Wie ein Junge sein Lächeln wiederfand

© SOS Kinderdorf e.V. / Foto: Christina Körte

Als Justin* vor drei Jahren in die Tagespflege von SOS-Kinderdorf kam, war er „ein völlig anderes Kind“, wie sich seine Erzieherin erinnert: „Meist saß er teilnahmslos auf dem Boden. Andere Kinder machten ihm Angst. Es gab Hinweise, dass er in seinem Elternhaus vernachlässigt wurde.“ Auf den starken Tabakgeruch in Justins Kleidung angesprochen, erklärte die Mutter freimütig, dass zuhause in allen Zimmern geraucht werde. Dazu erzählte Justins Mutter eine Geschichte, die der SOS-Pädagogin klar machte, dass diese Eltern dringend Unterstützung bei der Erziehung ihres Sohnes brauchten.

© SOS Kinderdorf e.V. / Foto: Christina Körte

Als Krabbelkind habe sich Justin immer wieder am Tisch hochgezogen und „aus den Aschenbechern genascht.“ Er habe damals halt alles in den Mund nehmen wollen. Auf die Nachfrage der SOS-Pädagogin, ob die Mutter nicht wisse, dass der Verzehr von Tabak für Kleinkinder lebensgefährlich sei, zeigte diese sich überrascht. Überforderung, Unwissen, auch mangelndes Einfühlungsvermögen auf Seiten der Eltern sind Probleme, mit denen die Mitarbeiter der Kindertagesstätte umzugehen haben.

© SOS Kinderdorf e.V. / Foto: Christina Körte

Die Einrichtung liegt in einem sozial benachteiligten Viertel einer deutschen Großstadt. Geldsorgen, Krankheiten und Arbeitslosigkeit prägen in vielen Familien den Alltag. Unter diesem Druck gehen die Schwächsten oft als Erste unter. „Viele unserer Kinder wären in ihrer Entwicklung gefährdet, wenn sie den ganzen Tag zuhause blieben“, schätzt die Pädagogin: „Es gibt dort wenig Struktur und Anregung, dafür leider oft Fernsehen und Computer satt.“ Zum Glück waren Justins Eltern offen für Gespräche, denn trotz allem lieben sie ihren Sohn und wollen es in Zukunft besser machen.

© SOS Kinderdorf e.V. / Foto: Christina Körte

Immer wieder konnten im Austausch mit SOS-Kinderdorf Lösungen erarbeitet werden, die ein ungefährdetes Aufwachsen des Jungen ermöglichen. „Dass er als Einjähriger einmal drei große rohe Möhren zum Frühstück mitbrachte, obwohl er nur vier Zähne hatte, darüber lachen wir heute“, erinnert sich die SOS-Mitarbeiterin. „Seine Eltern wollten ihm ein besonders gesundes Essen mitgeben und sind übers Ziel hinausgeschossen.“ Achtsamkeit und Respekt für die Bedürfnisse und Rechte der Kinder: Das ist es, was die Mitarbeiterinnen von SOS-Kinderdorf mit ihrer Elternarbeit erreichen wollen.

© SOS Kinderdorf e.V. / Foto: Christina Körte

Im Kita-Alltag mit den Kindern wird zudem aufgeholt, was zuhause oft zu kurz kommt: Aktives Spielen drinnen und draußen. Bilderbücher und Baukästen, Knete und Buntpapier. Dass Justin heute wie andere Kinder auf der ganzen Welt weiß, wer Pippi Langstrumpf ist und erklären kann, wie es sich mit „Herrn Nielson“ und „kleiner Onkel“ verhält? Für einen Außenstehenden ist das vielleicht nichts Besonderes. Für Justin bedeutet es sehr viel.

*Name und biographische Details zum Schutz der betroffenen Personen geändert.

Ein liebevolles Zuhause für Justin

Spenden werden zum Beispiel für Folgendes eingesetzt:

Pinar Atalay ist SOS-Botschafterin für das Kinderdorf Hamburg:

© NDR / Thorsten Jander

„Chancengerechtigkeit ist heute ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Es gibt viele Kinder, die nicht das Glück haben, in einer Familie aufzuwachsen, die die finanziellen Möglichkeiten hat, sie bestmöglich zu fördern. Wie kann man die Chancengerechtigkeit für Kinder stärken? Der eigene Weg sollte nicht vorgezeichnet sein, es sollte nicht überraschen, dass eine Journalistin aus einer Arbeiterfamilie kommt. Oder, dass ein Kind, dessen Eltern nicht in Deutschland geboren wurden, jetzt mit deutscher Sprache arbeitet. Warum nicht? Bildung selbst ist immer förderungswürdig, ein sehr wichtiger Faktor für unser Land, in dem es noch mehr Chancengerechtigkeit geben kann. Es darf nicht zählen, wo ich herkomme, sondern was ich daraus machen kann.“

Unterstützen Sie SOS-Kinderdorf.
Für mehr Chancengerechtigkeit in Deutschland.

Spenden Sie für einen fairen Start ins Leben

Viele Familien haben immer weniger finanzielle Mittel, um an dem Leben teilzuhaben, das um sie herum stattfindet. SOS-Kinderdorf sorgt mit Ihrer Unterstützung für benachteiligte Kinder.

* Um die Privatsphäre der Kinder zu schützen, wurden Namen und Abbildungen der Personen geändert.

„Viele Familien kennen keine Tagesstruktur mehr“

Interview mit SOS-Mitarbeiterin Inse Ohmstede. Die Erzieherin betreut sozial benachteiligte Kinder im Wilhelmshavener Stadtteil Fedderwardergroden.

Die Erzieherin betreut sozial benachteiligte Kinder im Wilhelmshavener Stadtteil Fedderwardergroden.

