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SOS-Kinderdorf Niederrhein

Brücke ins eigene Leben

Plötzlich erwachsen: Der Schritt aus dem SOS-Kinderdorf in die Selbstständigkeit war für Tamara (21) eine große Herausforderung. Ein neues Angebot des SOS-Kinderdorfs Niederrhein gab ihr Halt während des Übergangs.
Willi ist noch da! Tamara nimmt das Pappmaché-Nilpferd in die Arme und setzt sich in die Sofaecke ihrer früheren Wohngruppe im SOS-Kinderdorf. Die 21-Jährige erinnert sich noch genau, wie sie und die anderen Kinder Willi mit bunten Servietten beklebt haben. Eine Betreuerin hatte ihnen gezeigt, wie die Basteltechnik funktioniert. „Bestimmt fünf Stunden haben wir daran gearbeitet und Willi dann in der Sonne trocknen lassen“, sagt Tamara und blickt aus den großen Wohnzimmerfenstern ins Grüne.
Noch immer kommt sie gern hierher ins
SOS-Kinderdorf Niederrhein
am Stadtrand von Kleve. „Ich atme auf, wenn ich hier bin.“ Wobei das Dorf sich natürlich verändert hat in den drei Jahren, seit Tamara ausgezogen ist. Doch auch Tamara ist nicht mehr die gleiche junge Frau, die das SOS-Kinderdorf verließ, mit vorsichtigem Optimismus, aber auch vielen Fragen.

Erwachsen werden – viele Rechte, viele Pflichten

Rein rechtlich ist man in Deutschland mit Vollendung des 18. Lebensjahres volljährig. Wer in diesem Sinne erwachsen ist, darf Verträge schließen, über seinen Wohnort selbst entscheiden, wählen und gewählt werden, heiraten. Viele Rechte und Freiheiten – und noch mehr Pflichten und Herausforderungen. Weshalb die meisten jungen Menschen in Deutschland auch nach der Volljährigkeit noch auf die Unterstützung und den Rat ihrer Eltern bauen. Gerade mit dem Umzug in eine eigene Wohnung lassen sich viele von ihnen Zeit. Junge Erwachsene, die ihr Elternhaus verließen, waren 2021 im Schnitt bereits 23,6 Jahre alt.
Tamara hatte diese Option des späten Auszugs nicht – so wenig wie andere junge Menschen, die in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe aufwachsen. Sogenannte „Careleaver“ sind früher als andere auf sich allein gestellt und müssen den Schritt ins Erwachsenenleben meist ohne familiäre Unterstützung schaffen. 

Kindheit in der Obhut der Jugendhilfe

So war es auch bei Tamara. Der einzige Mensch aus ihrem familiären Umfeld, zu dem sie ein gutes Verhältnis hat, ist ihre Stiefgroßmutter. Zu ihren leiblichen Eltern hat die junge Frau kaum Kontakt. Ihre drei älteren Brüder lebten schon so lange im SOS-Kinderdorf, dass sie Tamara beinah fremd waren, als sie selbst dort ankam.
Zehn Jahre verbrachte sie dann im Dorf – eine schöne Zeit, erzählt sie, während sie über das Gelände läuft. Mit 18 Jahren zog Tamara aus dem Kinderdorf in ein Apartment, das ihr einen ersten, vorsichtigen Schritt in die Selbständigkeit ermöglichte.
Das SOS-Kinderdorf Niederrhein unterhält an seinem zweiten Standort in der Klever Innenstadt mehrere solcher kleinen Wohnungen, die den Übergang erleichtern. Dort organisierte Tamara ihren Alltag selbst, konnte aber immer eine Pädagogin oder einen Pädagogen ansprechen, wenn sie Unterstützung brauchte oder Fragen hatte. Ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin hatte sie noch während ihrer Zeit im Kinderdorf begonnen und schloss sie ab, als sie in dem Apartment wohnte. Seitdem arbeitet sie in einer Klinik. Mit 20 dann der große Schritt: der Umzug in eine eigene Wohnung.

Gemeinsam statt einsam

„Der Anfang war schwer“, sagt Tamara. Nicht, weil sie Schwierigkeiten gehabt hätte, ihren Alltag zu organisieren, wie es bei manchen Careleavern der Fall ist. Aber das Alleinsein setzte ihr zu. „Ich kam abends von der Arbeit nach Hause und habe erstmal die Wohnung aufgeräumt. Das war innerhalb von einer halben Stunde erledigt. Dann saß ich auf dem Sofa und dachte: ‚Was mache ich jetzt?‘“
In dieser Situation half Tamara die neue
Anlauf- und Beratungsstelle für Careleaver
, die das SOS-Kinderdorf Niederrhein im September 2022 in der Klever Innenstadt eröffnet hat. Ein Ort für junge Menschen, die aus einer stationären Unterbringung „herausgewachsen“ sind, aber noch Unterstützung brauchen – oder einfach jemanden zum Reden.


Anlaufstelle für Careleaver

Bianca Turek hat die Beratungsstelle mit aufgebaut und betreut sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Osman Firat Elis. Zuvor arbeitete sie im Bereich der Verselbständigung, wo sie auch Tamara begleitete. Ein Glücksfall für die junge Frau, die seit der Eröffnung der Anlaufstelle regelmäßig herkommt – so wie etwa 25 weitere Careleaver, die im SOS-Kinderdorf oder in anderen Einrichtungen in der Region aufgewachsen sind.

Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds Plus

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Die neue Anlauf- und Beratungsstelle ist Teil eines Programms für Careleaver und für entkoppelte junge Erwachsene, das SOS-Kinderdorf, die Stadt Kleve und das Berufsbildungszentrum BBZ im Jahr 2022 gestartet haben. Neben der Anlaufstelle gehört dazu auch aufsuchende Sozialarbeit.
Die Angebote werden im Rahmen des Programms „JUGEND STÄRKEN: Brücken in die Eigenständigkeit“ durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSJ) und durch die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert.
Etwa 250 junge Erwachsene sollen so in den nächsten Jahren Beratung und Begleitung erhalten.
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