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Pressemitteilungen

Internationaler Tag der Geschwister

München, 7. April 2021

SOS-Kinderdorf zum Internationalen Tag der Geschwister

Dr. Lars Becker, Einrichtungsleitung SOS-Kinderdorf Bremen: „Geschwistertrennung ist eine zusätzliche Belastung, die das System diesen Kindern zumutet.”

Experteninterview zum Internationalen Tag der Geschwister am 10. April: 
„Geschwistertrennung ist eine zusätzliche Belastung, die das System diesen Kindern zumutet”

Dr. Lars Becker leitet das SOS-Kinderdorf Bremen und bringt dort auch große Geschwisterreihen während der Inobhutnahme gemeinsam unter.

Dr. Lars Becker, Einrichtungsleitung SOS-Kinderdorf Bremen

Dr. Lars Becker, Einrichtungsleitung SOS-Kinderdorf Bremen

Der Weltgeschwistertag am 10. April rückt die besondere Beziehung zwischen Geschwistern in den Mittelpunkt. Geschwister können einander Halt vermitteln, Kraft und Stärke geben und Verbündete in schwierigen Situationen sein – das weiß der SOS-Kinderdorfverein aus jahrelanger Erfahrung in Praxis und Forschung. Das Kinderhilfswerk setzt sich von jeher dafür ein, Geschwister, die nicht bei ihrer leiblichen Familie bleiben können, möglichst nicht zu trennen, sondern gemeinsam aufwachsen zu lassen. Ein Ansinnen, das in Deutschland aufgrund von Kapazitätsproblemen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe viel zu selten realisiert werden kann. Für dieses pädagogische Grundprinzip steht auch das Geschwisterhaus des SOS-Kinderdorfs Bremen; es bietet zehn Plätze ausschließlich für Geschwister, um diesen nach einer Inobhutnahme einen gemeinsamen Ort zum Bleiben zu geben. Denn gerade in solch einer dramatischen Situation sind Geschwister oft die einzige Stütze, die diesen Kindern noch bleibt, weiß Dr. Lars Becker, Leiter des SOS-Kinderdorfs Bremen.

Herr Dr. Becker, im Geschwisterhaus des SOS-Kinderdorfs Bremen bieten Sie zehn Kindern, die nach einer Inobhutnahme kurzfristig ein neues Zuhause brauchen, einen Platz und nehmen ausschließlich Geschwister auf. Warum ist solch ein Angebot notwendig?

Geschwisterlichkeit spielt von jeher eine elementare Rolle in der Arbeit des SOS-Kinderdorfvereins – und ganz in diesem Sinne arbeitet auch das Geschwisterhaus in Bremen. Wenn Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen werden, dann müssen Geschwistergruppen oftmals getrennt werden, weil es schlicht keine freien Kapazitäten für eine gemeinsame Aufnahme gibt. Inobhutnahmen geschehen meist von jetzt auf gleich, weshalb der Entscheidung über den vorübergehenden Lebensort der Kinder keine pädagogisch-fachlichen, sondern administrativ-logistische Gründe zugrunde liegen. Die Kinder können in ihrem Zuhause zu ihrem eigenen Schutz  nicht bleiben; daher muss ganz schlicht geschaut werden: Wo sind jetzt, zum Zeitpunkt der Inobhutnahme und nicht morgen oder in einer Woche, Plätze für diese Kinder frei? Gerade für größere Geschwisterreihen gibt es dann häufig keine gemeinsamen Plätze. Dem wollen wir mit unserem Angebot entgegenwirken. Denn lassen Sie es mich klar formulieren: Die Kinder sind bei einer Trennung von Eltern und Geschwistern die Doppelt-Leidtragenden, auch wenn sie eigentlich in Sicherheit gebracht wurden!  

Warum ist es so wichtig, dass Geschwister in solch einer Situation zusammen bleiben können?

Eine Inobhutnahme ist ein einschneidender Moment im Leben der Kinder, vor allem für jüngere. Für viele ist es das erste Mal, dass sie überhaupt länger von Zuhause weg sind oder nicht dort schlafen. In dieser dramatischen und gerade für kleinere Kinder höchst verstörenden Situation schaffen Geschwister eine vertraute Umgebung, geben Nähe und Halt. Sie sind das letzte Stück Sicherheit! Ältere Geschwister wissen zum Beispiel sehr genau um das Einschlafritual der Kleineren, sie wissen um Essensgewohnheiten, um Ängste und Vorlieben. Das schafft eine vertraute Situation und ist immens wichtig für die ersten Tage und den Start in einer neuen Umgebung! Außerdem schaffen Geschwister eine wichtige Verbindung zur Herkunftsfamilie. Denn auch wenn Kinder zu ihrem Schutz in Obhut genommen werden, haben sie doch sehr häufig eine enge Bindung an ihr Elternhaus.

