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SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth unter der Lupe

5. Mai 2019

Katharina betreibt zusammen mit ihrem Mann René den Blog Sonea Sonnenschein: Katharina schreibt, René fotografiert. Sie erzählen Geschichten aus ihrem Alltag mit dem Sohn, der zehnjährigen Tochter Sonea, die das Down-Syndrom hat, und der kleinen Hundedame Lissy. Im Herbst haben sie einen Familienausflug in die SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth gemacht…

von Sonea Sonnenschein

Manchmal frage ich mich: wie mag das wohl sein, wenn Sonea einmal erwachsen ist? Wird sie ihren Traum von einem Job im Krankenhaus oder beim Arzt verwirklichen können? Wie sehr wünsche ich mir ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben für sie!

Vor einigen Wochen haben Herr Sonnenschein und ich mit den Kindern und dem Plüsch an der Leine einen Ausflug nach Hohenroth bei Gemünden am Main gemacht. „Jaaahaaa, wir fahren ins EOS-Kinderdorf!“ hatten die Kinder aufgeregt geschnattert (und meinten natürlich SOS-Kinderdorf) und gedanklich wahrscheinlich eher so etwas wie einen Freizeitpark erwartet. Was auch sonst sollte man mit einem Kinderdorf assoziieren? Euch da draußen muss ich aber nicht erklären, was es mit SOS-Kinderdorf auf sich hat. Aber wusstet Ihr auch, dass es neben den Kinderdörfern auch noch drei SOS-Dorfgemeinschaften gibt?

Katharina von Sonea Sonnenschein und Einrichtungsleitung Mario Kölbl

Mama Katharina von Sonea Sonnenschein mit Einrichtungsleitung Mario Kölbl

Die Dorfgemeinschaft Hohenroth ist eine von ihnen und 162 Dorfbewohner finden dort ihren Lebens- und Arbeitsraum. Wir haben diese Dorfgemeinschaft vor ein paar Wochen besucht und die SOS-Mitarbeiter und Bewohner ausgiebig zu ihrem Leben und ihrer Arbeit im Dorf befragt. Obwohl ich im Vorfeld recherchiert hatte und versucht habe mir ein Bild von dem Leben in einer solchen Dorfgemeinschaft zu machen, fiel es mir schwer. Ich freute mich also sehr auf unsere kleine Reise und darauf mehr zu erfahren.

Man rechnete Montagmorgen mit uns, aber wir reisten bereits am Vortag an und ließen die Dorfgemeinschaft einfach einmal ungefiltert auf uns wirken. Obwohl wir Fremde waren, wurden wir auffällig herzlich empfangen. Immer wieder begegneten uns Dorfbewohner und statt eines mürrisch-misstrauischen Blickes, den man gerne mal kassiert, wenn man fremdes Terrain betritt, wurden wir mit herzlicher Neugierde überschüttet und fühlten uns absolut willkommen.

Die Dorfbewohner sind Besucher gewohnt, das Gelände für jeden frei zugänglich. Rund 150 Besuchergruppen besuchen die Dorfgemeinschaft im Jahr und so war man auch auf unseren Besuch bestens vorbereitet. Herr Kölbl, der Leiter der Dorfgemeinschaft Hohenroth nahm sich ausgiebig Zeit uns durch die 12 Arbeitsbereiche der Dorfgemeinschaft zu begleiten und uns einen durchweg positiven Eindruck von diesem durch und durch inklusiven Dorfleben zu vermitteln.

Aber fangen wir von vorne an.

Wir starten unsere Besichtigung in der Metallwerkstatt, in der uns Dorfbewohner Rüdiger sichtlich stolz gefertigte Dinge aus der Werkstatt präsentiert. Viele Sachen fertigen die Dorfbewohner selbständig und in Eigenregie. „Unser Werkstattleiter schaut, ob das machbar ist oder nicht. Viele Dinge machen wir aber alleine."

