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Wie packe ich ein Geschenk aus?

3. Dezember 2018

Weihnachten früher und heute 

Die ehemalige SOS-Kinderdorfmutter Erna Holzheu und ihre SOS-Kinderdorf-Tochter Petra Newin erinnern sich an Weihnachten, wie es früher war. Und sie feiern das Fest immer noch gemeinsam.

Erna Holzheu und ihre SOS-Kinderdorf-Tochter Petra Newin erinnern sich an früher

Gedankenaustausch in der Weihnachtszeit: Erna Holzheu und ihre SOS-Kinderdorf-Tochter Petra Newin erinnern sich an früher


„Ach, des war schee…!“ Erna Holzheu und ihre SOS-Kinderdorf-Tochter Petra Newin sitzen plaudernd am vorweihnachtlich gedeckten Kaffeetisch im gemütlichen Wohnzimmer der 85-Jährigen. Die ehemalige SOS-Kinderdorf-Mutti erinnert sich gerne an die Weihnachtszeit im SOS-Kinderdorf in Dießen. Insgesamt  34 Jahre war sie SOS-Kinderdorfmutter. 34 Mal feierte sie mit den ihr anvertrauten Kindern Weihnachten. Christliche Werte standen dabei im Vordergrund. „Wir sollten den Kontext verstehen“, so Newin. Und dann erzählt sie, dass sich die Geschwister früher in der Vorweihnachtszeit einen Adventskalender geteilt hätten. „Das waren zusammengeklebte, mit Stoff bezogene Zündholzschachteln mit kleinen Perlen als Griffe“, erinnert sich die heute 47-Jährige. Nie sei etwas Großartiges drin gewesen, vielleicht ein Bonbon oder so, aber immer ein kleiner, gerollter Zettel mit einem Spruch drauf. Erst am Abend durfte eines der Kinder, das an dem Tag etwas Besonderes für die Gemeinschaft getan hatte, das Türchen öffnen. „Derjenige fühlte sich dann wie der Mitarbeiter des Monats“, lacht Newin. „Doch ich glaube, letztendlich wurde niemand benachteiligt.“ Und Erna Holzheu fügt hinzu: „Man hatte ja auch schwache Kinder, die man damit stärken konnte. Ich konnte ihnen zeigen, dass ich auch die kleinen Dinge sehe und sie belohne.“ Kleinigkeiten, die Großes bewirken. Ganz später habe es dann auch Schokoladenkalender gegeben. „Aber ganz ehrlich: das hat nicht so viel Spaß gemacht!“ Eine weitere Zeremonie der Vorweihnachtszeit war es, die Krippe in der Schrankvitrine im Wohnzimmer aufzubauen. „Das war das Höchste für die Jungs“, so Holzheu. Auf sonntäglichen Spaziergängen wurden schon wochenlang vorher besondere Wurzeln und Moos gesammelt.

Spielen, puzzeln und Würstchen essen

Weihnachtslieder auf der Blockflöte gespielt - ein schönes Ritual

Weihnachtslieder auf der Blockflöte gespielt - ein schönes Ritual

Am Weihnachtstag gingen die Kleinen nachmittags ins Marienmünster zur Christmette, während die Großen den Weihnachtsbaum aufstellten, natürlich mit echten Kerzen. „Wir mussten gut darauf achten, dass da ja kein Zweig zu nah über der Kerze stand, damit es nicht anfängt zu brennen“, so Petra Newin, die zuerst die Jüngste und später die Älteste war.

