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„Oft zeigen sich Probleme in Familien durch Auffälligkeiten der Kinder“

Britt Horn ist Diplom-Psychologin und Mediatorin in der Erziehungs- und Familienberatung des SOS-Familienzentrums Berlin. Sie spricht über die Situationen in belasteten Familien und wie SOS-Kinderdorf überforderte oder ratsuchende Eltern mit dem Beratungsangebot unterstützt.

Sie arbeiten in der Erziehungs- und Familienberatung des SOS-Familienzentrums Berlin. Welche Familien nehmen dieses Angebot wahr?

Britt Horn: Unser Team aus acht Mitarbeitern betreut Familien mit ganz unterschiedlichen Problemen. Zu uns kommen Familien, deren Zusammenleben sich aufgrund der Geburt des ersten Kindes oder durch Trennung verändert hat. In unserem Bezirk leben viele alleinerziehende Mütter, die sich bei uns Unterstützung holen. Auch das Thema Überforderung in der Erziehung begegnet uns.

Wie zeigt sich Überforderung in Familien?

Britt Horn: Überforderung ist ein Zuviel oder ein Zuwenig an Zuwendung, elterlichen Grenzen und einer Erziehung, die sich aus unterschiedlichen Gründen „festgefahren“ hat. Wir erleben beispielsweise Kleinkinder, die auf ein Elternteil wütend einschlagen, während der Vater oder die Mutter lächelnd sagt: „Aua, das tut aber weh.“ Solchen Eltern-Kind-Interaktionen begegnen wir mit viel Verständnis und Aufklärung über die Entwicklung eines vierjährigen Kindes und über die verschiedenen Möglichkeiten der liebevollen aber bestimmten Grenzsetzung.

Studien belegen, dass ein Grund für die Gefährdung des Wohls von Kindern die Überforderung der Eltern ist. Was muss passieren, damit liebende Eltern es nicht mehr schaffen, sich gut um ihre Kinder zu kümmern?

Britt Horn: Die Gründe für eine Überforderung variieren. Was mich am meisten bewegt, sind Eltern, die selber keine schöne Kindheit hatten. Solche Eltern haben oft weniger gute innere Bilder, an denen sie sich in ihrer Beziehung zu ihren Kindern orientieren können. In schwierigen Situationen besteht ein höheres Risiko in Muster zu rutschen, die sie eigentlich ablehnen. Da schlägt zum Beispiel eine junge Mutter ihre Tochter im Kitaalter, weil sie frech war. Oder der Vater kommt abends nach Hause und trinkt und verhält sich aggressiv und unberechenbar. Eben genau so, wie er es von seinem Vater kannte. Ich erlebe diese Eltern oft als sehr ehrlich. Sie bemerken ihre eigene Überforderung und haben  große Angst ihren Kindern das anzutun, was sie selbst erlebt haben. Denn eigentlich sehnen sie sich nach einer liebevollen Familie. Den Mut dieser Eltern in die Beratung zu kommen und mit uns gemeinsam nach Handlungsalternativen zu suchen und Unterstützung anzunehmen, respektiere ich sehr.

Familien sind durch die aktuelle Pandemie und die damit einhergehenden Einschränkungen sehr belastet. Wie wirkt sich das auf das Familienleben aus?

Britt Horn: Gerade arbeitende Eltern sind in dieser Zeit enorm gefordert und kommen durch das Homeschooling ihrer Kinder an ihre Belastungsgrenze. Für manche ist es eine Herausforderung, ihrer Erschöpfung abends nicht mit Alkohol zu begegnen, andere verzweifeln an ihren eigenen Wutausbrüchen ihren Kindern gegenüber. Das Homeschooling kann zu extremen Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern führen. Hier empfehle ich jedem Elternteil sich telefonisch, per Video oder Chat Beratung und Hilfe zu holen. Der Dampf muss raus und es hilft sehr, wenn ein zugewandter Erwachsener erstmal würdigt, was Eltern und Kinder derzeit leisten.

