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Aktuelles

Im Interview: Dr. Birgit Lambertz

13. Mai 2020

Dr. Birgit Lambertz im Interview mit dem evangelischen Pressedienst (epd)

"Für alle Kinder müssen die Rechte gleichermaßen gelten." 

Dr. Birgit Lambertz, Geschäftsführerin bei SOS-Kinderdorf e.V., über die Gefährdung von Kinderrechten in der Corona-Krise

Frau Lambertz, welche Kinderrechte sind aufgrund der Corona-Einschränkungen besonders gefährdet?

Dr. Birgit Lambertz

Lambertz: Durch den Lockdown sind die Kinderrechte genauso eingeschränkt wie die Grundrechte Erwachsener. Was mich bewegt ist, dass für alle Kinder die Rechte gleichermaßen gelten müssen - alle Kinder haben das gleiche Recht auf Wahrung ihrer Rechte. Das muss gerade im Lockdown beachtet werden, ich sehe hier eine große Gefahr. Wir hatten vorher ohnehin schon die Situation, dass viele Familien die Rechte ihrer Kinder achten, dass das aber in belasteten Familien oft viel schwerer ist. Die Frage, wie viel eine Familie leisten muss und wie viel Unterstützung sie bekommt, ist die Nagelprobe in der Corona-Krise.

Was bedeutet der Lockdown für das Kinderrecht auf Bildung?

Lambertz: Schon in Familien, die viele Voraussetzungen mitbringen, ist die Herausforderung durch die Schul- und Kitaschließungen groß. Aber bei belasteten Familien kann dieses Recht stark eingeschränkt sein, zumal wenn der Verlust des Arbeitsplatzes droht, finanzielle Einbußen bestehen oder sie beengt wohnen. Die technische Ausstattung ist das eine: Natürlich gibt es fast keine Familie ohne Internet. Aber über internetfähige Geräte für Erwachsene im Homeoffice und für Schulkinder gleichzeitig zu verfügen - das ist nicht unbedingt die Normalausstattung in jeder Familie. Und nicht alle Eltern haben die Kenntnisse, mit den neuen Lern-Tools umzugehen. Wenn dann noch eingeschränkte Deutschkenntnisse hinzukommen, ist das Kinderrecht auf Bildung massiv gefährdet. Viele Familien mit Migrationshintergrund sind sehr an einer guten Ausbildung für ihre Kinder interessiert, können diese aber wegen mangelnder Deutschkenntnisse nur wenig unterstützen.

Manche Kultusminister haben angekündigt, kulant mit Leistungen und Vorrücken umzugehen...

Lambertz: Es reicht nicht, ein bisschen kulant zu sein mit den Versetzungen. Man wird vor allem nach dem Lockdown vielen Kindern mehr bieten müssen als vorher. Sie brauchen zusätzliche schulische und außerschulische Lernangebote, um Versäumtes nachzuholen und den Anschluss nicht zu verlieren. Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe muss ausgebaut werden, um gerade die Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf nicht alleinzulassen. Die Zahl an Lehrpersonen und Sozialpädagogen muss aufgestockt werden, gerade wenn künftig im Schichtbetrieb oder in Kleingruppen unterrichtet wird. Ansonsten wird sich die Ungleichheit in den Lebensverhältnissen weiter erhöhen. Ein Benefit dieser Krise kann sein, dass sich das digitale Lernen schneller verbreitet - aber dabei müssen wir auch die Schwächeren mitnehmen. Die Gruppe der Bildungsverlierer darf nicht noch größer werden.

Wie versucht SOS-Kinderdorf, belastete Familien zu erreichen?

Lambertz: Wir lassen die Familien nicht allein. Gerade in dieser Ausnahmesituation ist es unerlässlich, dass die Unterstützungsmaßnahmen vor Ort bestehen bleiben. Unsere Mitarbeitenden schnüren beispielsweise Lernpakete und stellen Boxen mit Spielideen oder Aufgaben zusammen. Sie haben in den sozialen Medien Gruppen mit vielen Familien initiiert, die die soziale Isolierung aufheben und gegenseitige Unterstützung fördern. Unsere Beratungsstellen sind immer erreichbar und arbeiten telefonisch oder über das Internet weiter. Neu ist, dass wir Familien auch nach ihrer finanziellen Situation fragen müssen. Viele stoßen jetzt schon deutlich an ihre Grenzen.

Wie sieht es mit dem Kinderrecht auf Schutz vor Gewalt aus?