Wie diese Laternen, die es nun auf dem ortsansässigen Weihnachtsmarkt zu kaufen gibt.

Metallwerkstatt SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Aber auch aufwändige Dinge und Sonderanfertigungen, wie hochwertige Grills oder kunstvolle Kerzenständer, entstehen in der Metallwerkstatt. Die Mitarbeiter sind versunken in ihrer Arbeit. Jeder Handgriff sitzt. Sie wirken motiviert und selbständig bei ihrer Arbeit.

Weberei SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Auch Sonea darf sich am Webstuhl versuchen.

Wesentlich ruhiger geht es bei unserem Besuch in der Weberei zu. Und das bestätigt uns auch Katharina Bauert, die Leiterin der Weberei: „Dieser Arbeitsbereich ist vor allem für ältere Dorfbewohner und diejenigen, die einen ruhigen Arbeitsbereich brauchen.“

Teilweise wechseln die Dorfbewohner ihre Arbeitsbereiche und arbeiten vormittags in dem einen und nachmittags in einem anderen Arbeitsbereich. Es ist zutiefst beeindruckend was für tolle Dinge an den Handwebstühlen entstehen: Tischdecken, Läufer und sogar Wolldecken. „Die Nachfrage ist groß“, sagt Katharina Bauert stolz.

Bäckerei SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Die Außentemperaturen sind an jenem Tag schon sehr herbstlich frisch und deshalb fühle ich mich in unserer nächsten Station, der warmen Bäckerei, ganz besonders wohl. Auffällig ist auch hier die ausgelassen fröhliche Stimmung, die kein bisschen aufgesetzt wirkt. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass die Dorfbewohner ihre Arbeit wirklich von Herzen gerne machen und mit viel Spaß bei der Arbeit sind. Uns interessiert natürlich wie die Arbeitszeiten in der Bäckerei sind und wie die Arbeitszeiten der Dorfbewohner geregelt sind. Die externen Mitarbeiter sind bereits um vier Uhr morgens in der Bäckerei. Der Arbeitsbeginn der Dorfbewohner ist nicht vor 8:30 Uhr. Das hat auch seinen Grund, denn „es würde die einzelnen Hausgemeinschaften stören, wenn manche Bewohner mitten in der Nacht zur Arbeit aufbrechen“, erklärt man uns.

Während unseres Rundgangs begegnen wir den zwei Dorfältesten. Gemeint ist nicht ihr Alter, auf das die Bewohner überraschend stolz sind, sondern die Dauer ihrer Dorfzugehörigkeit. 37 Jahre sind Klaus und Arthur bereits Bewohner der Dorfgemeinschaft Hohenroth. In diesem Zusammenhang interessiert es mich welche „Kriterien“ ein Dorfbewohner erfüllen muss. „Es muss eine geistige Behinderung vorliegen und die Person muss mindestens 18 Jahre alt sein“, lautet die Antwort von Herrn Kölbl.

Stallung SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Zwischendurch dürfen die Kinder noch die Kälber streicheln. Und ich glaube, das ist eine angemessene Entschädigung für sie, dass sich hinter SOS-Kinderdorf kein spannender Freizeitpark verbirgt. Die Molkerei-Erzeugnisse haben DEMETER-Qualität und werden im Umkreis von Hohenroth ausgeliefert.

Auch in der Saatgutwerkstatt ist man während unseres Besuchs emsig. Es ist absolut faszinierend zu sehen was die Dorfgemeinschaft alles zur Selbstversorgung und zum Verkauf produziert. Ein bisschen wie eine Reise in eine fremde Zeit, in der die Welt noch in Ordnung ist. Erst mittags fällt mir auf, dass ich zwischenzeitlich noch keinen einzigen Blick auf mein Handy riskiert habe. Absolut untypisch für mich.

