig klar, dass ich am richtigen Arbeitsplatz angekommen war. Hier konnte ich Beziehung anbieten und leben.
Wie war ihr Weg hier im SOS-Kinderdorf Württemberg? Sie haben so viele beeindruckende Stationen durchlaufen – teilen Sie doch ein paar Ihrer Meilensteine mit uns.
Zu Beginn meiner Mitarbeit war ich als “Pädagogischer Mitarbeiter” für die fachliche und praktische Begleitung zahlreicher SOS-Kinderdorffamilien zuständig. Aber ich hatte auch gerne ein Auge auf das allgemeine Freizeitangebot und habe z. B. eine Fahrradwerkstatt hier im SOS-Kinderdorf eingerichtet. Dort habe ich Kinder und Jugendliche bei der Reparatur ihrer Fahrräder angeleitet. Es freut mich übrigens sehr, dass ein junger Kollege dieses Angebot noch heute fortführt.
Auf Grund meiner Zusatzausbildung in “Neurologisch Funktioneller Reorganisation” absolvierte ich über mehrere Jahre mit einigen Kindern an 5 Tagen in der Woche ein Trainingsprogramm zur Therapie von minimalen cerebralen Dysfunktionen (geringfügige Funktionsstörung des Zentralnervensystems) durch. Das war ein ganz besonderes Angebot in unserer Einrichtung und wirkte sich sehr positiv auf die Entwicklung der jungen Menschen aus.
Ein großer Schritt war für mich die stellvertretende Einrichtungsleitung. Ich war stolz, dass man mir das nach gut 6 Jahren anvertraut hat.
Viel Energie ging auch in die Weiterentwicklung des SOS-Kinderdorfs. Es galt am Bedarf zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Als Bereichsleitung lagen der Aufbau und die Etablierung einiger wichtiger Angebote in meiner Verantwortung:
- Aufbau von 2 Kinder- und Jugendwohngruppen mit jeweils 8 Plätzen
- Neubau des SOS-Kindergartens „Am Wasserturm“
- Aufbau des SOS-Waldkindergartens Forsthof
- Übernahme der Trägerschaft für den Kindergarten Geißhecken
- Aufbau der Ambulanten Hilfen unter SOS-Trägerschaft
- Aufbau des Sozialraumprojekts JuWel
- Aufbau der Angebote für unbegleitete minderjährige Ausländer: 3 Wohngruppen,
- 1 Jugendwohngemeinschaft und den Aufbau eines Netzes von bis zu 23 Gastfamilien im Rems-Murr-Kreis
Das alles waren entscheidende Schritte in der Entwicklung unseres Leistungsangebots. Wir haben uns zu einer etablierten Institution entwickelt, die ein umfassendes Unterstützungsangebot für Kinder und Familien bereithält.
2018 hatte ich dann die große Ehre, die Einrichtungsleitung für das SOS-Kinderdorf zu übernehmen. Ich danke an dieser Stelle von Herzen Herrn Otto Wandrey - 35 Jahre Kinderdorfleitung - und Frau Hanne Mörtl - 20 Jahre Kinderdorfleitung, an deren solidem Werk ich weiterbauen darf: Die Situation in der Jugendhilfe erfordert eine ständige Weiterentwicklung der Einrichtung und der Angebote, wie zuletzt die Inobhutnahmegruppe für Kinder von 0 – 11 Jahren. Mich erfüllt es mit Freude, dass wir als SOS-Kinderdorf Württemberg an dieser Stelle einen wichtigen Anteil haben dürfen in der gemeinsamen Verantwortung mit dem Jugendamt, wenn es um eine gute Versorgung von jungen Menschen geht.
Gibt es bei der Vielzahl der Projekte welche, die Ihnen in den Jahren hier besonders in Erinnerung geblieben sind?
Es sind weniger die Projekte, sondern die jungen Menschen und deren Schicksale, die in Erinnerung bleiben. Es ist unvorstellbar, welches Leid und Misshandlungen Kinder und Jugendliche in ihrem Leben oft erfahren, bis sie bei uns im SOS-Kinderdorf Württemberg ankommen.
Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling erzählte mir bei seiner Ankunft von der Folter, die er in Libyen erleben musste. Stellen Sie sich mal vor: ihm wurden die Fußsohlen ausgepeitscht, damit er nicht flüchten konnte. Er wurde als eine Art „Leibeigener“ gehalten und herumkommandiert. Auf der Flucht auf dem Weg zum Boot schossen die Libyer wahllos in die Menschenmenge am Strand. Dieser junge Mann musste die getöteten Flüchtlinge einsammeln, aufschichten und in Brand setzen. Später ging sein Flüchtlingsboot unter. Er war einer der wenigen, die sich an ein Wrackteil klammern konnten und so überlebten. Die Hilfeschreie der Ertrinkenden lassen ihn bis heute nicht los... Solche und andere Schicksale treiben mich immer wieder an, jeden Tag hier etwas für junge Menschen und deren Familien zu bewirken.
Sie haben hier nicht nur viele Veränderungen begleitet, sondern insgesamt eine Institution im Wandel erlebt. Welche Veränderungen im SOS-Kinderdorf waren für Sie besonders wichtig?
Das Wichtigste für mich ist die stetige Veränderung, die ich in den nun schon 30 Jahren SOS-Kinderdorf hier begleite und initiiere. Durch die Professionalisierung des Angebotes der SOS-Kinderdorffamilien und den Aufbau der Wohngruppen konnten wir vielen jungen Menschen langfristig ein stabiles, tragfähiges und vertrauensvolles Zuhause bieten. Und durch die umfangreichen Angebote der Ambulanten Hilfen mit mehr als 60 Mitarbeitenden gelingt es uns, die Situation im Elternhaus vieler junger Menschen so zu stabilisieren, dass die Kinder in den Familien verbleiben können. Ich finde, eine Entwicklung, die einen sehr nachhaltigen Einfluss auf das Leben vieler junger Menschen hat!
Gibt es nach so vielen Jahren immer noch Momente, die Sie überraschen?
Es sind für mich ganz besondere Augenblicke, wenn ich von Besucherinnen und Besuchern, von Kolleginnen und Kollegen oder auch von Bewerberinnen und Bewerbern erfahre, wie wohl sie sich hier in unserem SOS-Kinderdorf Württemberg fühlen und dass dieser Ort einen besonderen Zauber hat. Das ist einfach bemerkenswert, denn in einem Kinderdorf konfrontieren uns alle Herausforderungen und gesellschaftlichen Problemlagen, die die Welt zu bieten hat. Dennoch schaffen wir es, dass unser SOS-Kinderdorf ein sicherer Hafen ist, an dem sich jeder willkommen fühlt. Ein Ort des Wohlbefindens, der Liebe und Geborgenheit. Diese Bestätigung zu erhalten, ist für mich stets ein wunderschöner und dankbarer Moment.

