Aktuelles
Auf der Straße leben – und lernen
01. Juni 2022
„Aha, Freiburger StraßenSchule - und was unterrichten Sie nochmal genau?“, werden wir häufig gefragt.
„Wir sind eine Schule des Lebens“ antworten wir dann und schauen dabei in aller Regel in große Augen. „Bei uns lernt man das, was gerade wichtig ist.“
„Wir sind eine Schule des Lebens“ antworten wir dann und schauen dabei in aller Regel in große Augen. „Bei uns lernt man das, was gerade wichtig ist.“
Bildung jenseits der Schultafel
Es kann ganz gut sein, anfangs für etwas Verwirrung zu sorgen. Das dehnt den verknappten Spielraum aus, in dem wir in unserer Gesellschaft Bildung so oft denken und verorten. Bis wir wieder auseinandergehen, sind wir uns zumeist einig mit unserem Gegenüber: lernen beschränkt sich nicht auf den Regelschulbetrieb, lernen findet überall statt, zu jedem Zeitpunkt und vor allem für jede und jeden. Also auch auf der Straße. Also auch für junge Menschen, die schwierige Erfahrungen gemacht haben und weit auf Distanz gehen zu allem, was an Schule erinnert.
Straßenjugendliche als Lernende und Lehrende
Unser Team begleitet und fördert im Jahr rund 500 Jugendliche und junge Erwachsene mit Lebensmittelpunkt Straße. Sie kommen zu uns mit ihren jeweils individuellen Bedarfen und wir versuchen gemeinsam, Lösungswege zu finden.
Dabei lernen wir - zusammen und voneinander. Wie beantrage ich einen neuen Personalausweis, wenn der alte am Schlafplatz im Freien verloren ging? Was tun, wenn mein Hundewelpe plötzlich Beulen auf der Haut trägt? Welche Rechte und Pflichten habe ich als Mieter*in?
Unsere Mitarbeiter*innen sind da und machen Mut, aber sie überlassen den jungen Menschen die Eigenverantwortung für ihr Leben und sie verstehen sie als Expert*innen desselben. Das „entgrenzt“ den Lernprozess auf allen Seiten. Mal rufen wir gemeinsam bei einem Amt an, um zu einer Fragestellung mehr zu erfahren. Mal kann ein junger Mensch sein Wissen einbringen, um einen anderen zu unterstützen oder einer ganzen Gruppe Neues beizubringen. Unsere dienstlichen und privaten Netzwerke helfen uns dabei, auf die verschiedensten Kompetenzen zuzugreifen und sie nachhaltig nutzbar zu machen.
Vorhandene Interessen und Talente gezielt fördern
Aus der Praxis heraus entstehen regelmäßig Gemeinschaftsprojekte, die den Straßenjugendlichen zusätzliche Möglichkeiten bieten, sich auszuprobieren und kennenzulernen, Fähigkeiten zu entdecken und sie weiterzuentwickeln. Dies geschieht im Rahmen von Kunst und Kultur, aber auch in Angeboten wie der Fahrradwerkstatt „reCycle“, dem „FLINTA* Space“ zu Themen der Geschlechtsidentität oder etwa Erste Hilfe-Kursen, ob für Mensch oder Tier.
Und ja – auch an Mathe- und Deutschaufgaben sitzen wir tatsächlich immer wieder zusammen. Meist dann, wenn es die jungen Menschen zurück in ein sicheres Zuhause geschafft haben und sich neu orientieren können. Regelschulen bleiben dabei oft die unüberwindbare Hürde. Vielleicht wird es eines Tages also doch noch eine Straßenschule in der Freiburger StraßenSchule geben, wir werden sehen.
Autorin:
Christine Devic M.A., Ltg. Öffentlichkeitsarbeit & Fundraising, Freiburger StraßenSchule
Erschienen in:
Christine Devic M.A., Ltg. Öffentlichkeitsarbeit & Fundraising, Freiburger StraßenSchule
Erschienen in:
PARITÄTinform Juni 2022
Wir danken dem Paritätischen Landesverband für die Freigabe zur Zweitverwertung!