Gibt es auch Konstellationen, in denen Geschwister sich eher belasten? Werden sie manchmal -  auch bewusst - nicht zusammen untergebracht?

Es kommt leider vor, dass Kinder das Verhalten ihrer Eltern imitieren und gewalttätig gegen die eigenen Geschwister werden, dann ist eine Trennung unumgänglich. Und natürlich kann es sein, dass einzelne Kinder aus der Geschwistergruppe einer besonderen Versorgung oder medizinischer Betreuung bedürfen, die bei gemeinsamer Unterbringung nicht gewährleistet werden kann.

Im Verlauf der Inobhutnahme wird dann geschaut, ob auch pädagogische Gründe für eine getrennte Unterbringung sprechen. Zum Beispiel übernehmen gerade in stark belasteten Familien ältere Geschwister häufig die Elternrolle und kümmern sich um die Kleinen. Hier kann es sinnvoll sein, diese perspektivisch nicht gemeinsam unterzubringen, um die Älteren zu schützen, um auch ihnen die Möglichkeit zu geben, wieder Kind zu sein und zur Ruhe zu kommen. Optimalerweise werden sie aber in der Nähe untergebracht, so dass der enge Kontakt weiterhin möglich ist.

Wie lange bleiben die Kinder in der Regel im Geschwisterhaus Bremen und was passiert danach mit ihnen?

Unser Ziel ist es, dass die Kinder nicht länger als 12 Wochen hier betreut werden. Wir wollen ihnen in enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt zeitnah eine langfristige und tragfähige Perspektive bieten: entweder eine durch Familienhilfe eng begleitete Rückführung in das Elternhaus oder eine langfristige, sichere Aufnahme in einem stationären Angebot. Mit der gemeinsamen Unterbringung  in unserem Geschwisterhaus gewinnen alle Beteiligten Zeit für eine eingehende fachlich-pädagogische Bewertung der Situation im Sinne des Kindeswohls und, sollte eine Rückführung nicht erstrebenswert sein, für eine intensive Suche nach gemeinsamen Geschwisterplätzen in  stationären Jugendhilfeangeboten. In der Nähe von Bremen liegt zum Beispiel das SOS-Kinderdorf Worpswede. Die Struktur eines Kinderdorfes mit mehreren Kinderdorffamilien bietet optimale Bedingungen für Geschwister, da sie hier gemeinsam in einem Dorf aufwachsen können. Wenn nicht in dem gleichen Haus, dann zumindest in enger räumlicher Nähe und mit stetem Kontakt. Letztlich entscheidet das Jugendamt oder ein Familiengericht über die Zukunft der Kinder.

Was müsste sich aus Ihrer Erfahrung ändern, um es Geschwistern in der stationären Kinder- und Jugendhilfe leichter zu machen?

Eine Trennung von Geschwisterkindern aufgrund fehlender Kapazitäten ist eine zusätzliche, enorme Belastung, die das System diesen Kindern aufbürdet. Das sollte uns allen in der Kinder- und Jugendhilfe schlaflose Nächte bereiten. Und wir lassen auch die Fachkräfte allein, die mit der Inobhutnahme beauftragt sind und die allzu häufig gegen ihre eigene Überzeugung eine getrennte Unterbringung umsetzen müssen, nur weil die Plätze fehlen. Daher ist es unabdingbar, dass mehr Konzepte für die Geschwisterunterbringung entwickelt und umgesetzt werden.

Ich spreche mich außerdem für flexiblere Modelle aus, die gemeinsam von Jugendämtern und den Jugendhilfeträgern umgesetzt werden könnten. Die Unterstützung ließe sich viel mehr aus der Perspektive der Kinder gestalten. Warum verlieren eigentlich Kinder auf Dauer ihr Zuhause, wenn die Eltern ihrer Erziehungsaufgabe nicht mehr gerecht werden? Man könnte das auch umgekehrt denken: Lassen wir doch die Geschwister in ihren Kinderzimmern wohnen und nehmen vorübergehend die Eltern aus der Familie – und die Betreuung übernehmen dann flexible Teams aus pädagogischen Fachkräften. Denn mit der Inobhutnahme verlieren die Kinder so viel mehr als nur ihre vertraute Umgebung – im schlimmsten Fall eben auch ihre Geschwister, ihre Kita-Freunde und Mitschüler, ihre Erzieher und Lehrer, ihre Fußballmannschaft und und und…

Ich bin überzeugt, dass uns mit dem entsprechenden politischen Willen und etwas Mut viele großartige Lösungen für diese Kinder einfallen würden, die wir heute noch gar nicht vor Augen haben. Dann wäre unser tolles Geschwisterhaus erst der Anfang!

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