Unsere nächste Station ist die Holzwerkstatt. Die Kinder sind sofort abgelenkt und machen mit einer der Wackelenten, die hier produziert werden, die Werkstatt unsicher. Diverse Holzfiguren mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden werden hier produziert. „Wir achten sehr darauf die Bewohner einzubeziehen und abends mit einem guten Gefühl nach Hause zu gehen“, betont Frau Schleich, die Leiterin der Holzwerkstätte.

Schreinerei SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Eine Etage tiefer befindet sich die Schreinerei, in der vor allem Auftragsarbeiten, Reparaturarbeiten und hochwertige Holzbretter aus Edelhölzern, wie Nussbaum und Edelhölzern produziert werden. Aber auch ausgebildet wird hier in der Dorfgemeinschaft Hohenroth.

Die Produktion für den Weihnachtsmarkt läuft bereits auf Hochtouren. Manchen Dorfbewohnern, wie Daniel, begegnen wir immer wieder bei unserem Rundgang. Seine gute Laune ist ansteckend. Wir fühlen uns alle vier sehr wohl inmitten des emsigen Treibens der Dorfgemeinschaft.

Während wir zu der Hausgemeinschaft schlendern, in der wir zum Mittagessen eingeladen sind, erzählt mir Herr Kölbl von den Plänen der Dorfgemeinschaft „Hier soll irgendwann ein Zentrums für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf entstehen“. Er zeigt auf die alten Scheunen und Kuhställe, die inzwischen leer stehen.

Viele Dorfbewohner sind bereits über 30 Jahre in der Dorfgemeinschaft, da ist es verständlich, dass man einen Schritt weiter denkt und überlegt, wie man die Zukunft dieser Menschen gestalten kann. Natürlich sind finanzielle Mittel für ein solches Projekt von Nöten. Finanzielle Mittel, die sich größtenteils über Spenden generieren.

Die einzelnen Hausgemeinschaften in der Dorfgemeinschaft sind großzügig geschnitten. Man möchte am liebsten sofort einziehen, denn das Haus strahlt eine gemütliche Wohlfühlatmosphäre aus. Durchschnittlich leben acht bis neun Dorfbewohner gemeinsam mit ihren Hauseltern in einer Hausgemeinschaft. 21 Häuser gibt es insgesamt in der Dorfgemeinschaft. In der Regel kümmern sich die Hauseltern um leichte pflegerische Tätigkeiten, gestalten den gemeinsamen Alltag und kümmern sich um den Haushalt.

Bewohnerin Maren SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Bewohnerin Maren wird 53 Jahre alt.

In der Hausgemeinschaft, die wir an diesem Tag besuchen, gibt es nicht nur die besondere Situation, dass eine der Bewohnerinnen Geburtstag hat. Bewohnerin Maren wird an diesem Tag stolze 53 Jahre alt. Ihr Freund Rainer, der in einem der anderen Häuser lebt, ist auch zu Besuch. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit und kommen ursprünglich aus Bremen. „Beim Schwimmkurs haben wir uns damals kennengelernt“, erzählt Rainer lächelnd. Auch Maren und Rainer leben seit über 30 Jahren in der Dorfgemeinschaft Hohenroth.

Besonders ist aber auch, dass die Hauseltern gerade mal seit zwei Wochen in der Hausgemeinschaft leben, vieles noch neu ist und sich mit der Zeit erstmal einspielen muss. „Innerhalb jedes Hauses gibt es Unterschiede. Jedes Haus gestaltet den Alltag für sich, so wie es für alle am besten ist“, erzählt uns Herr Kölbl. Mich interessiert es aber vor allem von Hausmutter Franziska zu erfahren, wie man dazu kommt Hauseltern in einer solchen Dorfgemeinschaft werden zu wollen. „Mein Mann und ich wollten eine Veränderung. Wir kommen beide aus dem pflegerischen Bereich. Ich habe irgendwann nach anderen Lebensgemeinschaften gegoogelt und irgendwie bin ich dann auf die Dorfgemeinschaft Hohenroth aufmerksam geworden“.