1. Frage:

Frau Ohmstede, was konkret bieten Sie den Kindern und deren Familien an?

Bei uns gibt es täglich ein warmes Mittagessen, danach Hilfe bei den Hausaufgaben und Lernförderung wie z.B. Lesen mit einer ehrenamtlichen Lesepatin. Plus Spielen, Basteln, Spaß haben, gelobt werden und auch gerne einfach mal in den Arm nehmen. Die Kinder, alle im Alter zwischen sechs und zehn, sind bei uns gut aufgehoben. Das wissen sie genauso zu schätzen wie ihre Eltern.

2. Frage:

In Wilhelmshaven und speziell in Ihrem Stadtteil gibt es viele Familien, die unter Armut leiden. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Kinder aus?

Die Kinder werden uns über Schulsozialarbeiter zugewiesen. Es handelt sich also um keine offene Betreuung, wir kümmern uns um Kinder mit einem hohen Förderbedarf. Die betreffenden Mütter und Väter schaffen es ohne Unterstützung nicht immer, sich angemessen um die Bedürfnisse ihrer Kinder zu kümmern. Wir beziehen sie über regelmäßige Elterngespräche in unsere Arbeit mit ein. Oft haben die Kinder einen besonders hohen Lernförderbedarf sowie Schwierigkeiten, sich in der Schule angemessen zu verhalten. Oft kommt alles zusammen.

3. Frage:

Was sind die typischen Probleme, mit denen Eltern und Kinder zu kämpfen haben?

Wir haben es häufig mit alleinerziehenden Müttern zu tun, die ihre Kinder sehr jung bekamen, oft schon als Teenager. Meist haben diese Mütter keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung, damit sind Arbeitslosigkeit und Armut verbunden. Es geht aber nicht nur um materielle Armut. Viele von Arbeitslosigkeit betroffene Familien kennen keine feste Tagesstruktur mehr, es wird viel zu viel Zeit mit Fernseher und Computer verbracht.

4. Frage:

Und Sie geben den Kindern eine Tagesstruktur zurück?

Ja. Von 12 bis 16 Uhr sind wir für sie da. Sie kommen nach der Schule zu uns und finden einen Mittagstisch vor. Auch das kennen viele von Zuhause nicht und genießen das gemeinsame Essen. Bei uns müssen sich außerdem alle an Regeln halten. Zum Beispiel, dass man mit Messer und Gabel isst, nicht durcheinander schreit und jeden ausreden lässt. Den Sinn dieser Regeln erkennen die Kinder schnell: Wenn man respektvoll miteinander umgeht, profitieren alle davon. In ihren Familien, wo viel Stress herrscht und manchmal sechs und mehr Personen auf 60 Quadratmetern wohnen, erfahren sie das häufig leider nicht.

5. Frage:

Und die Lernschwierigkeiten?

Versuchen wir, in den Griff zu kriegen. Wir begleiten die Kinder bei den Hausaufgaben und unterstützen sie dabei, selbständiger zu werden und sich Schritt für Schritt Erfolgserlebnisse zu erarbeiten. Wichtig ist, die Kinder zu loben, ihnen ihre kleinen Erfolge bewusst zu machen. Dann sind sie auch motiviert, große Anstrengungen auf sich zu nehmen.

6. Frage:

Was berührt Sie bei Ihrer Arbeit am meisten?

Vielleicht, wie dankbar die Kinder für Rituale sind. Das hat auch mit der fehlenden Struktur in den Herkunftsfamilien zu tun, die ich schon erwähnt habe. Wir feiern hier jeden Geburtstag mit Kuchen, Kerzen und einem kleinen Geschenk. Manche Kinder haben das zuhause noch nie erlebt. Da werden ihnen zehn Euro in die Hand gedrückt, oder der Geburtstag wird ganz verschwitzt.

7. Frage:

Welche Eltern vergessen denn den Geburtstag ihrer Kinder?

Total überforderte Eltern. Man sollte diese Familien nicht verurteilen. Die meisten Mütter und Väter lieben ihre Kinder, trotz allem. Sie sind aber so mit dem schieren Überleben beschäftigt, dass im Alltag auch wichtige Dinge durch den Rost fallen. Im Hintergrund stehen oft Suchterkrankungen, chronische Krankheiten und Ähnliches.

8. Frage:

Gibt es auch Mut machende Geschichten?

Oh ja, die gibt es! Neben den schon erwähnten kleinen Alltagserfolgen erleben wir immer wieder, dass sich sehr belastete Kinder unglaublich gut entwickeln. Wir hatten mal einen Jungen, der bei seinen schwer heroinsüchtigen Eltern aufwuchs. Wobei „Aufwachsen“ das falsche Wort ist: Eigentlich vegetierte er auf dem Teppichboden. Er kannte weder Möbel noch Essbesteck und verbrachte seinen Tag vor dem Fernseher. Bis zu seinem siebten Lebensjahr ging das so.

9. Frage:

Wie ist SOS-Kinderdorf auf ihn aufmerksam geworden?

Zunächst wurde die Schulbehörde aufmerksam, weil der Junge, der das Schulalter erreicht hatte, nicht zum Unterricht erschien. Das Jugendamt schaltete sich ein. Zum Glück gab es eine rührige und relativ junge Oma, die sich von da ab um den Jungen kümmern konnte und alle Hilfen in Anspruch nahm, die ihr angeboten wurden. Er hat dann vier Jahre lang unsere Nachmittagsbetreuung besucht, sich emotional sehr stabilisiert und sogar als schulischer Überflieger entpuppt. Heute geht er aufs Gymnasium, ab und zu besucht er uns noch. Ein toller Junge! Und ein gutes Beispiel für Resilienz.

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