Dr. Birgit Lambertz im Interview zum Weltfrauentag

Dr. Birgit Lambertz

Dr. Birgit Lambertz ist seit 2012 als stellvertretende Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführerin des SOS-Kinderdorf e.V. verantwortlich für die Bereiche Personal und Pädagogik. Sie besitzt langjährige Erfahrung in Gesundheitswesen, Schulpsychologie und Jugendhilfe und ist Mitglied im Fachausschuss Jugend und Familie des Deutschen Vereins für öffentliche und soziale Fürsorge e.V. Die approbierte Psychologin und Betriebswirtin engagiert sich dafür, dass mehr benachteiligte Kinder und Jugendliche durch verlässliche Beziehungsangebote und Bildungschancen ihr Leben erfolgreich gestalten können. Die pädagogische Arbeit auf Augenhöhe und die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen sieht sie als ihre fachlichen wie auch persönlichen Kernthemen an.

Frau Dr. Lambertz, was hat Sie dazu bewogen, für SOS-Kinderdorf arbeiten zu wollen?

Während meiner Berufstätigkeit in der Jugendhilfe habe ich immer wieder erfahren, wie wichtig verlässliche Bezugspersonen und gute Bildungsangebote für Kinder sind. Der Ursprungsgedanke, dass Kinder die Chance haben sollen in einer Familie aufzuwachsen – sei es mit Unterstützung in ihrer eigenen Familie oder in einem Kinderdorf – überzeugt mich nach wie vor. Der SOS-Kinderdorfverein ermöglicht Kindern und Jugendlichen auf der ganzen Welt eine gute Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Eine bessere Aufgabe, als dazu einen Beitrag zu leisten, könnte ich mir kaum vorstellen.

Fühlen Sie sich als Frau in einer führenden Position immer gleichberechtigt behandelt?

Ja, denn ich habe das große Glück, im sozialen Sektor tätig zu sein, wo der Frauenanteil auch in den Führungspositionen traditionell höher liegt, als in anderen Bereichen der Wirtschaft.

Welche Reaktionen erfahren Sie außerhalb SOS-Kinderdorf auf ihre Führungsposition?

In der Regel sehr positive Reaktionen, allerdings mache ich meine Berufstätigkeit auf privaten Feiern auch nicht unbedingt zum Thema. Meine drei erwachsenen Kinder sind jedenfalls stolz darauf, dass bei uns nicht nur der Vater ein erfolgreiches Berufsleben vorzuweisen hat.

Welche Visionen haben Sie für die Arbeit von SOS-Kinderdorf?

Ich wünsche mir, dass wir bei SOS künftig noch mehr junge Menschen dazu befähigen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu übernehmen. Die Gesellschaft benötigt keine Einzelkämpfer sondern eigenverantwortlich handelnde und gemeinschaftsfähige „Teamplayer“, für die gegenseitiger Respekt und ein tolerantes Miteinander selbstverständlich sind. Für dieses gemeinsame Ziel engagieren sich ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeitende sowie Spenderinnen und Spender bei SOS mit aller Kraft.

Wie werden Mädchen zu starken Frauen?

Wir müssen Mädchen genauso wie Jungs dazu ermutigen, ihre Meinung frei zu äußern und Verantwortung zu übernehmen. Wir sollten ihnen erklären, dass sie vieles werden und schaffen können, wenn sie es denn wollen. Ich persönlich hatte das Glück, dass meine Eltern in ihrer Erziehung keinen Unterschied zwischen Mädchen und Jungs gemacht haben. Ich durfte vieles ausprobieren und mutig sein, und ich denke, das war der richtige Weg.

 Im Jahr 2019 ist bereits einiges für die Gleichberechtigung der Frau in Deutschland geregelt. Welchen Herausforderungen stehen Frauen dennoch gegenüber?

Gleichberechtigung hat natürlich viele Facetten in unterschiedlichen Lebensbereichen. Frauen haben auf ihrem Lebensweg mehrere Alternativen, aus denen sie wählen können. Ich habe selber drei Kinder großgezogen und zwischendurch in Teilzeit gearbeitet – diese Verschiebung der Prioritäten empfinde ich als ganz normal. Die Familienzeit bedeutet für eine Frau oft, Einbußen beim beruflichen Erfolg in Kauf zu nehmen. Für berufliche Gleichberechtigung muss eine Frau auch den Willen und das Ziel haben, zu führen. Wahre Gleichberechtigung werden wir jedoch erst erreichen, wenn auch Männer ganz selbstverständlich aus mehreren Alternativen wählen können und zwischen verschiedenen Perspektiven in ihrem Lebenslauf wechseln.