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Aktuelles

Unsere neuen Vorstände im Interview

29. Juni 2021

„Kinder brauchen mehr echte Beteiligung, Erzieher mehr Wertschätzung“

Von Mensch zu Mensch – in der Sozialen Arbeit dreht sich alles um unser Miteinander. Die neuen SOS-Vorstände Prof. Dr. Sabina Schutter und Georg Falterbaum über die Suche nach guten Fachkräften, was sich im Umgang von Erwachsenen mit Kindern verbessern muss und warum sie ihren Job lieben.

Herr Falterbaum, als neuer Vorstand sind Sie unter anderem verantwortlich für den Bereich Personal bei SOS-Kinderdorf. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie?

Georg Falterbaum, Vorstand SOS-Kinderdorf e.V.

Georg Falterbaum, Vorstand SOS-Kinderdorf e.V.

Georg Falterbaum: In vielen Bereichen der sozialen Arbeit werden Fachkräfte gesucht und die Nachfrage ist momentan größer als das Angebot. Nehmen wir die Kinderbetreuung: Weil Kitaplätze fehlen, werden neue Kitas gebaut – sprich, es wird mehr Personal benötigt. Nun müssen wir diese Berufe so attraktiv gestalten, dass sie auch ausreichend viele unterschiedliche Menschen ausüben wollen. Dazu gehört natürlich, dass die Arbeitsbedingungen und zugleich die Wertschätzung in der Gesellschaft stimmen. Und dann wiederum braucht es Zeit, motivierte Menschen auszubilden. Gutes Personal findet sich eben nicht von heute auf morgen.

Sabina Schutter: Dazu kommt, dass in sozialen Berufen Erfahrung von besonderer Bedeutung ist. Die gemeldeten Kinderschutzfälle nehmen zu, gleichzeitig ist der Altersdurchschnitt bei Mitarbeitern in diesem Bereich verhältnismäßig hoch. Wenn dann eine ganze Kohorte in den Ruhestand geht, folgen Fachkräfte, denen mitunter noch die Erfahrung fehlt, um mit dieser sehr verletzlichen Zielgruppe zu arbeiten. Die Kinder, mit denen wir zu tun haben, bringen Belastungen mit und man braucht eine hohe Professionalität, um damit umzugehen. Bei einer SOS-Kinderdorfmutter setzen wir deshalb auch eine gewisse Lebenserfahrung voraus.

Frau Prof. Schutter, Sie haben an der Technischen Hochschule Rosenheim Kindheitspädagoginnen ausgebildet. Welche Erfahrungen bringen Sie aus der Praxis mit?

Prof. Dr. Sabina Schutter, Vorstandsvorsitzende SOS-Kinderdorf e.V.

Prof. Dr. Sabina Schutter, Vorstandsvorsitzende SOS-Kinderdorf e.V.

Sabina Schutter: Aus meiner Sicht gibt es beim Thema Kinderrechte und Beteiligung noch viel zu tun. Obwohl wir gesetzliche Vorgaben haben, sehe ich in der Praxis Entwicklungsbedarf. Das liegt aber in der Regel nicht an den Fachkräften selbst, sondern an den institutionellen Rahmenbedingungen, die optimierungsbedürftig sind. Ein Beispiel für gut gemeinte, aber wenig umsetzbare Kinderbeteiligung sind sogenannte Kummerkästen, die in manchen Kitas hängen. Da frage ich mich: Wie sollen Drei- bis Vierjährige einen Beschwerdebrief schreiben? Das zeigt, dass das Thema Kinderbeteiligung nach wie vor keine Priorität hat. Oft arbeiten Einrichtungen aus der Erwachsenenperspektive. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass Beteiligung ein Gewinn für alle ist und allen Kindern zusteht.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Sabina Schutter: Bleiben wir im Bereich Kita: Da habe ich zuletzt ein Forschungsprojekt zur Randzeitenbetreuung geleitet. Das Thema nimmt an Bedeutung zu, weil viele Eltern aufgrund langer Arbeitszeiten und -wege ihre Kinder bereits vor acht Uhr und bis nach 16 Uhr in die Betreuung geben müssen. Diese Kinder haben mitunter 50-Stunden-Wochen. An einem 10-Stunden-Tag erleben die Kinder wechselnde Erzieher, da diese ihren „kurzen“ oder „freien Tag“ haben. Auch die Abholsituation ist relevant: Das Kind wird Punkt 18 Uhr aus dem Spiel gerissen, weil ein Elternteil zum Abholen bereitsteht. Das Kind selbst erfährt dadurch keine Selbstbestimmung. Uns reißt ja auch niemand Punkt 18 Uhr aus der Arbeit heraus, wenn wir noch eine wichtige E-Mail zu schreiben haben. Wir brauchen also mehr Austausch, um die Bedürfnisse der jungen Menschen wirklich zu verstehen. Deshalb habe ich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit bei SOS-Kinderdorf ein monatliches Treffen mit dem Kinder- und Jugendrat vereinbart. So bekomme ich aus erster Hand mit, was den Jugendlichen wichtig ist und kann auch direkt etwas tun.

