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„Ein Jahr, in dem ich viel gelernt habe“

19. September 2023

Helan Al Haji über ihr Anerkennungs-Jahr im SOS-Kinderdorf Dortmund

„Wie geht’s Dir, wenn Du das siehst?“, frage ich Helan. Wir stehen in meinem Büro und gucken auf den großen Kalender an der Wand. Auf den 31.7., den letzten Tag von Helans Anerkennungsjahr im SOS-Kinderdorf Dortmund. „Das fühlt sich komisch an“, antwortet sie. „Weil ich jetzt ein Jahr lang hier war und mich extrem an meine Arbeit und meine Kolleginnen und Kollegen gewöhnt hab.  Und weil mir das alles wirklich Spaß macht.“
Helan ist 22 Jahre alt, kommt ursprünglich aus dem Irak und lebt seit ihrem vierten Lebensjahr in Dortmund. Ende Juni ist ihr Anerkennungsjahr hier am SOS-Kinderdorf Dortmund zu Ende und sie dann ausgebildete Erzieherin. „Das war ein unglaublich ereignisreiches, spannendes und auch herausforderndes Jahr. Ein Jahr in dem ich viel gelernt habe“, erzählt sie mir.

Herausfordernde Arbeit in der Klärungsgruppe

Helan hat das letzte Jahr in der Klärungsgruppe am SOS-Kinderdorf Dortmund gearbeitet. Sieben Kinder zwischen vier und zehn Jahren leben dort zusammen, jedes für etwa vier Monate. In dieser Zeit erarbeiten die Kolleginnen und Kollegen anhand fester Abläufe und Kriterien ein Empfehlungs-Gutachten, wo und mit welchen Hilfen die Kinder langfristig aufwachsen sollen. Sie kommen in der Regel aus krisenhaften Situationen in ihren ursprünglichen Familie zu uns, nach einer Inobhutnahme durch das Jugendamt.
„An meinem ersten Arbeitstag hier war ich sehr nervös und hatte auch ein bisschen Angst und Respekt vor der Arbeit“, erzählt Helan. Sie hatte vorher als Kinderpflegerin in einer Kita gearbeitet und machte jetzt eine Ausbildung zur Erzieherin. „In der Berufsschule wurde die Arbeit im stationären Bereich oft schlechtgeredet“, erinnert sie sich, „sogar von einigen Lehrern. Da hieß es zum Beispiel, die Arbeit sei extrem anstrengend, mit vielen Nachtdiensten und schwierigen Kindern. Ich wollte das aber unbedingt ausprobieren und mir selbst ein Bild machen. Und heute bin ich sehr froh, dass ich das gemacht und auch durchgezogen hab.“
Vor allem ihr Durchhaltevermögen am Anfang ist Helan heute stolz, denn die Anfangszeit ist für sie herausfordernd. Die Kinder, die am SOS-Kinderdorf in der Klärungsgruppe leben, haben in der Regel schon einiges erlebt, bringen Traumata und Verhaltensauffälligkeiten mit. „Vor allem mit aggressivem Verhalten mancher Kinder musste ich erst lernen, umzugehen“, sagt Helan rückblickend. „Ich musste erst mal verstehen und verinnerlichen, dass die Aggression gar nichts mit mir zu tun hat. Danach wurde es viel leichter, weil man natürlich auch einige Techniken gelernt hat, mit aggressivem Verhalten umzugehen und herauszufinden, woher es kommt.“
Eine weitere Herausforderung war für Helan das Verhältnis aus Nähe und Distanz, das in der Klärungs-Arbeit mit Kindern besonders schwierig ist. „Die Kinder, die zu uns kommen, haben in der Regel schon schwierige und oft schlimme Dinge erlebt. Da neigt man schnell dazu, besonders fürsorglich und empathisch zu sein. Gleichzeitig ist klar, dass die Kinder uns nach gut vier Monaten wieder verlassen. Damit sie dann nicht den nächsten traumatischen Beziehungsabbruch erleben, ist es wichtig, keine zu enge Bindung aufzubauen. Zu einem Kind hatte ich von Beginn an ein besonders enges Verhältnis, da war es auch für mich schwer, loszulassen. Inzwischen habe ich gelernt, dass es wichtig ist, sich immer wieder auch abzugrenzen – für die Kinder und auch für mich selbst.“

