Aktuelles

Eine neue Familie

31. Dezember 2018

Claudia Hülsmann entschied sich für einen zweiten Beruf und wurde Mutter im SOS-Kinderdorf. Bei ihr gelten klare Regeln, um dem Leben Leitplanken zu bieten

Kinderdorf-Mutter Claudia Hülsmann im Wohnzimmer

Kinderdorf-Mutter Claudia Hülsmann im Wohnzimmer

Einen Neuanfang wagen? Claudia Hülsmann hat es sich gut überlegt. Lange schon gab es diesen Gedanken, dass sie Mutter werden will, auch wenn sie keine eigenen Kinder hätte. Dann tat sie den Schritt: Die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau sattelte mit 40 Lebensjahren um. Jetzt hat sie seit dreieinhalb Jahren sechs Kinder. Sie ist Mutter in einer SOS-Kinderdorf-Familie. 

Das macht sie zwei, drei oder vier Wochen am Stück „24/7“, also rund um die Uhr die ganze Woche, und verbringt dann ein paar freie Tage in Essen in ihrer privaten Wohnung. Die Kinder haben sich damit arrangiert. Es sind ja noch die beiden anderen Erwachsenen da: Erzieherin Anne Verhasselt und Sozialpädagogin Linda Reintjes. „Ohne Team könnte ich es nicht“, sagt Claudia Hülsmann.

Die drei Frauen müssen sich einig sein in ihrem Erziehungsstil. Der ist von Familie zu Familie anders – normales Leben eben. Nur bringen hier die Kinder ihre besondere Lebensgeschichte mit. Eine neue Familie – das ist sie für die Mutter wie für jedes einzelne der Kinder. Auf klare Regeln, klare Strukturen setzen dabei alle Dorfmütter, weil die anvertrauten Kinder genau dieses brauchen: Orientierung, Leitplanken und Zuverlässigkeit. Weil sie genau das zu Hause oft nicht bekamen.

Ob ihr das Soziale liegt, das hatte Claudia Hülsmann erst einmal erprobt, nachdem ein Dokumentarfilm im Fernsehen ihren neuen Berufswunsch auslöste. Sie fing als Familienhelferin an, ließ sich dann als Erzieherin im Jugend- und Heimbereich ausbilden: Blockunterricht zu den unterschiedlichsten Themen von Persönlichkeitsbildung, Geschwisterkonstellation bis zu Arbeitsverträgen. „Ich habe mich immer selbst abgefragt: Ja, ich möchte es machen. Wenn, dann für immer bis zur Rente“. Doch mit ihrem Arbeitgeber, dem SOS-Kinderdorf, sprach sie realistisch ab: „Ich mache es so lange, wie ich es kann. Mit dieser Entscheidung geht es mir gut“, sagt Claudia Hülsmann.

Sie setzt klare Grenzen: Wie viel Nutella dürfen Kinder morgens essen, welche Filme gucken, wann gehen sie ins Bett? „Bei mir bekommen sie erst mit 14 Jahren ein Handy. Das gibt es sonst in ganz Deutschland nicht“, lacht die Frau, die aus dem IT-Bereich kommt. „Die Kinder sind damit nicht unglücklich.“ An der Kuhstraße in Materborn bei Familie Hülsmann zu leben heißt, wochentags kein Fernsehen für Sechsjährige, samstags immer Brötchen und Ei.

Man nimmt aufeinander Rücksicht, auch im Tagesablauf. „Manche Dinge gehen einfach nicht, weil wir eben zu sechst sind.“ Fünf Stundenpläne hängen an der Küchenwand. Prallvoll geschrieben ist das Din-A-4 große Terminkalenderbuch. Elternbesuche, Geschwisterbesuche, Sportverein, Musikschule, HipHop-Tanzkurs, Therapie. „Ich kriege alles mit – was sie angezogen haben, was in die Wäsche muss, ob ihnen eine Süßigkeit versprochen wurde“, zählt die disziplinierte Dorf-Mutter auf.

„Die Kinder bekommen hier große Verlässlichkeit“, sagt Claudia Hülsmann und weiß von Trennungsängsten so mancher Mädchen und Jungen, weil sie zuvor allein gelassen wurden.

Tatsächlich halten aber „manche Kinder die Enge in der Kinderdorffamilie nicht aus“, weiß Hülsmann. Für diese Kids werden andere Lösungen gesucht, zum Beispiel bietet das Kinderdorf auch das Leben in Wohngruppen an, bei dem die Pädagogen im Wechseldienst arbeiten. Um krisenhafte Momente aufzufangen, braucht es den Blick von außen, zum Beispiel durch Supervision oder den pädagogischen Fachdienst.

Als Geschenk für jeden „Einzelzeit“

Zu Weihnachten gab es für die Kids Fahrrad, Bücher, Bilder, Lego und Playmobil-Pferdestall, finanziert über Spenden und aus dem SOS-Kinderdorf-Budget. Und darüber hinaus Gutscheine für wertvolle „Einzelzeit“ mit der Bezugs-Erzieherin, zum Beispiel bei einem Musicalbesuch.

Silvester werden die beiden jüngsten Geschwister in Claudias Familie, sechs und acht Jahre alt, wohl schlafend erleben. Die beiden Elfjährigen und der 14-Jährige dürfen länger aufbleiben und der 18-Jährige feiert das zweite Mal außer Haus. Er möchte noch hier wohnen bleiben, so lange seine Ausbildung läuft. Das Jugendamt muss dem zustimmen.

Im Hilfeplanverfahren wird jeder Schritt durch das Jugendamt begleitet: Wer im Kinderdorf wohnt, ob Geschwister zusammen bleiben oder in unterschiedliche Familien oder nur eins ins Dorf, das andere zur leiblichen Oma ziehen. Eine Aufnahmegruppe ist zunächst der Anker. Es gibt intensiven Austausch mit Fachleuten.

Heute stehen deutlich mehr als noch vor vielen Jahren der Kontakt zu den leiblichen Eltern und die Rückführung in die Ursprungsfamilie als Ziel der Jugendhilfe an. Manches sei pädagogisch nicht immer vertretbar, aber die Entscheidung der Behörden müsse man akzeptieren, sagen Claudia Hülsmann und Kinderdorf-Sprecherin Katrin Wißen. „Ein Kind gehört zu seinen Eltern ... wenn es geht“, sagt Wißen salomonisch. Ziel des SOS-Kinderdorfs ist es, die soziale Situation benachteiligter junger Menschen und Familien zu verbessern.

Quelle: Neue Rhein Zeitung vom 31.12.2018. Autorin: Astrid Hoyer-Holderberg