Ein neues Zuhause für Susa und Hanne

© SOS-Kinderdorf e.V. / Maximilian Geuter

Susa und Hanne* sind Schwestern. Wer es nicht weiß, kommt nicht darauf, dass die beiden Mädchen eine schwere Vergangenheit teilen. „Das Elternhaus der beiden war von Gewalt und Drogenmissbrauch gekennzeichnet“, sagt Heidrun Boye von SOS-Kinderdorf aus Hamburg. „Im Kindergartenalter mussten die beiden mit ansehen, wie der Vater mit dem Messer auf die Mutter losging. Es kam mehr als einmal vor, dass Nachbarn, von Krach alarmiert, die Polizei riefen.“ Schließlich entschied das Jugendamt, dass die Eltern nicht in der Lage sind, sich um ihre Kinder zu kümmern.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Maximilian Geuter

Nach der „Inobhutnahme“ durch das Jugendamt lebten Susa und Hanne zunächst in einer betreuten Wohngruppe, weit weg von ihren leiblichen Eltern. Dort ging der Kampf weiter, wie Heidrun Boye erläutert: „So, wie sie einst erbittert um die Liebe ihrer schwer belasteten Eltern gekämpft hatten, kämpften sie in der Wohngruppe um die Aufmerksamkeit und Zuneigung ihrer Bezugsperson.“ Es kam zu heftigen Szenen, auch körperliche Gewalt war im Spiel. Alle litten unter der Situation. Ein Tiefpunkt war erreicht.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Maximilian Geuter

Als sie schließlich zu SOS-Kinderdorf kamen, waren Susa und Hanne sechs und sieben Jahre alt. Die SOS-Pädagogen entschieden: Die Mädchen sollen die Chance erhalten, in getrennten Kinderdorf-Familien, aber in Kontakt zueinander aufzuwachsen. Das ist nur in einem SOS- Kinderdorf möglich: Die Schwestern leben nur wenige Gehminuten voneinander entfernt und können sich jederzeit treffen. Trotzdem hat jede ihre eigene Kinderdorfmutter und ihre eigenen Kinderdorf-Geschwister. Und ein eigenes Zimmer, in dem sie die Tür hinter sich zu machen kann.

© SOS-Kinderdorf e.V. / Maximilian Geuter

Susa ist eine begeisterte Sängerin, ihre ersten Bühnenauftritte hat sie mit Bravour gemeistert. Hanne treibt mit großem Engagement Sport, mit jedem Turniersieg wird sie selbstbewusster. „Für die beiden war das nach Brüchen und Umwegen ein guter Weg“, sagt SOS-Mitarbeiterin Heidrun Boye. „Heute kommen sie gut miteinander klar. Naja, manchmal streiten sie auch, aber welche Schwestern tun das nicht? Sozial und schulisch haben sie sich prima entwickelt. Die beiden werden ihren Weg machen.“

© SOS-Kinderdorf e.V. / Maximilian Geuter

Das sehen inzwischen auch die leiblichen Eltern von Susa und Hanne, zu denen SOS-Kinderdorf stets Kontakt gehalten hat und die ihre Töchter regelmäßig im wohnortnah gelegenen Kinderdorf besuchen können. „Die Chancen, die die Mädchen im Kinderdorf haben, hätten ihnen ihre leiblichen Eltern wohl nicht bieten können“, resümiert Boye. „Dass auch die Eltern die jetzige Lösung positiv beurteilen, ist eine große Anerkennung, die uns tief berührt.“

*Namen, biographische Details und Abbildungen zum Schutz der realen Person geändert.

Häusliche Gewalt in Deutschland

133.080

Menschen wurden
2016 Opfer von
häuslicher Gewalt.1

4.247

Kinder wurden
2017 schwer
misshandelt.2

43%

von ihnen
waren unter
6 Jahre alt.2

Erfasste Fälle von
Kindesmisshandlung
2

der Kinder waren mit dem
Tatverdächtigen verwandt.2

© SOS-Kinderdorf e.V. / Quellen: 1Bundeskriminalamt
Partnerschaftsgewalt 2016, 2Polizeichliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

Spenden werden zum Beispiel für Folgendes eingesetzt:

Unterstützen Sie bedürftige Kinder in Deutschland.
Schenken Sie Zukunft.

Geschwisterbande: Susa und Hanne

„Die meisten
Kinder wären in ihrer
Entwicklung gefährdet“

Interview mit der Erzieherin & Koordinatorin Melanie Patten von SOS-Kinderdorf

© SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Mika Volkmann

1. Frage:

Frau Patten, Sie kümmern sich im Düsseldorfer Stadtteil Garath um Babies und Kleinkinder im Alter von bis zu drei Jahren. Was ist das Besondere an dieser Tagespflege von SOS-Kinderdorf?

Unsere Kinder kommen aus einem Stadtteil mit hoher Arbeitslosigkeit. Etwa 90 Prozent der Eltern, die ihre Kinder bei uns in die Tagespflege geben, haben keine dauerhafte Arbeit.

