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Die Familiale Wohngruppe
Aus der Organisation

Die Familiale Wohngruppe

Lässt sich auch in dieser stationären Angebotsform die angestrebte Familialität in der Betreuung junger Menschen herstellen? Eine Evaluation an zwei Modellstandorten liefert erste Ergebnisse.

Jedes Kind wächst in einer Familie auf – geliebt ,beachtet und behütet“: So lautet seit 65Jahren die handlungsleitende Vision des SOS-Kinderdorfe. V. Heute umfasst das Portfolio des Vereins über das Kernangebot der SOS-Kinderdorffamilie hin aus fast alle Angebote der aktuellen Jugendhilfelandschaft: von (teil-)stationär bis zu Beratungsstellen, Kindertagesstätten und Ambulanten Hilfen. Auch Konzeption und Rahmenbedingungen der SOS-Kinderdorffamilie wurden weiterentwickelt. Doch die Grundidee familialer Betreuung blieb zentral – SOS-Kinderdorfmütter und -väter haben ihren Lebensmittelpunkt in den SOS-Kinderdorffamilien. So ähnelt der Betreuungsrahmenstrukturell in gewisser Weise dem einer herkömmlichen Familie. SOS-Kinderdorffamilienbieten insbesondere Kontinuität und Verlässlichkeit, fördern in hohem Maße die Herstellung von Familialität.

Heute entscheiden sich weniger Menschen für dieses Lebenskonzept, das Arbeiten und Leben eng miteinander verschränkt, zugleich wird familiale Betreuung nach wie vor stark angefragt. Die interne Arbeitsgruppe „Zukunftsperspektive Kinderdörfer“ legte Ideen vor, um das Konzept SOS-Kinderdorffamilie so weiterzuentwickeln, dass sich Menschen dafür gewinnen lassen, sowie dazu, wie familiale Betreuung auch in Wohngruppengelingen könnte.

Besonderheiten Familialer Wohngruppen

Hier betreuen pädagogische Fachkräfte die Kinder im Schichtdienst. Gegenüber den SOS-Kinderdorffamiliengibt es mehr Variationen bei Gruppengröße, Dienstplänen und Anzahl der Mitarbeitenden. Diese arbeiten auf Basis des „Doing Family“-Konzepts: Es hebt darauf ab, dass Familialität nichtdurch die Struktur, sondern durch Prozesse des Miteinanders entsteht. Der Fokus liegt damit auf der Gestaltung persönlicher Beziehungen und Interaktionen, um Familialität beziehungsweise familiale Qualitäten wie zum Beispiel Zugehörigkeit, Geborgenheit oder Fürsorge „herzustellen“.

Seit wenigen Jahren erproben einige SOS-Standorte Familiale Wohngruppen, darunter die SOS-Kinderdörfer Saar und Gera. In beiden wurden von April bis Juni 2020 Bereichsleitungen und neun weitere Fachkräfte befragt.

Fokus auf Struktur- und Prozessqualitäten

Wie wird die Herstellungsleistung der Fachkräfte beim „Doing Family“ sichtbar? Gemäß einer Prozessevaluation stand im Fokus, das zu beschreiben, um förderliche Struktur- und Prozessqualitäten festzuhalten. Ein erster Bericht benennt unter anderem:

  • reflektierte professionelle Beziehungsarbeit, damit junge Menschen sich der Gruppe zugehörig fühlen. Das verlangt die Bereitschaft und Fähigkeit, emotionale wie körperliche Nähe im Wohngruppenalltag zuzulassen und bewusst herzustellen.
  • das Herstellen einer Vertrauensbasis. Familialität entsteht in den evaluierten Gruppen durch Sorgeleistungen. Neben der Sorge um basale Bedürfnisse der Kinder, etwa durch tägliche gemeinsame Mahlzeiten, erwiesen sich als zentral: Regeln und Kontrollpraktiken, individuelle Erziehung und Förderung der Kinder, eine auf deren Interessen abgestimmte Freizeitgestaltung. Auch der Schutz durch einen geeigneten Rahmen ist eine Fokus-Komponente bei den Sorgeleistungen.
  • das Generieren gemeinsamer Zeit. Gruppenspezifischen Routinen und Ritualen wird eine zentrale Rolle zugeschrieben. Routinen entwickeln sich in der Familialen Wohngruppe zu festen Ritualen mit tiefem symbolischen Charakter für die einzelnen Akteure. So steht etwa bei den Mahlzeiten neben dem Essen vor allem die intensive Kommunikation zwischen den Wohngruppenmitgliedern im Mittelpunkt.

Einheitlichkeit durch Aushandlungsprozesse

Familialität verlangt die funktionierende professionelle Zusammenarbeit der Fachkräfte im Team. Sie verfolgen ein gemeinsames Ziel und grundsätzliche Einheitlichkeit im pädagogischen Handeln. Diese wird in Aushandlungsprozessen – auch mit den betreuten Kindern und Jugendlichen – hergestellt. Das Wahrnehmen des Teams als Einheit fördert bei Fachkräften und Kindern die gemeinsame Gruppenidentität der Familialen Wohngruppe.