Hero Image
Jugendhilfe bei SOS-Kinderdorf

Raus aus der Wohnungslosigkeit

Psychische Probleme oder instabile Familienverhältnisse – wohnungslose Jugendliche haben oft große Päckchen zu tragen. So auch bei Jennifer. SOS-Kinderdorf Saarbrücken half ihr, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Ein Einblick in das Projekt „Get On“.
Jennifer hielt es zu Hause einfach nicht mehr aus. Vor zwei Jahren verließ die gebürtige Saarländerin Hals über Kopf ihr Elternhaus. „Es hat mich komplett kaputtgemacht“, erinnert sie sich. „Nachdem meine Mutter gestorben ist, entwickelte sich die Situation mit meinem Vater leider sehr schlecht“, berichtet Jennifer. „Das war für mich auf Dauer kein Zustand mehr.“
In dieser Zeit schaffte die junge Frau es nicht mehr, eine gute Mutter für ihre eigene kleine Tochter zu sein. Das Jugendamt nahm das Mädchen aus der Familie. Jennifer flüchtete gemeinsam mit ihrem Partner vor der Realität und fuhr mit dem Camper mehrere Monate quer durch Deutschland. Einen Job hatten beide nicht. Nach vielen Monaten Roadtrip trieb die Sehnsucht nach ihrer Tochter Jennifer schließlich zurück in die Heimat. In Saarbrücken nahm ein befreundetes Paar die 21-Jährige und ihren Partner auf.

Essen, Trinken und einen Schlafplatz

Jennifer sitzt im Aufenthaltsraum des
Hilfsprojekts „Get on“
 für wohnungslose Jugendliche des SOS-Kinderdorfs Saarbrücken. Sie ist eine offene und freundliche junge Frau, erzählt gerne. Nach der Rückkehr ins Saarland war für sie klar, dass sie etwas in ihrem Leben verändern muss. Ihre Lebensumstände – ohne Ausbildung, Job und eigener Wohnung – sollten nur eine Übergangsphase sein. Das Jobcenter vermittelte die junge Frau schließlich an das
SOS-Kinderdorf Saarbrücken
.
Seit wenigen Monaten besucht Jennifer nun dreimal die Woche „Get On“, ein leicht zugängliches Projekt für Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. Rund 90 junge Leute werden momentan betreut. Die meisten sind wohnungslos und kommen bei Freunden oder dem Partner unter. Corinna Feis, Koordinatorin der berufsorientierenden Maßnahme, regelt mit den Jugendlichen zunächst elementare Dinge, um ihnen eine stabile Lebensgrundlage zu ermöglichen: „Ist derjenige krankenversichert? Wie viele Schulden liegen vor?“, zählt Feis auf. Besonders wichtig ist, dass die Jugendlichen in der Lage sind, Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und einen Schlafplatz zu stillen. „Get On“ schafft Struktur im Leben der Teilnehmenden und bildet damit die Basis für die berufliche Orientierung. Erst wenn die jungen Menschen die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen, können sie klären, welcher Job für sie infrage kommt.

Niederschwellige Angebote und Hilfe

Die SOS-Mitarbeitenden gehen mit den Betroffenen die Post von Krankenkassen, Ämtern oder dem Stromanbieter durch und stellen Anträge. „Ich finde, es ist wichtig, den Jugendlichen niedrigschwellige Angebote zu machen, gerade bei Themen wie Drogenberatung ist die Hemmschwelle sehr hoch“, erklärt Feis. Externe Drogen- oder Schuldnerberatung können Betroffene deshalb alle paar Wochen direkt in den Räumlichkeiten von SOS-Kinderdorf wahrnehmen. Zusätzlich ist der Verein gut mit anderen Trägern im Stadtteil vernetzt. „Davon lebt alles“, meint Feis. Kommen wohnungslose Jugendliche zu „Get On“, suchen die Mitarbeitenden nach passenden Angeboten innerhalb und außerhalb von SOS-Kinderdorf.

Streetwork: Auf Spurensuche

Corinna Feis und ihre Kollegen beraten aber nicht nur in der offenen Anlaufstelle von „Get On“, sondern verbringen auch viele Stunden pro Woche mit Streetwork. Sie machen Teilnehmende ausfindig, die seit Langem nicht mehr erscheinen oder nichts von sich hören lassen. Die sozialpädagogischen Fachkräfte versuchen Antworten auf bestimmte Fragen zu finden: „Wo bist du denn? Was ist los? Warum klappt es nicht?“, zählt Feis auf. Die Mitarbeiter bauen Vertrauen zu den Betreuten auf und schenken ihnen ein offenes Ohr.
Das schätzt auch die 21-jährige Jennifer. „Sie sind für mich da“, meint sie. „Ohne viele Gegenfragen zu stellen. Das hilft schon enorm. Dafür bin ich unendlich dankbar.“ Die Sozialpädagogen organisieren auch Therapieplätze. Für Jennifer sei das das Allerwichtigste, meint sie selbst. Die 21-Jährige leidet an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und braucht dringend psychotherapeutische Unterstützung, um ihre Krankheit in den Griff zu bekommen.

Mit kleinen Schritten ins (Berufs-)Leben

Das SOS-Kinderdorf Saarbrücken bietet neun Projekte für Jugendliche mit unterschiedlichen Schwerpunkten an. Dazu zählen u.a. der Jugenddienst, Hilfen im Übergang, Berufsvorbereitung und Ausbildungsqualifizierung. Viele der Projekte bauen aufeinander auf – oft wechseln die Teilnehmenden nach einiger Zeit in ein anderes. „Get On“ führt die jungen Erwachsenen an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt heran.
Erste Anhaltspunkte erhalten die Teilnehmenden in den Praxiswerkstätten vom Zentrum für Bildung und Beruf Saar. Dort schnuppern sie in Bereiche wie Raumgestaltung, Hauswirtschaft, Garten- und Landschaftsbau, Verkauf oder Friseurhandwerk rein. Und auch in den Projekten im SOS-Kinderdorf gibt es kleine Werkstätten, in denen sich die Jugendlichen mit Holz, Acryl oder Metall ausprobieren können.
Kurzfristig will Jennifer einen Therapieplatz finden, sich einen geregelten Alltag aufbauen und in eine neue Wohnung ziehen. Ihr größter Wunsch bleibt, ihr Leben in den Griff zu bekommen und die gemeinsame Tochter zu ihrem Partner und sich zu holen. „Einfach eine glückliche Familie sein“, sagt sie.  

Ich spende