Jetzt haben Sie die Chance, selbst nochmal die Werbetrommel zu rühren: Warum lohnt es sich, sich in der Sozialen Arbeit zu engagieren? Warum lieben Sie das, was Sie tun?

Georg Falterbaum: Ich bin vor gut 15 Jahren aus der Privat- in die Sozialwirtschaft gewechselt, das war eine ganz bewusste Entscheidung. In mir war der Wunsch gewachsen, mit Menschen für Menschen zu arbeiten. Meine Erfahrung: Es gibt Unterschiede, aber auch Parallelen. Natürlich müssen wir als Non-Profit-Organisation keine Renditeerwartung erfüllen wie beispielsweise große Aktienkonzerne. Aber auch wir müssen haushalten, es gibt wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Und wir sind – wie von Außenstehenden vielleicht gerne mal angenommen – nicht immer alle nur auf „Kuschelkurs“ und müssen uns auch gegen Wettbewerber behaupten. Insgesamt nehme ich den Spirit einer sozialen Organisation, die Atmosphäre in der Mitarbeiterschaft oft als herzlicher und persönlicher wahr. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir an dem einen oder anderen Punkt im Leben – ob jung oder alt – alle einmal auf Hilfe angewiesen sind. Und diese Hilfe zu bieten, ist für mich erfüllend.

Sabina Schutter: Ich bin aus der Forschung in die Praxis gewechselt, denn ich möchte mit anpacken, die Dinge verbessern, die ich wissenschaftlich beobachtet habe. Kinder gehören zu der Bevölkerungsgruppe mit den wenigsten Mitspracherechten – das möchte ich ändern. Ich selbst bin Stipendiatin gewesen und trage noch heute das wertvolle Gefühl in mir, wie wichtig es ist, eine starke Gemeinschaft hinter sich zu wissen. Die Kinder, die bei SOS-Kinderdorf betreut werden, sollen das Gefühl haben, dass sie zu einer starken Gemeinschaft gehören, dass wir hinter ihnen stehen und unser Bestes für ihre Zukunft tun. In der Praxis der Sozialen Arbeit haben Sie die Gelegenheit, aktiv Ermöglichungsräume zu schaffen: für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Ich kann mir wenige Berufe vorstellen, die mehr Sinn machen.

Zu den Personen

Die bisherige Doppelspitze des deutschen SOS-Kinderdorfvereins wird seit 2021 auf drei hauptamtliche Vorstandsmitglieder erweitert. Bisheriges Vorstandsmitglied Dr. Kay Vorwerk, der die Bereiche Finanzen, Vermögensmanagement und Internationale Programme leitet, steht dem Verein für eine weitere Legislaturperiode von fünf Jahren zur Verfügung.

Prof. Dr. Sabina Schutter 

Die promovierte Soziologin ist Vorstandsvorsitzende mit den Geschäftsbereichen Einrichtungen und Regionen, Pädagogik, Repräsentanz und Advocacy. Die ausgewiesene Expertin für Kinder- und Jugendhilfe war als Referentin im Verband Alleinerziehender Mütter und Väter tätig, sowie stellvertretende Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik im Deutschen Jugendinstitut. Ab 2016 lehrte sie als Professorin für Pädagogik der Kindheit an der Technischen Hochschule Rosenheim. Zugleich hat sie als Direktorin das Hochschulinstitut Campus Mühldorf aufgebaut.

Georg Falterbaum

Der Diplom-Kaufmann verantwortet als Vorstandsmitglied die Geschäftsbereiche Personal, Marketing, interne und externe Kommunikation sowie Digitalisierung. Falterbaum hatte über 15 Jahre leitende Funktionen in der Privatwirtschaft inne – vor mehr als 15 Jahren wechselte er in die Sozialwirtschaft. Als Landescaritasdirektor führte er den Caritasverband Schleswig-Holstein und als Vorstandsvorsitzender den Caritasverband für den Rhein-Erft-Kreis. Bis zu seinem Wechsel in den Vorstand von SOS-Kinderdorf war er Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes der Erzdiözese München und Freising e.V.


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