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„Familie ist das Größte, was es für mich gibt“

13. Juni 2018

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Jörg Lamprecht und seine Frau gemeinsam vor dem Familienhaus im SOS-Kinderdorf Ammersee

SOS-Kinderdorf-Vater erzählt aus seinem Leben im Kinderdorf in Dießen am Ammersee

Jörg Lamprecht (58) ist beim SOS-Kinderdorf in Dießen am Ammersee sozusagen der Hahn im Korb, oder der Vater unter den Müttern. Er ist einer der SOS-Kinderdorf-Väter in Deutschland. Mit seiner Ehefrau Eva-Maria (59), die ebenfalls in „seinem“ Haus angestellt ist, betreut er dauerhaft sechs Kinder: drei Mädchen (eine elf- und zwei 14-Jährige) sowie drei Jungs (acht, zehn und 14 Jahre). In dieser SOS-Kinderdorf-Familie ist Familie damit tatsächlich fast im klassischen Sinne zu sehen: Vater, Mutter und die Kinder. Und trotzdem: Es bleibt das Besondere. In einem Interview erzählt Jörg Lamprecht über sich und sein Leben im SOS-Kinderdorf.

Wie viele Kinder haben Sie, Herr Lamprecht?

Neben meinen eigenen beiden erwachsene Söhnen und bald zwei Enkelkindern habe ich momentan sechseinhalb Kinder. Normalerweise haben wir sechs Kinder, dann ist unser Haus voll belegt. Das Besondere am SOS-Kinderdorf ist jedoch, dass ehemalige Kinder hier immer willkommen sind. Als wir 2012 hierhergezogen sind, habe ich die letzten zwei Kinder aus meinem eigenen Kinderheim hierher mitgebracht. Der eine führt inzwischen sein eigenes Leben und kommt nur noch hin und wieder zu Besuch. Der Altere wohnt seit zwei Jahren in einer Wohngruppe in Buchloe und kommt an den Wochenenden und in den Ferien zu uns.

Sie hatten ein eigenes Kinderheim?

Ich hatte ein sogenanntes „Kleinstheim“ und hatte mich spezialisiert auf Kinder, die keiner mehr will. Die gibt es nämlich in Deutschland. Das Kinderheim war in Thüringen, bei mir zu Hause.

Das ist ja spannend. Wie ist es dazu gekommen?

Wir haben eine Hälfte unseres Lebens in der DDR gelebt. Nach der Wende habe ich mich bei SOS beworben, habe jedoch eine Absage erhalten, da das Konzept damals noch keine Männer als SOS-Kinderdorf-Väter vorsah. Über den St.-Elisabeth Verein in Marburg habe ich dann bei mir zu Hause ein eigenes kleines Kinderheim gegründet. Dieser Verein bietet eine so genannte intensiv-sozialpädagogische Einzelbetreuung an. In diesem Rahmen betreute ich zuletzt die zwei Geschwisterkinder, die ich dann auch mit nach Dießen brachte.

Was haben Sie vorher beruflich gemacht?

Mein Hauptberuf ist staatlich anerkannter Erzieher. Außerdem bin ich Heilpraktiker für Psychotherapie, psychologischer Supervisor, Elektromonteur, Lagerarbeiter, Holzkaufmann und (Lamprecht schmunzelt) ich war auch mal Berufskraftfahrer. Ich war in meinem Leben nicht einen Tag arbeitslos, da bin ich stolz drauf. Doch der wichtigste Beruf ist für mich Erzieher. Das bin ich aus Leidenschaft! Schon sehr früh war ich in der Jugendarbeit aktiv und mein ganzes Leben ist damit beseelt!

Und wie sind Sie letztendlich im SOS-Kinderdorf in Dießen gelandet?

