Aktuelles
Kinder- und Betreuten-Schutz im SOS-Kinderdorf Vorpommern
30. März 2023
Ein Zwischenbericht
Der SOS-Kinderdorf e. V. arbeitet stetig daran, den Kinder- und Betreutenschutz kontinuierlich zu verbessern. Im Jahr 2021 wurde der „Aktionsplan Kinderschutz“ ins Leben gerufen – eine daraus resultierende Maßnahme war die Einrichtung von Stabstellen für koordinierende Kinder - und Betreutenschutzfachkräfte in derzeit 35 von 39 Einrichtungen - so auch im SOS-Kinderdorf Vorpommern. Seit Mitte August 2022 hat unsere Mitarbeiterin Steffi Theodor diese Stelle mit aktuell 8,5 h wöchentlich im SOS-Kinderdorf Vorpommern inne. In einem Interview berichtet sie nun ausführlich über den aktuellen Stand ihrer bisherigen, sehr vielschichtigen Arbeit.
Andrea Kunath: Liebe Steffi, Du bist neben Deiner Funktion als Hortmitarbeiterin und Musiktherapeutin nun auch als Fachkraft für Kinder- und Betreutenschutz im SOS-Kinderdorf Vorpommern zuständig. Wie lautet die konkrete Zielstellung?
Steffi Theodor: Die oberste Priorität liegt darin, eine Kultur des Hinsehens & der Achtsamkeit in Bezug auf den Schutz aller uns anvertrauten Menschen in allen Angeboten des SOS-Kinderdorfes Vorpommern zu etablieren & vor allem auch nachhaltig durch verschiedenste Angebote am Laufen zu halten. Hinzu kommt eine gehörige Portion Netzwerkarbeit und die Erstellung von Gewaltschutzkonzepten für alle Angebotsbereiche.
Andrea Kunath: Wie würdest Du Deine Arbeit in den letzten Monaten mit 3 Worten beschreiben?
Steffi Theodor: vielseitig… interessant ….herausfordernd…netzwerken…lernen… & so wahnsinnig vieles mehr…
Andrea Kunath: Eine prozesshafte Weiterentwicklung beginnt in der Regel mit der Erstellung einer Ist-stand Analyse sowie einer Bestandsaufnahme von Risiken und Ressourcen in jeder Einrichtung. Nach 6 Monaten intensiver Recherche - wie würdest Du die Risiken und Ressourcen im SOS-Kinderdorf Vorpommern beschreiben und auf den Punkt bringen?
Steffi Theodor: Eine der größten Ressourcen sind definitiv all die Menschen, denen das Thema Kinder - & Betreutenschutz genauso sehr am Herzen liegt wie dem Vorstand des SOS – Kinderdorf e.V. und mir, und die zweifellos die Notwendigkeit erkennen, sich in diesem Feld gemeinsam auf den Weg zu machen. Risiken hingegen können zwar trotz aller Schutzmaßnahmen nie gänzlich ausgeschlossen werden - wo Menschen mit Menschen arbeiten – doch Ziel muss es sein, eine höchstmaximale Minimierung dieser zu erreichen. Die Risikoanalysen werden noch in diesem Jahr unter Beteiligung aller betreuten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, sowie aller Mitarbeiter*innen (von Pädagog*innen bis hin zu Verwaltungsfach- und Hauswirtschaftskräften) stattfinden, mit dem Ziel, dass die hieraus gewonnenen Erkenntnisse dann in die Entwicklung der Schutzkonzepte mit einfließen können.
Andrea Kunath: Ende Januar fand eine Zwischenauswertung des Aktionsplans Kinderschutz in Berlin, sowie Anfang Februar eine Townhall-Veranstaltung statt – Kannst Du kurz die Inhalte und Ergebnisse skizzieren?
Steffi Theodor: Die Zwischenauswertung in der Botschaft für Kinder diente dazu, gemeinsam auf allen Ebenen (Vorstand, Leitung, Kinder - & Betreutenschutzfachkräfte, Aufsichtsrat) in den Austausch zu kommen, den derzeitigen Ist-Stand zu erfassen, bereits Getanes zu reflektieren und daraus Impulse für zukünftige Aktivitäten zu gewinnen. So werden derzeit z.B. die verbindlichen Verfahrenswege bei Grenzüberschreitung überarbeitet und eine Aktualisierung des Supervisionsrahmens vorgenommen.
Andrea Kunath: Wie sieht die Vernetzung mit anderen Fachkräften untereinander aus, sowohl intern als auch extern?
Steffi Theodor: Intern sind alle Kinder - & Betreutenschutzfachkräfte in einer Hermanngruppe und durch regelmäßige Online-Treffen (sowohl regional, als auch bundesweit) vernetzt. Hier werden z.B. wichtige Infos zur Erstellung von Arbeitspapieren, Weiterbildungen uvm. kollegial geteilt und auch Fragen zu strukturellen und inhaltlichen Themen gemeinsam und lösungsorientiert diskutiert. In Bezug auf externe Fachkräfte in Kinder - & Gewaltschutzdingen bin ich mit Beratungsstellen der Region (ProFamilia, Miss usw.) im Gespräch.
Andrea Kunath: Der Kinder- und Betreutenschutz ist ein sehr wichtiges Thema verbunden mit einer sehr großen Verantwortung - letztlich geht es darum Grenzüberschreitungen wahrzunehmen und Fehler- und Verdachtsmomente anzusprechen. Das ist natürlich ein sehr sensibles Thema. Wie gehst Du damit um? Wie erreichst Du das benötigte Vertrauen der Kinder und der Betreuten?