2. Frage:

Warum wird dann eine Ganztages-Betreuung angeboten?

Viele Familien sind sozial benachteiligt. Zur Langzeitarbeitslosigkeit mit Hartz-IV-Bezug kommen häufig die Probleme von Alleinerziehenden. Auch chronische Krankheiten, Alkoholismus und andere Suchtprobleme sind ein Thema. Im Ergebnis leiden die Kinder Mangel. Die meisten wären in ihrer Entwicklung gefährdet, wenn sie den ganzen Tag im Elternhaus verbrächten.

3. Frage:

Das ist ein trauriges Fazit. Können Sie es erläutern?

Der Mangel in den Familien ist zunächst mal praktischer Natur. Das Geld ist knapp, am Monatsende fehlt es am Nötigsten. Das sehen wir an den Frühstücksdosen, die die Kinder in die Einrichtung mitbringen. Leider herrscht aber oft auch ein Mangel an Einfühlungsvermögen und an Wissen. Was tut einer Zweijährigen gut, was nicht? Da müssen wir öfter nachhaken und ein Auge drauf haben.

4. Frage:

Fallen Ihnen praktische Beispiele ein?

Als eher harmlose Anekdote fallen mir die Eltern ein, die ihrem Kind ein besonders gesundes Frühstück mitgeben wollten. Also hatte es ein paar schöne große Möhren dabei. Roh. Damit konnte das Baby, das erst über zwei oder vier Zähnchen verfügte, leider nicht viel anfangen. In vielen Familien laufen die Kinder „nebenher“. Niemand schaut mit ihnen Bilderbücher an oder liest vor, oft kommen sie kaum an die frische Luft. Die Eltern verbringen ja selbst zu viel Zeit im Internet oder vorm Fernsehen. Wenn wir mit den Kindern in den Garather Schlosspark gehen, wo es Pferde gibt, ist das ein echtes Highlight. Obwohl der Park ganz in der Nähe ist, sind viele Kinder dort noch nie mit ihren Eltern gewesen.

5. Frage:

Wie erreichen Sie die Eltern, damit die es besser machen?

Durch Geduld und viele Gespräche, die meist stattfinden, wenn die Kinder gebracht und abgeholt werden. Die meisten wollen ihrem Nachwuchs ja gut, aber die Scham der Eltern über ihre soziale Randlage ist groß. Oft wird viel Energie investiert, um Probleme zu verbergen. Wenn allerdings Kindeswohlgefährdung im Raum steht, handeln wir offensiv. Notfalls auch in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt.

6. Frage:

Das klingt dramatisch.

Einmal hatten wir eine Mutter, die uns amüsiert davon berichtete, dass ihr Kind wieder „aus dem Aschenbecher genascht“ habe. Sie wusste nicht, dass der Verzehr von Tabak für ein Kleinkind lebensgefährlich sein kann. Auch dass in der ganzen Wohnung geraucht wurde, fand sie in Ordnung. Wir konnten sie in intensiven Gesprächen davon überzeugen, dass sie ihr Kind besser schützen muss. Hätte sie sich nicht so einsichtig gezeigt, wären wir drastischere Schritte gegangen.

Pinar Atalay ist SOS-Botschafterin
für das Kinderdorf Hamburg:

© NDR / Thorsten Jander

„Chancengerechtigkeit ist heute ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Es gibt viele Kinder, die nicht das Glück haben, in einer Familie aufzuwachsen, die die finanziellen Möglichkeiten hat, sie bestmöglich zu fördern. Wie kann man die Chancengerechtigkeit für Kinder stärken? Der eigene Weg sollte nicht vorgezeichnet sein, es sollte nicht überraschen, dass eine Journalistin aus einer Arbeiterfamilie kommt. Oder, dass ein Kind, dessen Eltern nicht in Deutschland geboren wurden, jetzt mit deutscher Sprache arbeitet. Warum nicht? Bildung selbst ist immer förderungswürdig, ein sehr wichtiger Faktor für unser Land, in dem es noch mehr Chancengerechtigkeit geben kann. Es darf nicht zählen, wo ich herkomme, sondern was ich daraus machen kann.“

„Es gibt viele Kinder, die nicht das Glück haben, in einer Familie aufzuwachsen, die die finanziellen Möglichkeiten hat, sie bestmöglich zu fördern. Der eigene Weg sollte nicht vorgezeichnet sein, es sollte nicht überraschen, dass eine Journalistin aus einer Arbeiterfamilie kommt. Es darf nicht zählen, wo ich herkomme, sondern was ich daraus machen kann.“

Spenden Sie für einen fairen Start ins Leben

Viele Familien haben immer weniger finanzielle Mittel, um an dem Leben teilzuhaben, das um sie herum stattfindet. SOS-Kinderdorf sorgt mit Ihrer Unterstützung für benachteiligte Kinder.

*Namen, biographische Details und Abbildungen zum Schutz der betroffenen Personen geändert.

Copyright Headerbild: © SOS-Kinderdorf e.V. / Maximilian Geuter