Aktuelles

Internationaler Tag der Toleranz

16. November 2019

Zusammen sein

Inklusion leben

Toleranz bedeutet nicht nur andere Kulturen zu akzeptieren und zu respektieren. Auch für eine funktionierende Inklusion muss Toleranz geschaffen werden. Deshalb fordert SOS-Kinderdorf: „Exklusion beenden: Kinder- und Jugendhilfe für alle jungen Menschen und ihre Familien.“

SOS-Kinderdorf lebt Inklusion unter anderem in den drei SOS-Dorfgemeinschaften, in denen Menschen mit Behinderung leben und arbeiten. „Manche finden, dass das Leben in Hohenroth nichts mit der Realität zu tun habe. Aber das stimmt nicht. Wenn wir mit den Bewohnern im Urlaub sind oder Menschen von außerhalb das Dorfcafé, den Dorfladen oder Veranstaltungen, wie unseren Adventsbasar, besuchen, kommen auch die Bewohner in Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen. Das ist ein ganz großer Schritt Inklusion. Im normalen Alltag würden Menschen mit Behinderung  aufgrund der Schnelligkeit der heutigen Gesellschaft zugrunde gehen“, meint Nicole Behl, Hausmutter in der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth.

SOS-Kinderdorf betreibt aber auch Inklusionskitas, zum Beispiel die InKita im SOS-Kinderdorf Niederrhein. Die Inklusionskita ist eine Kita für alle Kinder, ob mit oder ohne Behinderung und egal aus welcher Kultur. Die Kinder entdecken gemeinsam die Welt und entwickeln eine ganz selbstverständliche Toleranz gegenüber anderen.

Katharina Weides ist Mutter der zehnjährigen Sonea, die das Down-Syndrom hat. In ihrem Blog „Sonea Sonnenschein“ schreibt Katharina „über das völlig normale Leben, nur anders“. Auch Soneas Bruder besuchte eine Inklusionskita und lernte dort von seinem gehörlosen Freund ganz selbstverständlich die Gebärdensprache. Doch es war nicht immer leicht mit Soneas Diagnose zu leben. Doch das Problem sei, so Katharina, nicht das Down-Syndrom selbst, sondern die Gesellschaft.

Sonea Sonnenschein Welttag der Toleranz SOS-Kinderdorf

Katharina, warum ist die Gesellschaft das Problem?

Katharina: Weil das Down-Syndrom immer noch kein selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft ist. Sonea wird von vielen akzeptiert und toleriert, aber es gibt immer noch Leute, die denken, dass Sonea für immer bei uns und  nie weitestgehend selbstständig leben wird und  keinen Arbeitsplatz am ersten Arbeitsmarkt finden wird. Ich denke es gibt immer noch zu viele Vorurteile und Berührungsängste. Wir haben im Großen und Ganzen immer gute Erfahrungen gemacht. Sonea hat immer normale Krabbel-, Schwimm- und Spielgruppen besucht. Wir haben darauf geachtet, dass sie nicht von anderen Kindern isoliert ist. Das ist aber immer noch nicht selbstverständlich.

Wie seid ihr in den Gruppen auch von anderen Eltern aufgenommen worden?

Katharina: Eigentlich sehr offen und neugierig, aber auch unsicher. Aber das ist auch verständlich. Ich hatte ja auch ein Leben vor dem Down-Syndrom und musste ebenso  erst einmal hineinwachsen. Ich war ja auch nicht von Anfang an Profi in diesem Thema.

Hättest du dich bei einer früheren Diagnose vielleicht gegen Sonea entschieden?

Katharina: Mit dem Gedanken habe ich mich oft befasst. Aber ich kann diese Frage nicht beantworten, denn ich war einfach nicht in dieser Situation.

Ich kann mir aber vorstellen, dass viele Einflüsse von außen auf einen einwirken. Ärzte, Familie – die einen sehr entscheidenden Einfluss haben können. Ich habe während dieser ganzen Debatte um den Bluttest bemerkt, dass die Menschen kein Kind mit Down-Syndrom haben möchten. Sie finden diese Kinder vielleicht süß, aber sie wollen so ein Kind nicht selbst haben. Ich musste mir während dieser Diskussion einiges anhören, wie: „nur weil das für euch in Ordnung ist, heißt das noch lange nicht, dass es das für andere auch ist.“ Klar, meine größte Angst war es natürlich auch, ein Kind mit Behinderung zu bekommen.

Wie selbständig kann Sonea als erwachsene Frau werden?

Katharina: Das weiß ich nicht. Ich hoffe immer noch darauf, dass sich etwas tut bezüglich Inklusion in unserer Gesellschaft. Ich habe aber das Gefühl, dass es eher rückläufig ist. Ich hoffe dennoch, dass Sonea  auf dem ersten Arbeitsmarkt einen Job bekommt.

Wie lebt ihr Selbstbestimmung mit Sonea?

Katharina: Mir ist sie manchmal zu selbständig, aber das fordert sie auch ein. Als ich kürzlich mit Staubsaugen beschäftigt war , sah ich Sonea noch am Schreibtisch sitzen. Kurz darauf saß sie dort nicht mehr. Ich habe sie im ganzen Haus gesucht und als ich festgestellt hatte, dass sie nicht im Haus ist, klingelte es an der Tür. Sonea stand dort und meinte, dass sie am gelben Briefkasten war. Sie ist ganz alleine zum Postbriefkasten über eine Kreuzung gegangen, um einen Brief einzuwerfen. Ich war hin- und hergerissen zwischen Schreck und Stolz. Der Brief kam dann auch wenig später bei uns an, denn er war an ihren Bruder adressiert.

Mehr erfahren