Können auch scheinbar stabile Familien in Krisen geraten?

Britt Horn: Ja, überforderte Eltern aus der sogenannten Mittelschicht sind durchaus häufig, aber oftmals weniger sichtbar. Nach Trennung oder Scheidung erleben wir erbitterte Auseinandersetzungen um Eigentumshäuser, Mietverträge und den zukünftigen Wohnort der Kinder. Ein häufiges Problem ist der schwierige Wohnungsmarkt, der es den Eltern nicht ermöglicht, sich nach einer Trennung aus dem Weg zu gehen. Die daraus entstehenden Kämpfe werden mit vielen Mitteln geführt und die Kinder sind mitten drin. Wenn der Konflikt nach einer Trennung eskaliert, können Kinder in ihrer gesunden Entwicklung gefährdet werden.

Wie wirken sich solche familiären Probleme auf die Kinder aus?

Britt Horn: Oft zeigen sich Probleme in den Familien durch Auffälligkeiten der Kinder. Im Grunde haben Kinder zwei Möglichkeiten auf die familiäre Situation zu reagieren. Die eine Gruppe zieht sich in sich selber zurück – diese Kinder reagieren introvertiert und bleiben dann oft unter dem Radar von Erziehern oder Lehrern. Sie entwickeln mitunter erstaunliche Fähigkeiten, um mit diesem Rückzug, der immer auch Verzicht ist, klarzukommen. Ich kannte ein Mädchen, die sprach fließend rückwärts. Sie hatte es sich in ihrem chaotischen zu Hause selber beigebracht, um ihren Gefühlen nicht ausgeliefert zu sein. Immer wenn es zu Hause laut und unangenehm wurde, fing sie innerlich an das Gesprochene rückwärts zu sprechen. Das half ihr die Situation zu überstehen.
Die zweite mögliche Reaktion sind extrovertierte Auffälligkeiten. Das sind Kinder, die Erziehern oder Lehrern auffallen, da sie die Gruppendynamik stören, den Unterricht sprengen oder regelmäßige Schreiattacken bekommen. Aber völlig egal wie unterschiedlich die Auffälligkeiten sind, Kinder fühlen sich durch familiäre Probleme oft traurig, wütend, wertlos oder ohnmächtig. Wichtig sind hier empathische Eltern, vielleicht auch ein Lehrer oder Erzieher, der das Kind sieht und es unterstützt. Nur so wird das Kind nicht dauerhaft in seinem Selbstwert und in seinem Vertrauen in die Welt geschädigt.

Wie helfen Sie belasteten Familien kurz- und langfristig? Welchen Ansatz verfolgen Sie?

Britt Horn: Der Vorteil unserer Erziehungsberatungsstelle ist die Integration in das Familienzentrum. Durch den Besuch des offenen Bereichs im Familienzentrum kommen Eltern auch ungezwungen in den Kontakt zu unseren anderen Angeboten. Kurzfristig helfen wir Eltern mit Lösungen für konkrete Anliegen, beispielsweise Fragen rund um die Geburt, Sorgen um die gesunde Entwicklung des Kindes, Ideen für den Alltag mit Pubertierenden oder den Umgang mit Regeln und Aufgaben.
Bei Familien, die wir länger beraten, schauen wir zu Beginn, welche Form der Beratung am besten zu ihrem Problem passt. Bei Patchworkfamilien beispielsweise sind familientherapeutische Ansätze sehr hilfreich, da so Prozesse in den Familien neu definiert werden können. Sogenannte Schreibabies sind bei unserer Eltern-Säuglingstherapeutin besonders gut aufgehoben und Eltern in Beziehungskrisen beraten wir paartherapeutisch. Aber wichtiger noch als unser Fachwissen ist die Offenheit für unsere vielfältigen Familien. Wir Berater lernen in diesem Kontaktfeld mit jedem Kind und jedem Erwachsenen dazu. Ich kann Sie zum Beispiel jetzt rückwärts sprechend verabschieden: Lam etshcän muz sib.

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