Als unsere Söhne schließlich flügge und meine Schwiegermutter, die wir lange Zeit pflegten, verstorben war, habe ich gemerkt, dass ich gerne nochmal etwas Neues anfangen möchte. Zufällig stieß ich auf die Annonce von SOS, die nun auch Kinderdorfväter suchten. Ich habe mich beworben und sofort eine Einladung bekommen. Auf der Fahrt nach München habe ich meiner Frau ausführlich erzählt, was ich vorhabe. Sie war aber erst einverstanden, nachdem klar war, dass wir unser Haus in Thüringen nicht aufgeben müssen und einmal im Monat nach Hause fahren können. Als der damalige Leiter des SOS-Kinderdorfs in Dießen, Erich Schöpflin, und ich uns kennenlernten, waren wir uns gleich sympathisch und als ich dann noch meine damaligen Pflegekinder mitnehmen durfte, war alles klar. Im Februar 2012 habe ich dann in Dießen angefangen.

Ihre Frau ist ebenfalls angestellt im SOS-Kinderdorf. Das klingt sehr ideal und ich stelle mir vor, dass Sie sich gegenseitig stärken und ergänzen können in Ihrer Arbeit. Wie ist das für Sie und die Kinder?

Viele SOS-Kinderdorfmütter haben zwar inzwischen einen Partner, aber die meisten Partner arbeiten nicht bei SOS. Daher ist es etwas ganz besonderes, nicht nur, dass ich der Kinderdorf-Vater bin, sondern dass meine Frau auch hier angestellt und nur für unser Haus zuständig ist. Für die Kinder ist es das große Los, weil sie so beides haben: den Kinderdorfvater und eine weibliche Bezugsperson.

Das SOS-Kinderdorf ist ein spannendes Konzept. Für Außenstehende wirkt es zunächst vielleicht ein wenig befremdlich, wie das Leben in einem solchen Dorf vonstatten geht und wie die SOS-Kinderdorf-Familien sich arrangieren. Wenn man Ihr Zuhause gerade erlebt, wirkt es aber wie eine ganz normale Familie…

Wir sind wirklich ganz nah an Familie! Sie können alle meine Kinder fragen. Für die sind wir die „Eltern“. Aber wir haben auch Brücken bauen müssen. Als unser Jüngster mit zwei Jahren beispielsweise zu uns kam, war er zunächst in cognito bei uns und in den ersten zwei Jahren stand er nur mit uns in Verbindung. Wir sind Mama und Papa für ihn. Als dann wieder Kontakt zu den leiblichen Eltern zustande kam, wurde die leibliche Mutter die „Mutti“ und der leibliche Vater der „Daddy“. Damit kommt der Kleine gut zurecht und die leiblichen Eltern auch.
Anders im Vergleich zu eigenen Kindern ist das mit der Verantwortung: Hier im Kinderdorf haben wir viele Begleiter bzw. Mitarbeiter. Da hängen manchmal bis zu acht Personen oder Institutionen, wie Schule, Therapeuten, Bereichsleiterin, Jugendamt, Vormund, Eltern, diese meist doppelt, weil sie getrennt leben, und das Gericht, dran. Alle diese Personen haben ein Recht darauf zu erfahren wie wir mit den Kindern arbeiten. Jedoch vieles, was ich mit meinen eigenen Kindern gemacht habe, mache ich hier genauso, weil es sich gut bewährt hat. Und die Ferien sind beispielsweise Zeiten, in denen ich mich ganz den Kindern widmen kann, weil ich dann die Zeit dazu habe: Daher sind die Ferienfreizeiten für die Kinderdorffamilie sehr wichtig!

Was bedeutet für Sie Familie?

Ganz, ganz viel! Es ist das Größte was es für mich gibt! Das Wichtigste in unserer Gesellschaft sind die Familien und für die Kinder im SOS-Kinderdorf sind wir Familie. Sie empfinden nicht, dass es ihnen möglicherweise nicht so gut geht, wie anderen Kindern. Daher stehe ich auch voll und ganz hinter dem Konzept von SOS-Kinderdorf und der Idee vom Mitgründer Hermann Gmeiner mit den Kinderdorf-Familien. Es sollte unbedingt erhalten bleiben! Und für Menschen wie mich und meine Frau, deren eigene Kinder schon groß sind, und die in ihren letzten Arbeitsjahren nochmal etwas Neues anfangen möchten, bietet das SOS-Kinderdorf eine super Chance! Für mich jedenfalls ist es der schönste Beruf, SOS-Kinderdorf-Vater zu sein. Ich kann mir nichts schöneres vorstellen- absolut nicht!