„Hier habe ich gelernt, ein persönliches Gefühl offen anzusprechen“

Neben der wachsenden Erfahrung und dem Fachwissen aus der Schule hat Helan vor allem eins bei ihrer Entwicklung geholfen, sagt sie: Das Team-Gefühl in der Klärungsgruppe am SOS-Kinderdorf Dortmund, inklusive der Koordinatorin und Praxisanleiterin Cathrin Müller. „Meine Kolleginnen und Kollegen haben es mir wirklich leicht gemacht, mich schnell wohlzufühlen und zu integrieren. Ich konnte immer alle fragen, jeder hat sich Zeit für mich genommen, wenn es irgendwie ging. Damit ist dann auch schnell die Angst vor unbekannten und schwierigen Situationen kleiner geworden.“ Auch die regelmäßigen Reflektions-Gespräche mit Cathrin Müller haben Helan gut getan und geholfen, sich schnell sicherer und gut aufgehoben zu fühlen, sagt sie. „Ich war früher sehr schüchtern. Hier hab ich gelernt, dass es okay ist, eine Meinung und auch ein persönliches Gefühl offen anzusprechen, auch wenn man dadurch vielleicht mal verletzlich wird. Offen miteinander umzugehen, ehrlich zueinander zu sein und aufeinander zu achten ist sehr wichtig. Dafür gibt es hier auch feste Rahmen, zum Beispiel wöchentliche Teamsitzungen, Fachgespräche, Supervision. Und überall die Möglichkeit, auch das, was einen selbst gerade beschäftigt und umtreibt, auf die Tagesordnung zu setzen.“
Wie geht’s Helan jetzt, nach einem Jahr am SOS-Kinderdorf Dortmund? „Ich hab mich noch nie so krass wohlgefühlt“, sagt Helan und grinst. „Ich wollte eigentlich nach dem Ende meines Anerkennungsjahres nochmal was Neues machen, mit Jugendlichen oder Menschen mit Behinderung arbeiten – aber ich konnte das alles hier irgendwie nicht loslassen. Meine Kollegen sind inzwischen eher sowas wie Freunde. Man wächst so schnell zusammen, wenn man immer wieder so offen miteinander spricht, auch über sehr persönliche oder mal private Sachen. Außerdem ist es toll zu wissen, den Kindern hier wirklich helfen zu können. Das Wissen, ihnen hier ein sicheres Zuhause zu geben und auch langfristig die beste Unterbringung zu finden. Das wiegt auch die anstrengenden Phasen oder die Nachtdienste locker auf.“

Übernahme nach Anerkennungsjahr

Deswegen geht’s für Helan natürlich auch weiter bei uns am SOS-Kinderdorf Dortmund. „Der Vertrag wird verlängert, erst mal als Vertretungslösung für einen länger erkrankten Kollegen. Ich freue mich sehr auf die neue Phase, weil die Ausbildung jetzt vorbei ist, auch der schulische Teil, und ich mich ganz auf die tägliche Arbeit mit den Kindern konzentrieren kann. Ich kann mir das auf jeden Fall auch noch für viele Jahre vorstellen.“
Wir uns auch, allen voran Detlef Palme. Er ist Bereichsleiter am SOS-Kinderdorf Dortmund und damit auch verantwortlich für die Arbeit in der Klärungsgruppe. Er hat Helan vor einem guten Jahr eingestellt/empfohlen und ist froh, dass sich jetzt eine Möglichkeit zur Übernahme ergeben hat. „Helan hat hier wirklich eine tolle Entwicklung gemacht und wir sind froh und stolz, dass sie weiter Teil des Teams bleibt. Im Vorstellungsgespräch habe ich sie noch etwas schüchtern und vorsichtig erlebt. Inzwischen ist sie eine absolute Stütze für die KollegInnen – und natürlich vor allem für die Kinder, um die wir uns hier kümmern.“ Darüber hinaus hält Detlef Helan für ein gutes Vorbild für andere junge Menschen, die sich einen Beruf im Sozialen Sektor vorstellen können. „Mir hat sehr imponiert, wie sich Helan bei uns in der Klärungsgruppe eingefunden hat. Sich nicht abschrecken zu lassen von möglichen Herausforderungen, sondern sie einfach anzunehmen. Sich selbst ein Bild von der Arbeit im stationären Bereich, also in Wohngruppen machen, anstatt sich auf die oft falschen Vorurteile anderer zu verlassen. Wir freuen uns auf jeden Fall über jeden Bewerber, und jede Bewerberin, die es so macht wie Helan im letzten Jahr.“

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