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Umzug in ein neues Leben

18. Juni 2018

Nervös reibt Tom seine Hände aneinander. Für ihn ist heute ein wichtiger Tag, denn er wird zum ersten Mal seine neuen Nachbarn kennenlernen. Wie sie auf ihn reagieren werden, weiß er nicht. Ob sie es gut finden, dass ein SOS-Kinderdorf-Kind in ihr Haus zieht? Oder ob sie denken, dass mit ihm Probleme einziehen werden?

Gemeinsam mit seinen Betreuern möchte Tom bei diesem Termin all diese Ängste zerstreuen, den Nachbarn zeigen, dass er weiß, wie man sich anständig verhält. Dass er ein ganz normaler 17-Jähriger ist, der sein Zuhause verlässt, um sich sein eigenes Leben aufzubauen mit einer eigenen Wohnung. Für 18 Uhr haben Tom und die Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfs Sauerland die Nachbarn eingeladen und pünktlich kommt der erste Besucher: Herr Wolfram ist ein alter Mann, der seit etlichen Jahren in dem Gebäudekomplex lebt und bei den organisatorischen Dingen im Vorfeld geholfen hat. Er freut sich auf die neuen Nachbarn, begutachtet die frisch renovierten Wohnungen und erzählt über seine Erfahrungen im Haus. Es seien hauptsächlich ältere Herrschaften, die in dem Haus wohnten und eine hohe Fluktuation gebe es, berichtet er und entschuldigt sich gleich, falls es bei ihm mal zu laut wird: „Ich höre nicht mehr so gut. Wenn ich also mal das Radio zu laut habe, sagen Sie einfach Bescheid.“ Tom atmet auf. Es sind also nicht nur die jungen Leute, die Lärm verursachen.

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Porträt eines Jungen mit einer Schultüte

Bei all der Nervosität freut sich Tom aber auch auf die neue Bleibe: Elf Jahre lang hat er im SOS-Kinderdorf Sauerland gelebt. Als kleiner Junge ist er eingezogen, Haus 10 war seine Heimat, Petra Opitz seine Kinderdorfmutter. Sie hat ihn vorbereitet auf das eigenständig Leben: Ihm beigebracht, wie man Wäsche wäscht, kocht und Betten bezieht. Und nun ist es soweit; sobald Tom seine letzten Prüfungen in der Schule absolviert hat, zieht er aus. Was ihn glücklich stimmt, ist seine klare Perspektive: Im November wird er an einer Aufnahmeprüfung bei der Bundeswehr teilnehmen. Zuvor macht er ein Praktikum in einem Sportgeschäft in Lüdenscheid. Da kommt ihm auch die Nähe der neuen Wohnung zur Lüdenscheider Innenstadt zugute.

Und so ganz alleine wird Tom nach seinem Auszug auch nicht sein. Denn nebenan zieht mit Lara nicht nur ein weiteres ehemaliges SOS-Kinderdorf-Kind ein. Auch die Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfs sind weiterhin als Ansprechpartner für ihn da. In der ersten Zeit werden sie sich rund sechs Stunden pro Woche um Tom kümmern, mit ihm Behördengänge erledigen, Fragen beantworten und da helfen, wo Hilfe benötigt wird. Schritt für Schritt wird dann die Hilfe zurückgeschraubt bis Tom ganz auf eigenen Beinen steht.

Dabei ist diese Form des betreuten Wohnens auch für das SOS-Kinderdorf Sauerland neu: Bisher zogen ältere SOS-Kinderdorf-Kinder in Apartments auf dem Gelände des Kinderdorfs bevor sie sich ein eigenes Leben außerhalb der Obhut am Dickenberg aufbauten. Doch eine Spenderin überließ dem SOS-Kinderdorf Sauerland nach ihrem Tod die beiden kleinen Wohnungen in der Lüdenscheider Innenstadt und ermöglichte damit Tom und Lara, selbstständig das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Die Chancen sind gut, dass das reibungslos gelingt.