Vor der Bescherung warteten die Kinder aufgeregt in ihren Zimmern. Irgendwann erklang ein Glöckchen, dann rumpelten sie alle die Treppe runter und rein ins Wohnzimmer. Vorne auf dem Esstisch waren die Geschenke drapiert. Doch es blieb zunächst nur Zeit für einen heimlichen, schnellen Blick darauf, ob der eigene Haufen groß oder eher klein ist. „Dann konnte man während des Betens schon mal innerlich heulen“, erinnert sich Newin. Vor der Krippe sagten die Kinder kleine Sprüche und Gebete. Und natürlich wurden Weihnachtslieder gespielt und gesungen. Nach der sechsten Strophe „Oh du Fröhliche“ wurde die Geduld der Kinder schon sehr auf die Probe gestellt. „Man muss es doch spannend machen!“, grinst Erna Holzheu. Nachdem alle sich frohe Weihnachten gewünscht hatten, durften dann endlich die Geschenke ausgepackt werden. Aber auch das wurde zelebriert. Denn damals wurden Papier und Schnur noch sorgfältig aufgehoben und wiederverwendet. Heute noch immer stolz auf ihre SOS-Kinderdorf-Tochter, erzählt Erna Holzheu: „Da hat die Edeltraut mal einen Einser für einen Aufsatz ‚Wie packe ich ein Paket aus?‘ in der Schule bekommen.“

Wie bei anderen Kindern auch gab es Puzzle, Spiele oder auch zu Dritt eine Eisenbahn. Die Kinderdorf-Familie nutzte den Heiligen Abend, um die Geschenke auszuprobieren, zu puzzeln und Spiele zu spielen. „Da ist niemand auf sein Zimmer gegangen, um alleine mit seinen Geschenken zu sein. Wir haben den ganzen Abend gemeinsam verbracht.“ Dann erinnern sich die beiden an Naturquartett, Memorie, das Länderspiel und das Flunderspiel. Und dass auch die SOS-Kinderdorf-Mutti mal, natürlich ganz ausversehen, ein wenig die Regeln übertreten hat, um zu gewinnen. Damit sie genügend Zeit hatte, mitzuspielen, gab es traditionell Würstchen mit Kartoffelsalat.

Missverständnis um eine Krippe

Trotz aller Organisation, Struktur und Harmonie war die SOS-Kinderdorfmutter jedoch auch gefordert. Gerade die neuen Kinder, die das erste Mal Weihnachten im SOS-Kinderdorf verbrachten, seien in Gedanken oft bei ihren Herkunftsfamilien gewesen. Und dann erzählt sie die Geschichte von einem kleinen Jungen, mit dem sie im Wald Moos für die Krippe beim Krippenspiel sammeln wollte. Der kleine Junge hätte sie daraufhin ganz ängstlich angeschaut. Erst nach einer Weile verstand sie, dass er, der die ersten drei Jahre in einer Kinderkrippe aufgewachsen war, befürchtete, wieder dorthin zurück zu müssen.  „Als der Bua dann beim Weihnachtsspiel hoch auf die Bühne an die Krippe gegangen ist und erlebte, was wir damit meinten, hätte ich heulen können“, so Erna Holzheu.

Am ersten und zweiten Weihnachtstag besuchten immer die ehemaligen SOS-Kinderdorfgeschwister die Familie. Da kochte Erna Holzheu groß auf. Auch nachdem sie in Ruhestand ging und aus dem SOS-Kinderdorf auszog, behielt sie die Tradition bei und kochte auch in ihrem neuen Zuhause am ersten Weihnachtstag noch für „ihre Kinder“. Inzwischen ist sie nicht nur vielfache Mutter sondern auch vielfache Oma und Uroma, obwohl sie keine eigenen Kinder hat. Die meisten ihrer ehemaligen Schützlinge haben inzwischen eigene Partner und eigene Familien. „Heute muss sie natürlich nicht mehr für so viele Leute kochen, zumal es ja auch immer mehr werden“, so Petra Newin. Jetzt findet das Treffen der ehemaligen SOS-Kinderdorf-Familie jedes Jahr am ersten Weihnachtstag bei SOS-Kinderdorf-Sohn Peter statt. Und natürlich ist Erna Holzheu mit dabei – und Weihnachten nie allein.