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Aktuelles

Corona und die Jugend

16. April 2020

Wie Beratung junger Menschen in Zeiten von Corona funktioniert

Als Anlaufstelle für Jugendliche und junge Erwachsene hilft die Jugendberatung des SOS-Kinderdorf Berlin bei der beruflichen Orientierung und Förderung und steht den jungen Menschen auch als echte Lebensberatung zur Seite. In den Zeiten der Corona-Pandemie ist eine gewöhnliche Betreuung nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Die Situation ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich und verschärft die Schwierigkeiten im täglichen Leben. Aufgrund der Corona Epidemie werden junge Menschen derzeit von SOS-Kinderdorf Berlin nur noch telefonisch und digital beraten. Wir sprachen mit Nicole Schwarz vom Jugendberatungshaus sos.mitte über die angespannte Lage.

Wie stellt sich die Situation gerade für die jungen Menschen aktuell dar?

Nicole Schwarz vom Jugendberatungshaus Mitte.

Nicole Schwarz vom Jugendberatungshaus Mitte.

Die Wahrnehmung der Pandemie ist unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr unterschiedlich. So sprechen wir einerseits mit jungen Menschen, welche unter erheblichen Ängsten vor einer Ansteckung leiden oder sich große Sorgen um ihre Eltern machen. Junge Geflüchtete denken natürlich auch an die in den Herkunftsländern lebenden Familienangehörigen. Im Iran, Afghanistan oder Syrien beispielsweise sind die Gesundheitssysteme weit weniger belastbar. Andere Jugendliche wiederum schätzen die gesundheitlichen Risiken für sich selbst als gering ein und möchten sich eher wenig einschränken.

Welche Sorgen und Ängste umgeben die jungen Menschen?

Die Sorgen und Ängste der jungen Menschen, welche wir beraten und begleiten, sind in vielen Aspekten auch in Zeiten der Pandemie gleich geblieben. Das Problem, mit welchem wir uns im Jugendberatungshaus auffallend häufig konfrontiert sehen, sind die prekären Wohnsituationen der Ratsuchenden. Wir treffen auf junge Menschen, die im Anschluss an eine betreute Wohnform, keine eigene Wohnung oder Wohngemeinschaft finden konnten und nun im Obdachlosenwohnheim leben. Wir treffen auf junge Geflüchtete, welche seit mehreren Jahren zu viert ein Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete bewohnen, sich Bad und Küche mit Dutzenden anderen Menschen teilen müssen.

Psychische Erkrankungen von sozialen Ängsten über Depression bis hin zu suizidalen Tendenzen sind Probleme, welche wir bereits seit einigen Jahren zunehmend wahrnehmen. All das lähmt die jungen Menschen in ihren Bestrebungen nach schulischer und beruflicher Entwicklung. Jugendliche verlassen ohne Schulabschluss die Allgemeinbildende Schule, scheitern in Maßnahmen zur beruflichen Orientierung oder laufen Gefahr, die begonnene Berufsausbildung abzubrechen. 

Wie hat sich dein Alltag in der Beratung in den Zeiten von Corona verändert?

Sowohl die Arbeit in der Jugendberatung als auch im Coaching junger Menschen, welches meine spezielle Aufgabe im Jugendberatungshaus ist, leben von persönlichen Begegnungen. Offenheit und gegenseitige Nähe lassen sich in der persönlichen Begegnung am nachhaltigsten herstellen. Seit 17. März ist nun unser Jugendberatungshaus – unser Ort der persönlichen Begegnungen – geschlossen. Doch Begegnungen zwischen Jugendberater*innen und jungen Menschen finden weiterhin statt: auditiv über das Telefon und digital in Chats und über den Austausch von E-Mails.