Als Hauseltern hat man natürlich auch Freizeit und Urlaub. Es gibt sogar ganze Familien mit kleinen Kindern, die als Hauseltern in der Dorfgemeinschaft wohnen. „Eine Zeit lang hatten wir 20 Kinder hier im Dorf“, erinnert sich Herr Kölbl. Es gibt so genannte Anfangsmodule, die den Start erleichtern und das grundlegende Wissen vermitteln. Die meisten Hauseltern haben eine pflegerische Ausbildung. Auch während der Zeit als Hauseltern ist eine Aus- und Weiterbildung oder ein Studium möglich. Denn „uns ist es wichtig den Hauseltern auch ein Danach zu ermöglichen“, betont Herr Kölbl.

Während des Essens ist die Stimmung ausgelassen und fröhlich. Auch hier merkt man sofort, dass sich alle wohl und zu Hause fühlen. Es gibt Hähnchen mit Pommes. Das hat sich Geburtstagskind Maren als Festessen gewünscht. Beim Essen wird darüber gesprochen, dass es keine Fritteuse im ganzen Dorf gibt. Wie gut, dass auch Herr Kölbl beim Essen dabei ist und sich diesem Wunsch annehmen kann.

Hausgemeinschaft SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Die Bewohner unterhalten sich über eine Kuh, die am Morgen abgehauen ist. „Die war sicherlich nicht richtig angebunden! Das ist mir auch schon passiert“, kommentiert eine andere Bewohnerin das Geschehnis. Und ich stelle auch hier wieder mal fest, dass die Bewohner ihre Arbeit sehr verantwortungsbewusst und wirklich gerne machen.

Es gibt außerdem Projekte mit Bosch Rexroth, die ihre Azubis einmal im Jahr zur „Sozialen Woche“ in die Dorfgemeinschaft Hohenroth schicken. Einen dieser Azubis treffen wir nach unserem Mittagessen in der Kerzenwerkstatt, die unsere vorletzte Etappe des Dorfbesuches ist. Beeindruckende Kunstwerke werden hier aus Bienenwachs gegossen. „Die natürliche Fettschicht des Bienenwachses heißt Parina und braucht ein halbes Jahr zum Reifen“, bekomme ich erklärt, während ich fasziniert zur Decke schaue, von der dutzende Kerzen runter hängen.

Nach einer abschließenden Runde durch den Dorfladen, in dem wir noch ein paar Erzeugnisse der Dorfgemeinschaft, wie Honig und Marmelade kaufen, machen wir uns wieder auf den Weg Richtung Köln.

Sonea im Café der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Beflügelt und voller Eindrücke. „Wie hat es Euch gefallen?“, möchte ich von meinen Kindern wissen. „Ein bisschen laaaaangweilig“, lautet die ehrliche Antwort meines Sohnes. „Ist Euch denn etwas an den Menschen dort aufgefallen?“, möchte ich wissen.

Pause. „Der Mann eben hat mich gefragt, ob ich schon zur Schule gehe! Der war echt nett!“ und Sonea stimmt zu „super cool, ja!“. Ich lächele zufrieden, weil ich wieder mal feststelle, dass Inklusion sich auszahlt. Und die Dorfgemeinschaft Hohenroth ist für mich ein perfektes Beispiel für funktionierende Inklusion.

Es dauert nicht lange und die Kinder hängen schlafend in ihren Gurten. Es war eben doch alles sehr spannend und die vielen Eindrücke müssen erst einmal verarbeitet werden. „Wenn die Dorfgemeinschaft ein bisschen näher an Köln dran wäre, könnte ich mir das später einmal richtig gut für Sonea vorstellen“, sagt Herr Sonnenschein aus dem Nichts heraus und spricht dabei meine Gedanken laut aus.