Lambertz: Da bewegen wir uns weiterhin im Dunkelfeld, haben also noch keine Zahlen, was wirklich passiert. Dabei wissen wir, dass das Gewaltpotenzial in einigen Familien hoch ist und die Isolation die Gefahr für die Kinder erhöhen kann. Unsere Hilfe für die Familien, die das Jugendamt zum Schutz der Kinder an uns überweist, lebt natürlich vom persönlichen Kontakt. Die Verbindung versuchen wir durch Telefonate oder Videochats aufrechtzuerhalten und gehen mit den Kindern oder Eltern spazieren. Wenn das Gefährdungspotenzial hoch ist, besuchen wir die Familien weiterhin regelmäßig - unter Einhaltung der nötigen Schutzmaßnahmen. Aber das soziale Netz, das sonst auf Gewalt in den Familien hinweist, fällt aus. Wichtig ist, den Familien zu helfen, ihren Alltag zu strukturieren - so dass sie nicht das Gefühl haben, es bricht alles zusammen.

Wie wichtig ist es für Kinder, ihre Freunde zu sehen?

Lambertz: Der Kontakt mit Gleichaltrigen ist sehr wichtig für die kindliche Entwicklung - sie sehen, wie macht der andere das, sie üben kooperatives Verhalten, sie lernen Konflikte auszutragen und durchleben die unterschiedlichsten Gefühlswelten. Das können die Eltern nicht auffangen. Familien mit Einzelkindern haben es hier schwerer. Darum ist es wichtig, auch über die Öffnung von Kitas zu reden. Wir können davon ausgehen, dass noch lange in kleinen Gruppen betreut werden muss, und darauf müssen wir uns in der Jugendhilfe jetzt schon einstellen.

Wie können Kleingruppen-Unterricht und Betreuung vom Kind her gedacht gut gestaltet werden?

Lambertz: Zunächst einmal sollten alle Kinder die Chance auf Betreuung und Beschulung erhalten. Bei der Notbetreuung in den Kitas darf man nicht nur Kinder aus bestimmten sozialen Gruppen berücksichtigen. Eine Sonderregelung für Familien mit Kinderschutzrisiken fördert nur die Stigmatisierung. Besser wäre es, im Schichtbetrieb die Betreuungszeiten so zu verteilen, dass alle Kinder die Kita besuchen können, wenn auch in eingeschränktem Umfang. Jedes Kind braucht diesen Entwicklungsanreiz. Um die Bildungsbenachteiligung aufzuholen, braucht es jetzt mehr Fachkräfte in der Jugendhilfe. Dabei können auch Ehrenamtliche einen wichtigen Beitrag leisten.

Sehen Sie auch das Kinderrecht auf Beteiligung gefährdet?

Lambertz: Das Recht auf Beteiligung ist mit den Rechten auf Schutz und Förderung eng verbunden. Familien, die ihren Kindern die Ausübung dieses Rechts schon vorher ermöglicht haben, werden das auch in der Krise fortsetzen. Familien unter Stress können das schnell aus dem Blick verlieren. Bei der Lockdown-Entscheidung können die Kinder natürlich nicht mitbeschließen, genauso wenig wie die Erwachsenen. Man muss ihnen sagen, was jetzt nicht geht - aber man muss sie gleichzeitig fragen, was sie jetzt brauchen und wie es denn gehen könnte. Gelingende Beteiligung von Kindern verringert das Risiko von kinderschutzgefährdenden Situationen und fördert ihre Entwicklung.

Glauben Sie, die Krise könnte gesellschaftlich etwas Positives für die Kinderrechte zeitigen?

Lambertz: Es ist gut zu sehen, dass die Politik, die anfangs vor allem die Wirtschaft im Blick hatte, nun immer mehr auch die Perspektive von Kindern und Familien in den Fokus nimmt. Ich bin auch optimistisch, dass die Entwicklung hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit künftig ernster genommen wird. Wir erhoffen uns zudem, dass die soziale Infrastruktur weiter gefördert und ausgebaut wird. Familien brauchen Unterstützung durch soziale Institutionen, die dazu beitragen können, dass die Kinderrechte Wirklichkeit werden.

Seit Jahrzehnten wird diskutiert, ob die Kinderrechte - die seit 1989 in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten sind - im Grundgesetz verankert werden sollen. Der politische Wille ist da, die Entscheidung hängt gerade im parlamentarischen Betrieb. Wie wichtig wäre die Grundgesetz-Änderung?

Lambertz: Es wäre ein guter Hebel, um die Kinderrechte bei allen Entscheidungen ins Bewusstsein zu bringen und wirkungsvoll umzusetzen. Erwachsene können ihre Rechte selbst einfordern, das ist das Kennzeichen des Mündigseins. Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene das für sie tun, sie wachsen erst in die eigenständige Wahrnehmung ihrer Rechte hinein. Eine Verankerung ihrer Rechte im Grundgesetz würde bedeuten, dass sich die ganze Gesellschaft auf ihre Einhaltung verpflichtet. Über die Entscheidung gibt es inzwischen Konsens, es wird noch um Formulierungen gerungen.

Quelle: epd/Christine Ulrich