Eine Besonderheit des Coachings, welches wir im Rahmen des Projektes JUGEND STÄRKEN im Quartier im Jugendberatungshaus sos.mitte anbieten, ist die Begleitung der Jugendlichen und jungen Menschen. So stehe ich meinen jungen Klient*innen beispielsweise bei behördlichen Terminen, Erstgesprächen in Wohnprojekten oder bei Therapeut*innen im Wortsinne als emotionale Stütze und Vertrauensperson zur Seite. Dies kann ich momentan nicht mehr umsetzen. 

Gibt es konkrete Anliegen, die besonders durch Corona hervorgerufen bzw. verursacht werden?

Nahezu von einem Tag auf den anderen stellten aufgrund der Corona-Pandemie in Berlin sämtliche Ämter, Behörden und Beratungsstellen ihren konventionellen Betrieb ein. Plötzlich brachen den jungen Menschen sämtliche, mühsam erarbeiteten und verinnerlichten Strukturen weg. Die Ausländerbehörde vergibt keine persönlichen Termine mehr, das Jobcenter hält lediglich einen Notbesetzung im Bezirk offen, in den bezirklichen Bürgerämter gibt es nur noch Notfallsprechstunden an einem Standort und die Soziale Wohnhilfe für Fälle von Obdachlosigkeit bietet nur noch stark eingeschränkt persönliche Unterstützung an. In diesem veränderten Alltag benötigen die Jugendlichen und jungen Menschen unsere Beratung und Unterstützung, weil sie eben kein familiäres Hilfesystem haben, welches sie in diesen Zeiten informiert und ein stückweit navigiert.

Auch ergeben sich für junge Auszubildende eklatante Veränderungen. Die Berufsschulen haben geschlossen, die Betriebe müssen ihre Auszubildenden teilweise freistellen. Andere Betriebe wiederum haben ein erhöhtes Arbeitsaufkommen. Fragen die wir uns stellen: Hat dies Auswirkungen auf die Ausbildungsdauer? Dürfen die Auszubildenden während den vorgesehenen Berufsschulzeiten im Betrieb eingesetzt werden? Wir stellen fest, dass in diesen, auch für die Betriebe herausfordernden Zeiten, die Auszubildenden teilweise verunsichert sind.

Wie wird die veränderte Beratung von den jungen Menschen angenommen?

Das Telefon ist, unbenommen, nicht das Medium erster Wahl der Jugend. In der Lebenswelt der Jugendlichen spielt das Telefonieren eine eher untergeordnete Rolle. Soziale Interaktion spielt sich neben den persönlichen Begegnungen größtenteils digital ab. Messenger-Diensten kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Chats und Sprachnachrichten sind allgegenwärtig. Um möglichst nah an der Lebenswelt der  jungen Menschen dran bleiben zu können, arbeiten wir vom Jugendberatungshaus im Coaching bereits seit Langem mit Messenger-Diensten.

Trotz der nicht unbedingt immanenten Begeisterung zur Telefonie nehmen die Ratsuchenden auch das Angebot der telefonischen Beratung an. So ergeben sich vor allem mit Jugendlichen, welche wir bereits kennen, durchaus sehr zeitintensive psychosoziale Telefonberatungen. Doch der Kontaktaufbau zu neuen Ratsuchenden ist natürlich durch die begrenzten Kontaktmöglichkeiten ein schwierigerer geworden. 

Wie unterscheidet sich die telefonische und digitale Beratung von der normalerweise durch persönlichen Kontakt geprägten Beratung?

Natürlich fehlt dem Miteinander eine nicht zu vernachlässigende atmosphärische Komponente. Wir Jugendberater*innen verstehen uns als die Anwälte der jungen Menschen. Unser Anspruch ist die Parteilichkeit für den Jugendlichen. Dies setzt ein besonderes Vertrauensverhältnis voraus, welches sich größtenteils aus dem persönlichen Miteinander speist. Ein solches Vertrauensverhältnis allein über telefonische und digitale Kontakte aufzubauen ist weitaus schwieriger.

Wir sind da! Unser offenes Ohr für Fragen junger Erwachsener:

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