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Aktuelles

Coronavirus: Leben wie auf einer Insel

24. März 2020

Während sich der Coronavirus in Deutschland weiter ausbreitet, ergreifen Bundesregierung und Länder fast täglich weitere Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Auch in den SOS-Kinderdorfeinrichtungen in Deutschland werden Maßnahmen vorgenommen, um die Sicherheit der von SOS-Kinderdorf betreuten Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten. Manfred Thurau, Sozialpädagoge aus dem SOS-Kinderdorf Harksheide, berichtet welche Vorkehrungen das sind und wie es den Kindern und Jugendlichen geht.

Mit welchen Problemen ist man durch die aktuelle Lage in den Kinderdorffamilien und Wohngruppen konfrontiert?

Zum Glück sind wir grundsätzlich sehr gut darauf eingerichtet, Kinder zu betreuen, aber diese Situation ist auch für uns etwas sehr Besonderes. Denn Corona kommt auf den normalen Alltag noch obendrauf. Es ist einfach so, dass es personell deutlich enger wird. Viele Kolleginnen sind mit der Betreuung der eigenen Kinder beschäftigt und müssen Dienste verschieben. Wir müssen zur Zeit einfach alle sehr flexibel sein – und natürlich auch bereit, mal mehr zu machen als sonst. Aber persönliches Engagement gehört ja sowieso zu diesem Job. Es ist eher so, dass alle sagen, „was soll’s, so ist es nun mal“, und jetzt erst recht zusammenhalten.

Wie gehen die Kinder und Jugendlichen mit dem Stress um, den Corona mit sich bringt?

Je kleiner die Kinder in der Familie sind, umso mehr Aufmerksamkeit brauchen sie, gerade jetzt. Das ist ja auch alles verunsichernd, und die Kleinen spüren das, wissen aber eigentlich nicht richtig, was los ist. Menschliche Wärme, Trost, Zuneigung, alles das, was in unserem Alltag hier sowieso so eine große Rolle spielt, das ist jetzt irgendwie noch wichtiger. Ich will nicht sagen, dass wir unter dem Stress leiden, jedenfalls bekomme ich hier in keiner Familie mit, dass jemand leidet. Aber es ist so eine Grundanspannung da, eine Ungewissheit, wie überall. Was mag noch kommen? Wie lange wird das dauern? Was die Situation aber wirklich belastet, jedenfalls scheint es uns zunehmend so, ist bei einigen Kindern die Einschränkung der Kontakte und Arbeit mit den Angehörigen, also den leiblichen Eltern. Elternarbeit wird hier sehr ernst genommen, die ist wirklich wichtig, und das fällt jetzt weitgehend weg. Das scheint für manche Kinder ganz schön hart zu sein. Und wird wohl noch härter.

Wie kann Familien und Kindern in der momentanen Situation geholfen werden?

Aufeinander aufpassen und sich helfen, wo es geht. Wir bringen für die anderen auch schon mal Toilettenpapier mit, wenn wir wissen, dass die Kollegen gestern beim Einkaufen vor einem leeren Regal gestanden haben. Die ambulanten und teilstationären Hilfen, die wir sonst eigentlich anbieten, wurden jetzt vorsorglich zum Teil zurückgefahren. Die Kollegen, die da frei wurden, sind, wo es möglich war, in die Schularbeitenbetreuung und die erweiterten Freizeitangebote eingestiegen, um die Familien von diesen zusätzlichen Aufgaben zu entlasten. Denn auch hier fallen Schulen und Kitas aus und die Kinder und Jugendlichen müssen ihre Schularbeiten nun zu Hause machen. 

Was bedeuten die derzeitigen Einschränkungen für die Arbeit in den Einrichtungen?

Da kann ich nur für unser SOS-Kinderdorf Harksheide sprechen. Zur Zeit sind wir zum Beispiel nicht in der Lage, Neuaufnahmen verantwortungsvoll zu gestalten, und nehmen deshalb gerade keine Kinder auf. Die Leute, die da sind, haben mit dem, was gerade passiert, genug zu tun. Im ambulanten, beratenden Bereich schauen wir genau, ob ein persönlicher Besuch wirklich notwendig ist, da wird manches auch mal per Telefon erledigt. Und insgesamt gibt es für alle im Dorf einfach weniger ruhige Momente, irgendwie ist nie Pause. Alle Kinder sind da, das sind derzeit 69, von 3 bis 18 Jahren. Irgendwer braucht gerade immer besondere Aufmerksamkeit, das hat mit der persönlichen Geschichte eines jeden einzelnen kleinen Menschen zu tun. Die sind ja nicht ohne Grund bei uns.

Welche Sicherheitsmaßnahmen haben Sie getroffen?

Wir leben wie auf einer Insel. Zum Glück haben wir hier viel Platz und unser pädagogisches Konzept sorgt dafür, dass alle das hier als ihren eigenen, privaten Ort empfinden, an dem sie gut leben können. Das war immer schon gut, aber in diesen Tagen hilft es enorm! Allerdings sind die Kinder angehalten, das Dorf nicht zu verlassen, und an den Eingängen hängen Schilder, die alle Nachbarn bitten, unser Gelände nicht zu betreten. Konkret „verboten“ haben wir noch nichts, aber alle halten sich dran. Die Kollegen, die Abends heimfahren, bleiben dann Zuhause und kommen am nächsten Tag oder zum nächsten Dienst wieder. Wir nehmen das sogenannte „Social Distancing“ wirklich ernst. Untereinander verzichten wir aufs Händeschütteln, so wie alle anderen auch. Aber wir sind eben unter uns, laufen uns ständig über den Weg, wir spielen sogar noch Fußball miteinander, weil das für die Kinder auch so wichtig ist, sich auszutoben. Und hier waschen sich tatsächlich alle sehr oft die Hände, selbst die, die da bisher nicht so viel Wert drauf gelegt haben.