Aktuelles

Stärke für zu Hause holen

4. Februar 2019

Für eine positive Eltern-Kind-Beziehung 

Das SOS-Kinderdorf in Materborn bietet nicht nur eine Ersatzfamilie für Kinder. Es setzt sich auch dafür ein, dass Kinder in ihren Herkunftsfamilien bleiben können. Es bietet erzieherische Hilfen bei psycho-sozialen Problemlagen, damit Mütter und Väter fähig werden, die Beziehung zum Kind zu stabilisieren, damit sie elterliche Verantwortung übernehmen.

Abgestimmt mit den Jugendämtern, kommen Mitarbeiter von SOS zu Hausbesuchen. Einige Kinder zwischen sechs bis zwölf Jahren aber bekommen auch Struktur in einer heilpädagogischen Tagesgruppe, jeden Schultag einige Stunden bis 18 Uhr: gemeinsam am Tisch sitzen, essen, abräumen. Konzentriert Hausaufgaben machen und immer eine erwachsene Hilfe in der Nähe wissen. Spielen am Spieltisch und toben im Tobekeller nach Regeln der Fairness. Und den sozialen Umgang miteinander üben nach Regeln des Respekts: „Ich bin höflich“ und auch: „Ich darf eine eigene Meinung haben“. Manche Schüler stehen keine sechs Stunden Unterricht durch, werden von den SOS-Mitarbeitern schon vorher abgeholt, weil sie unruhig, aggressiv wurden. Sie wieder zu erden, das kann die Tagesgruppe leisten.

Das Team der heilpädagogischen Tagesgruppe und der ambulanten erzieherische Hilfen

Das Team der heilpädagogischen Tagesgruppe und der ambulanten erzieherische Hilfen unterstützt Eltern dabei, eine positive Bindung zu ihren Kindern aufzubauen.

Eltern neuer Tagesgruppen-Kinder machen erst einmal einen Rundgang durchs Haus mit dem großen Garten an der Kreuzhofstraße. Sie spüren die Atmosphäre, die Ruhe, sehen Hausaufgaben- und Spielzimmer, sehen die stets aktuellen Fotos an der Wand von fröhlichen Aktivitäten: lachende Mütter und Väter mit Kindern beim Burgenbau mit Schaumstoffwürfeln oder beim Backen. „Solche Interaktionen schaffen emotionale Nähe. Es sind Momente, in denen die Mütter erkennen: Da ist mir ja etwas gelungen! Wir aktivieren Ressourcen bei Eltern und Kindern, die verloren gegangen sind“, beschreibt Claudia Wollweber, Leiterin der Heilpädagogischen Tagesgruppe. „Kinder wollen schöne Erlebnisse unbedingt an die Mutter weiter geben“. Anfangs hospitieren Eltern in der „Ablösezeit“ in der Tagesgruppe und bekommen zu Hause Besuch von den Heil- und Sozialpädagogen aus dem Team. „Wir gehen von den Stärken aus, nicht von Schwächen“. Die Eltern oder Erziehungsberechtigten haben zuvor beim zuständigen Jugendamt einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung gestellt. „Im Optimalfall erkennen sie den Bedarf selbst“, sagt Clemens Selter, Bereichsleiter erzieherische Hilfen.

Eltern beteiligen

„Eltern sind von vornherein beteiligt“, sie müssen zur Mitwirkung bereit sein. Nicht alle sehen gleich ein, dass sie Unterstützung bei den Erziehungsaufgaben brauchen. „Man arbeitet mit dem Widerstand. Der ist da, ambulant und in der Tagesgruppe. Den darf man nicht ignorieren“, stellt Gaby Heiming, Bereichsleiterin Kindertagesstätten und stellvertretende Einrichtungsleitung, fest. Oft melden Nachbarn oder Kindergärten oder Schulen den Jugendämtern eine mögliche Problemlage. „Schulen sind der Kristallisationspunkt, an dem deutlich wird, wo Hilfen gebraucht werden“, so Heiming. „Beinahe täglich tauschen wir uns mit den Lehrern der betreffenden Kinder aus“, ergänzt Claudia Wollweber. Manche Kids haben Verhaltensweisen entwickelt, die in ihren Herkunftsfamilien durchaus Sinn machen, etwa, dass sie sich leise in sich zurück ziehen, Blockaden entwickeln, die in der Schule aber von Nachteil sind.

„Die Arbeit mit den Familien wird immer wichtiger“, blickt Gaby Heiming auf 17 Jahre Tagesgruppe zurück. „Kinder sind ein verzagtes Pflänzchen, das auch mal explodiert“. Sie kommen hoch belastet in die Tagesgruppe und testen dort natürlich auch erst mal die Grenzen aus, gewinnen dann aber Selbstsicherheit und verfechten die klaren Strukturen allmählich auch zu Hause. Durchschnittlich zwei Jahre, manchmal die ganze Grundschulzeit hindurch, nutzen die Kinder die Tagesgruppe. Den Eltern werden bei Treffen Erziehungsbeispiele per Video vorgeführt. Bei Gesprächsrunden mit anderen Familien schildern Mütter und Väter dann auch mal eigene Probleme und staunen, welche Lasten andere zu tragen haben, schildert Heiming. Im Laufe der Zeit bilden die Kinder in der Tagesgruppe ihre Persönlichkeit und Kompetenzen aus. Wenn sie nach der Grundschulzeit das Haus verlassen müssen, nehmen sie viel mit, auch Sichtbares: eine Urkunde darüber, was sie für sich erreicht haben, einen Gutschein, dass sie immer wieder hier willkommen sind.

Die Nachfrage ist riesig

Wenn sie gehen, „hoffen wir, dass die Familien auf das Erlernte zurück greifen und sich wieder Hilfe holen, wenn sie sie in der dann folgenden Pubertät brauchen“, sagt Wollweber. In der Übungszeit nach der Tagesgruppe kommen ambulante Hilfen zu den Familien ins Haus. Das SOS-Kinderdorf ist eigentlich für mehrere Kommunen im Kreis zuständig. Die SOS-Kinderdorf-Tagesgruppe aber nimmt bisher nur sechs Kinder aus Kleve auf. Es gibt insgesamt nur wenige Plätze in der 50.000-Einwohner-Stadt und anderswo gar keine.


Hintergrundinformationen - gut zu wissen

Das Jugendamt der Stadt Kleve ist der Auftraggeber, das SOS Kinderdorf Niederrhein der Träger der Maßnahme. Das Amt legt den Stundenumfang fest. Gemeinsam wird ein Konzept passgenau abgestimmt. Der Hilfeplan, der Ziele benennt, ist auch Teil der Zusammenarbeit mit den Eltern.
Was selten genutzt wird: Das SOS Kinderdorf Niederrhein bietet auch ein Clearing für die Schulen an, denn „die Lehrer sitzen da mit den schwierigen Kindern, den schwierigen Eltern“. Die Fachleute von SOS Kinderdorf Niederrhein wollen Ressourcen auf allen Seiten stärken.

Autorin: Astrid Hoyer-Holderberg Quelle: 2019 FUNKE MEDIEN NRW GmbH