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Die Sehnsucht nach dem Alltag

17. Juli 2018

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Dialloh mag Sport - er spielt Fußball oder fährt auf seinem Fahrrad.

Mit 15 Jahren flüchtete Mamadouwoury Dialloh allein aus Guinea nach Deutschland. Jetzt lebt er im SOS-Kinderdorf Materborn.

Er kommt aus Guinea ist 17 Jahre alt und geflüchtet. Mamadouwoury Dialloh spricht deutsch, spielt Fußball in einer Jugendmannschaft von Siegfried Materborn und besucht die internationale Förderklasse am Berufskolleg Kleve (BKK). Er fühlt sich wohl und gut integriert. Schlecht ist allein seine Chance, in Deutschland bleiben zu können. Dabei geht es dem Asylsuchenden alleine darum: hier leben und nie wieder zurück müssen.Mit 15 Jahren verließ er den westafrikanischen Staat. Ohne Eltern, Geschwister oder irgendeinen Verwandten brach Mamadouwoury Dialloh auf. Die Flucht dauerte anderthalb Jahre und endete in Materborn. Oury, wie der Jugendliche gerufen wird, gehört zur Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, in der Behördensprache heißen sie UMF.

Seit November 2016 wohnt er hier im SOS-Kinderdorf. Die Suche nach einem besseren Leben war erfolgreich. Dazu gehört ein 28 Quadratmeter großes Appartement. Hier wohnt er alleine. Die Wohnung besteht aus einem Flur mit Küche, Bad ein Wohn-Schlafraum. Sechs Appartements gibt es in dem Haus, das auf dem Gelände des Kinderdorfs steht.

Wir treffen den 17-Jährigen um kurz nach sieben Uhr in seinem Zimmer. Er sitzt auf einem großen, weißen Ikea-Bett und bindet sich die Schuhe zu. Es ist ein Paar der Marke Vans, die bei Jugendlichen derzeit hoch im Kurs steht. Das Zimmer ist aufgeräumt, Kleidung liegt nicht herum. Entlang der Wand sind fünf Paar Schuhe aufgereiht. Fernseher, Mini-Stereoanlage, auf dem Tisch eine Plastikschüssel mit Chips. „Die esse ich gerne“, sagt er. Der Müll wird in dem Haushalt getrennt.

Als UMF erhält Oury wöchentlich 40 Euro für Verpflegung und 67 Euro Taschengeld im Monat. Es sind die selben Sätze, die auch deutsche Minderjährige erhalten. Im Sommer wird er 18 Jahre, dann kommen monatlich 60 Euro dazu.

„Wenn Schule ist, stehe ich um 6.50 Uhr auf“, sagt er. 8.15 Uhr beginnt der Unterricht. Der 17-Jährige fährt mit dem Rad zum Berufskolleg am Weißen Tor. In seiner Klasse werden Flüchtlinge unterrichtet, die gut deutsch sprechen und verstehen. Ziel der internationalen Vorbereitungsklasse ist der Hauptschulabschluss.

Noch ist Zeit, bevor Oury aufbrechen muss. Fragen über seine Flucht beantwortet er offen. Dabei schaut er nur starr vor sich auf den Boden. Sein Weg führte ihn von Guinea über Mali, Algerien, Marokko nach Spanien und von dort über Frankreich in die Bundesrepublik. „Ich bin viel im Auto mitgenommen worden. Dafür muss man aber bezahlen.“ Hatte er kein Geld mehr, ging es monatelang nicht weiter. In Algerien lebte er knapp ein halbes Jahr im Wald. Was Oury als minderjähriger Flüchtling bereits durchgemacht hat, würde selbst einen Erwachsenen überfordern. Die Überfahrt nach Spanien sei teuer gewesen. Fünf Monate hat er vor einem Supermarkt gestanden und Tüten der Einkäufer ins Auto getragen. „Ohne ständig etwas zu verdienen, hätte ich es bis hierhin nicht geschafft“, sagt er. In Deutschland angekommen, setzte er sich in einen Zug und fuhr so lange, bis es an einer Stelle nicht mehr weiter ging. Das war in Kleve.

Oury macht sich auf den Weg. Steckt sein Samsung-Handy ein. Das Display ist völlig gesplittert. Das Telefon bezahlt er von seinem Geld. Die Fahrt zum Berufskolleg dauert 20 Minuten. Im Flur steht ein klappriges Damenrad. Verkehrsregeln wie rechts vor links kennt er. Auf dem Weg zur Schule erzählt er von Guinea. „Meine Mutter starb 2013. Zu meinem Vater und meinen zwei Schwestern habe ich keinen Kontakt.“ Er wolle ihn auch nicht mehr. Warum er mit 15 Jahren sein Land verließ, scheint religiöse Gründe zu haben. So hatte er offenbar vor, zum christlichen Glauben zu konvertieren. Ein Vorhaben, das in der vom Islam absolutistisch bestimmten Gesellschaft nicht toleriert wird. Christen sind in Guinea eine Randgruppe. 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime.

Was die Entscheidung zu flüchten auch beeinflusst hat, ist die Situation in Guinea. Der Alltag ist geprägt von politischer Verfolgung und Armut. Der Weg von Jugendlichen ist vorgezeichnet, da es kaum Entwicklungschancen gibt. Die Menschen sind bettelarm trotz großer Rohstoffvorkommen. Guinea gehört dennoch in die Kategorie „sicherer“ Herkunftsstaat. Es ist ein Land, in das leichter abgeschoben werden kann.