Steffi Theodor: Sicherlich ist es von Vorteil, dass ich bereits seit einigen Jahren als Musiktherapeutin in Hohenwieden unterwegs bin und dadurch bereits etliche betreute Menschen einen Bezug zu meiner Person haben. Zudem habe ich bereits die Gelegenheit genutzt, mich dem Wohnstätten – & dem Werkstattrat vorzustellen. Als weitere ausgewiesene sogenannte „Ombudspersonen“ werden in allen anderen Angebotsbereichen sinnhafter Weise jedoch Mitarbeiter*innen vor Ort fungieren (müssen)…Menschen zu denen die Kinder, Betreuten & Klient*innen usw. ein Bild haben (können). Ansprechbar sollte im E-Fall sowieso jede*r Mitarbeiter*in sein, denn Disclosure-Prozesse (meint das Sich-Anvertrauen nach sexuellen Übergriffen) sind nicht vorherseh- bzw. planbar. Daher ist es wichtig, dass alle Mitarbeitenden wiederholt zu Themen des Gewaltschutzes, Vorgehensweisen bei Übergriffen, SOS interne Strukturen, externe Beratungsmöglichkeiten usw., geschult werden, um Sicherheit im Umgang damit zu erlangen & im Akutfall zu wissen, was zu tun ist.
Als große Herausforderung sehe ich die niedrigschwellige Erreichbarkeit meiner Person für Menschen mit Beeinträchtigungen, welche vor allem die Sprache betreffen. Hier sind die Menschen noch mehr auf eine intensive & von Feingefühl geprägte Begleitung durch Fachkräfte angewiesen, um z.B. evtl. Verhaltensänderungen wahrzunehmen.
Andrea Kunath: Neben deinem Vollzeitjob hast Du nun noch ein Fernstudium begonnen. Kannst Du kurz die Zielstellung (ggfls. die wesentlichen Inhalte des Studiums) bezogen auf die Stelle Kinder- und Betreuten-Schutz erläutern?
Steffi Theodor: Einige Studieninhalte beziehen sich auf gesetzliche Grundlagen, u.a. zum Thema Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung nach § 8a SGB VIII (Sozialgesetzbuch Kinder - & Jugendhilfe), SGB IX (Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderung) – dies sind Inhalte, die in meiner Stelle von großer Bedeutung sind. Des Weiteren beinhaltet das Studium „Sozialpädagogik & Management“ für mich wertvolle Module zu Präsentation & Moderation, Qualitätsmanagement und Beratung. Auch einem Forschungsprojekt (vielleicht sogar im Themenfeld Gewaltschutz) sehe ich in freudiger Erwartung entgegen. Und wer weiß, was im Anschluss noch möglich ist – die Hochschule bietet einen Masterstudiengang „Soziale Arbeit – Professioneller Kinder - & Jugendschutz“ an…..doch immer schön „ein Fuß vor den anderen und wenn man in die Pfütze tritt, wird nur einer davon nass“… ;-)
Andrea Kunath: Nach der Schließung des Hortes zum Ende des laufenden Schuljahres stehen Dir wie viele Stunden für die Stelle Kinder- und Betreutenschutz zur Verfügung?
Steffi Theodor: Nach meinem Jahresurlaub im August werde ich mit mind. 20 Stunden als koordinierende Fachkraft Kinder - & Betreutenschutz im SOS – Kinderdorf Vorpommern an allen Standorten unterwegs sein, wobei sich mein Büro mit herrlichem Ausblick im alten Dorfhaus in der oberen Etage befindet. Bezüglich der Stundenzahl könnte sich aufgrund der Standortgröße vielleicht auch noch etwas ändern.
Andrea Kunath: Kannst Du abschließend einen kurzen Ausblick geben? Was möchtest Du bis Ende des Jahres erreicht haben?
Steffi Theodor: Am wichtigsten ist mir die Erreichbarkeit für alle Betreuten vor Ort, um deren Belange und Bedarfe im Sinne von Beteiligung bis hin zum Schutz (was unabdingbar zusammen gehört) bearbeiten zu können. Zudem ist mein oberstes Anliegen auch, dass alle Mitarbeiter*innen vom SOS – Kinderdorf Vorpommern verstehen, dass der erste wichtigste Gedanke im Kinder- & Betreutenschutz lautet: "Auch hier bei uns sind Übergriffe möglich!“, jede*r Einzelne über Grundwissen zum Thema „sexualisierte Gewalt“ verfügt und stets die eigene Verantwortung in Fällen von Grenzüberschreitungen bis hin zu sexualisierter Gewalt wahrnimmt und auch „wie“ dies getan werden kann, also welche Verfahrensabläufe es dazu bereits gibt.
Um dies erreichen zu können ist natürlich auch eine partizipative Prozessgestaltung zur Erstellung der Gewaltschutzkonzepte unabdingbar, welche sich erfahrungsgemäß auf bis zu eineinhalb Jahre belaufen kann. Grandios wäre auch einmal die Ausstellung „Echt mein Recht“ vom PETZE – Institut hier vor Ort zu haben oder/und das interaktive Figurentheaterstück „Pfoten weg!“ der Kinderschutzexpertin Irmi Wette zur Stärkung von Kindern gegen sexualisierte Gewalt für eine breitere Masse anbieten zu können. Doch diesbezüglich bin ich gedanklich sicherlich schon weiter in der Zukunft unterwegs…;)

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Andrea Kunath