Aktuelles
Haltung entwickeln und Demokratie leben
05. August 2024
„Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (Achtes Sozialgesetzbuch, Kinder- und Jugendhilfegesetz, § 1).
Das ist einer der Grundsätze der Jugend- und Jugendberufshilfe. Wir Betreuer*innen lernen junge Erwachsene kennen und erfahren ihre Geschichten. Diese sind individuell in ihrer Komplexität, aber in jedem Fall sind sie für die Jugendlichen sehr prägend: Ihre Vergangenheit hat ihre Persönlichkeit, Ansichten und Einstellungen geformt.
„Ist meine Vergangenheit auch meine Gegenwart und meine Zukunft oder kann ich mein künftiges Leben noch beeinflussen?“ Diese Frage stellen (sich) unsere Teilnehmenden oft. Die Antwort: Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber die jungen Menschen haben mit unserer Unterstützung die Chance, Gegenwart und Zukunft in eine positive Richtung zu lenken. Wir als Fachkräfte können zuhören, verstehen und Perspektiven eröffnen.
Eine Haltung kann man nur dann bewusst einnehmen, wenn man die Welt und ihre Geschehnisse erkundet, versteht und bewusst wahrnimmt. Eine Haltung für oder gegen etwas entsteht oft im Kleinen bei jedem Einzelnen von uns ganz im Stillen, hier benötigt es Orientierung und Anleitung, um diese zur Weiterentwicklung fördern zu können.
Raum, um sich auszuprobieren
In unserer niederschwelligen Aktivierungshilfemaßnahme „Zukunft-aktiv“ ist die Persönlichkeitsentwicklung ein elementarer Bestandteil unserer Arbeit mit jungen Erwachsenen – neben der beruflichen Orientierung und allgemeinen Stabilisierung. Wer bin ich, was mag ich und wo will ich im Leben eigentlich hin? Wir bieten einen Raum, in welchem sich die Jugendlichen ausprobieren dürfen und können. Sie sollen träumen und Pläne schmieden, um wieder eine Motivation zu finden, das Leben und ihre Zukunft aktiv anzugehen.
Wir, die Sozialpädagoginnen der Maßnahme, Swannja Klaus und Ina Blersch, haben eine Umgebung geschaffen, in welcher jede*r sein kann, wer er *sie ist, und dafür akzeptiert wird. Die oberste Regel lautet: Es wird niemand für etwas ausgelacht! Wir kommunizieren miteinander, um voneinander zu profitieren. Jedes Individuum trägt besondere Stärken und Potenziale in sich, die wertvoll sind. Und jede*r kann dazulernen!
„Die Klassenkameraden haben viel beigetragen, denn man kommt schnell an und wird herzlich empfangen. Hier wird keiner für irgendwas verurteilt.“ (Zitat einer Teilnehmenden)
Tatsache ist: Wir brauchen Unterschiede und Individuen, denn nur so kann die Gesellschaft existieren und funktionieren. Was wäre, wenn jede*r die gleichen Interessen, Stärken und Potenziale hätte? Wie würde die Welt dann aussehen? Gäbe es Kultur, Fortschritt und verschiedene Berufe?
Erwachsene als Vorbilder
Wir Erwachsenen gehen als Vorbilder voran und leben den Umgang miteinander vor, zum Beispiel mit konstruktiver Kritik. In unseren Gruppenstunden begeben wir uns mit den Jugendlichen in vielen Themen auf Augenhöhe. Jede*r hat die Möglichkeit, offen anzusprechen, was ihm*ihr gefällt oder missfällt, was gut oder weniger gut gelaufen ist. So gehen wir Themen lösungsorientiert an und unterstützen auf dem Weg zum erklärten Ziel. So funktioniert Gemeinschaft. Jede Stimme und jedes Bedürfnis zählen.
Auch unsere Gefühle finden Beachtung. Wir setzen uns aktiv mit den Gefühlen, die wir verspüren, auseinander. Jedes Gefühl hat eine Berechtigung, einen Auslöser und einen Ursprung. Wenn wir verstehen, wie und warum wir etwas fühlen, können wir lernen, damit umzugehen.
„Ich bin der Meinung, dass die Arbeit mit mir hier genau richtig aufgeteilt ist. Ich konnte schon einige Zweifel aus dem Weg räumen und neues Vertrauen in mich selbst aufbauen.“ (Zitat einer Teilnehmenden)
Wir Betreuende haben die Aufgabe, die Jugendlichen in ihrer Entwicklung zu unterstützen und zu fördern. Was sie mitnehmen, tragen sie in die Welt hinaus. Verstehen sie sich selbst, können sie auch andere Menschen verstehen und respektvoll mit ihnen umgehen. Daher lehren wir ihnen, sich für die eigenen Bedürfnisse und die der Mitmenschen einzusetzen.
„Die Sozialpädagog*innen gehen individuell mit einem um. Je nachdem, welche Ängste oder Probleme man hat, wird darauf Rücksicht genommen, aber auch daran gearbeitet.“ (Zitat einer Teilnehmenden)
Respekt und Würde als zentrale Devise
Gerade junge, heranwachsende Menschen sind heute einer Vielzahl von Einflüssen und Optionen ausgesetzt, werden teilweise regelrecht davon überflutet. Medien wie Tiktok, Instagram, YouTube und andere sind inzwischen nicht mehr wegzudenken, doch leider werden sie nicht immer sinnvoll genutzt. Welches Video ist lustig? Oder sollte man über dieses Thema nicht lachen? Ist das ernst gemeint? Ein Kommentar im Netz ist schnell geschrieben, doch was kann er auslösen? Noch viel wichtiger: Wofür kann ich die Medien sinnvoll nutzen? Und wie stelle ich die Richtigkeit einer Information fest? Für all das muss ein Bewusstsein geschaffen und Wissen erlangt werden. Allem voran aber steht die Devise, dass jeder Mensch mit Respekt und Würde zu behandeln ist – wie man selbst.
Partizipationsprinzip oder gelebte Demokratie: Wir gestalten die Maßnahme „Zukunft-aktiv“ gemeinsam mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Jede*r kann Themen vorschlagen, einbringen oder selbst vorbereiten. Wir lernen, Entscheidungen in der Gemeinschaft zu treffen und die damit verbundene Verantwortung zu tragen. Die jungen Menschen sind mehr und mehr selbst- und eigenständig, aber nie allein oder ohne Unterstützung. Der Stundenplan wird immer wieder thematisiert und gemeinsam über Erweiterung der Inhalte oder Verschiebung von Einheiten gesprochen. Es liegen unterschiedliche und individuelle Bedürfnisse von Einzelnen vor, die bei der Planung berücksichtigt werden müssen. Nicht jede*r kann eine volle Wochenstundenzahl ableisten. Jede*r agiert, wie er*sie kann, jedoch mit Unterstützung der anderen. So lernen wir auch, Kompromisse einzugehen und abzuwägen, was wirklich wichtig ist – für das Glück des*der Einzelnen und/oder das Wohl der Gemeinschaft.
Bildung, Bindung und Entwicklung finden im Alltag statt – in den unterschiedlichsten Dimensionen. Sie nehmen Einfluss auf den Umgang miteinander und spiegeln sich in den Handlungen und Alltagsroutinen wider. Alles, was wir im Rahmen unserer pädagogischen Arbeit dazu beitragen, fängt bei uns an, denn wir gehen als Beispiel voran auf dem Weg zum Ziel – einer gemeinsamen, respektvollen und friedlichen Gemeinschaft, Gesellschaft und Welt!
Swannja Klaus, SOS-Kinderdorf Nürnberg