Als der Jugendliche beim BKK ankommt, läuft er zu seinem Freund Mamoudou. Er ist 18 Jahre und kommt ebenfalls aus Guinea. Jetzt wohnt er in Uedem. „Uedem ist super. Viel besser als hier“, sagt Mamoudou. Zusammen mit 13 weiteren Schülern stehen die Beiden in der Berufsschule vor Raum 0.35. Sie kommen aus nahezu allen klassischen Flüchtlingsländern wie Somalia, Syrien, Eritrea, Armenien, dem Irak oder Iran. Was sie eint, ist die Hoffnung auf ein Leben mit Zukunft.

Zwei Stunden Deutsch stehen auf dem Plan. Klassenlehrer Thorsten Rölver betritt den Raum. „Wir erheben uns. Ich wünsche euch allen einen guten Morgen“, sagt er. Thema ist heute Nebensätze und Konjunktionen. Es ist ruhig in der Klasse, die meisten Fragen des Pädagogen werden richtig beantwortet. Wer eine Antwort ohne aufzuzeigen in den Raum ruft, wird ermahnt. „Es ist eine heterogene Gruppe. Aber alle sind lernwillig und motiviert“, sagt Rölver. Der Druck auf Oury und seine Klassenkameraden ist enorm. Sie müssen den Hauptschulabschluss schaffen. Die Jugendlichen bekommen in zwei Jahren den Stoff reingedrückt, für den deutsche Schüler ihre ganze Schullaufbahn Zeit haben.

Der erfolgreiche Abschluss kann dafür sorgen, nicht abgeschoben zu werden. Denn wer eine Lehrstelle bekommt, kann mindestens für diese Zeit der Ausbildung bleiben. Lehrer Rölver betont: „Nach dem Betriebspraktikum haben Handwerksbetriebe angerufen und gefragt, ob die Schüler nicht früher kommen können. Oury würde die Lehre problemlos durchlaufen. Doch den Abschluss muss er haben. Sonst geht nichts.“ Die meisten Jungs wollen Kfz-Mechaniker werden. Oury hat sich für Sanitär- und Heizungsinstallateur entschieden. Die Angst vor den Prüfungen sowie dem 18. Geburtstag ist groß. Bis dahin ist es eine Zeit der Ungewissheit. Für Volljährige endet die Hilfe dann häufig schlagartig. Sie werden aus dem betreuten Wohnen in eine Gemeinschaftsunterkunft verlegt. Das ist kostengünstiger. Viele empfinden dies als einen zweiten Bruch in ihrem Leben. In Kleve endet die Betreuung jedoch nicht abrupt.

Für die große Pause hat sich der 17-Jährige Brote gemacht. Heute sind nur sechs Stunden Unterricht. 14 Uhr ist er wieder im Kinderdorf. Jeden Tag kocht er sich sein Mittagessen selbst. „Kuhfleisch mit Soße mache ich heute“, sagt er. Anderthalb Stunden später werden Hausaufgaben gemacht. Auf einem Übungszettel müssen fehlende Konjunktionen eingesetzt werden. „Ich werde immer besser. Auch Nachrichten im Fernsehen verstehe ich“, sagt er selbstbewusst. Heute ist um 19.30 Uhr Fußballtraining und am Wochenende ein Spiel. „Ich habe noch nie ein Tor geschossen“, sagt der 17-Jährige und lacht dabei. Aber das sei ihm egal. Für ihn zählt der Kontakt zu den Jungs. „Die sind total nett. Ich gehe gern zum Fußball.“ Ebenso gern trifft er sich auch mit Freunden in der Stadt oder fährt zum CentrO nach Oberhausen. Mit dem Schokoticket kostet die Fahrt dorthin nichts.

Beim Verlassen des Kinderdorfs muss der Appartementschlüssel abgegeben werden. Während der Schulzeit ist erlaubt, bis 21.30 Uhr wegzubleiben. Am Wochenende muss jeder um 22 Uhr wieder da sein. Der geregelte Tagesablauf und die klaren Vorgaben geben dem Asylbewerber Halt und Struktur.

Der Staat lässt sich die Integration der minderjährigen Flüchtlinge viel Geld kosten. Neben Unterbringung und Versorgung brauchen sie vor allem auch psychologische Hilfe. Seitdem Oury im Kinderdorf wohnt, führen Pädagogen häufig und zu festen Zeiten Gespräche mit ihm. Sie helfen ihm, das Erlebte zu verarbeiten und sich in der neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Das sind anspruchsvolle Aufgaben. Zudem denkt der Guineer in anderen Mustern. Das Rollenverständnis von Mann und Frau ist noch ein anderes.

Die Integration von Menschen wie Mamadouwoury Dialloh ist bedeutend, weil sie sich am Ende für beide Seiten auszahlt. Für die Gesellschaft und den Geflüchteten. Dass der 17-Jährige bleiben will, daran lässt er keinen Zweifel: „In Guinea bin ich geboren. Aber wo ich lebe und mich wohl fühle, da ist meine Heimat.“ Die eine hat er verloren, aber hier eine neue gefunden. Getrieben von der Sehnsucht nach einem Alltag ohne Schrecken.

Quelle: Peter Janssen, Rheinische Post

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