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Nicht ein Problem, sondern ganz viele
27. Juni 2023
Straßenjugendliche brauchen oft viel Zeit, um in ein »normales« Leben hineinzufinden. Also zum Beispiel: aktiv die eigenen Finanzen und Gesundheit pflegen, Beziehungen gestalten, sich selbstbestimmt Lebensziele setzen. »Warum dauert das so lange?«, werden die Mitarbeiter*innen der Freiburger StraßenSchule manchmal gefragt. Eine mögliche Antwort ist: Ein Dach über dem Kopf reicht einfach nicht aus. Es geht auch darum, eine starke Persönlichkeit zu entwickeln, um mit Ballast im Lebensgepäck gut umzugehen.
Erstmal sind da die Gründe, die junge Menschen überhaupt auf die Straße führen. Oft war das Leben vorher schon nicht »normal«: Gewalt oder Vernachlässigung in der Familie spielen manchmal eine Rolle. Oder auch die Enge eines Bildungssystems, in das nicht alle Jugendlichen passen; Schule schwänzen kann das erste Anzeichen sein, bevor eine Straßenkarriere beginnt.
Viele junge Menschen auf der Straße haben wichtige Lebenszeit in Wohngruppen, Heimen oder Pflegefamilien verbracht. »Es ist gut und wertvoll, dass unser Jugendhilfesystem junge Menschen auffängt, wenn Familien an ihre Grenzen kommen«, sagt Sozialarbeiterin Ann Lorenz, die die Freiburger StraßenSchule leitet.
»Aber ein solches System funktioniert für Kinder und junge Menschen nur mit Regeln und oftmals einer engen Struktur.« Manch ein junger Mensch sagt sich mit 18 Jahren dann: »Jetzt kann ich selbst entscheiden, also breche ich aus.« Und wer selbst mal 18 war, kann sich denken: Eigentlich wär’s schon gut, wenn da noch ein Heimatort als Backup wäre, und Vorbilder, an denen man sich orientieren kann.
Hinzu kommt, dass das normale jugendliche Leben auf der Straße erstmal stoppt. Wer sich nie sicher sein kann, ob das eigene Hab und Gut am nächsten Morgen noch da ist, ob es eine Dusche und was zu essen gibt oder wie man die Schmerzen an der Schulter vom Schlafen auf dem harten Boden wieder wegbekommt, schiebt vieles auf: Schule, Ausbildung, Beruf? Wieder Kontakt zur Familie aufnehmen? An psychischen Traumata arbeiten? All diese Dinge warten im Lebensgepäck, bis grundlegende Bedürfnisse gesichert sind. Sie ploppen erst auf, wenn wieder Sicherheit, beispielsweise durch festen Wohnraum, hergestellt ist. Und das kann schmerzhaft und verwirrend sein.
»Die Wege der Straßenjugendlichen sind selten linear«, sagt Ann Lorenz. Natürlich gibt es Beispiele von jungen Erwachsenen, die erst bei der Anlaufstelle andocken, dann in ein Wohnprojekt einziehen und – begleitet von der Freiburger StraßenSchule – geradezu »vorbildlich« in ein selbstbestimmtes Leben übergehen.
Aber oft klappt es nicht beim ersten Anlauf. Manchmal gibt’s viele Konflikte mit den Mitbewohner*innen in einem Wohnprojekt. Andere Straßenjugendlichen strengt es sehr an, wenn sie die Vergangenheit wieder einholt: zum Beispiel flattern rechtliche Angelegenheiten oder finanzielle Forderungen herein, wenn wieder ein Wohnsitz gemeldet ist. Manche ziehen in ein Wohnprojekt ein, aus – und mit einem neuen Anlauf wieder ein.
»Erfolg« ist für Ann Lorenz und ihre Kolleg*innen, wenn jemand Vertrauen schöpft, von sich erzählt und selbst entscheidet, ein Angebot der Freiburger StraßenSchule anzunehmen. Das Wort »müssen« hat das Team aus seinem Wortschatz gestrichen. Freiwilligkeit kann Vertrauen schaffen und helfen, Lebensentscheidungen selbst treffen zu lernen. Und zu überlegen: »War der Weg auf die Straße wirklich meine Entscheidung? Oder eher eine Flucht? Und wovor?«
Wer sich fragt: »Warum hat der Weg mancher Straßenjugendlichen so viele Umwege«, dem empfiehlt Ann Lorenz, sich zu überlegen: »Was müsste alles passieren, damit ich mich selbst entscheide, nachts unter einer Brücke zu schlafen?«