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Flüchtlingscamp Moria
Interview mit Popi Gkliva

Lage im Flüchtlingscamp Mavrovouni in Griechenland

In Moria, dem größten Flüchtlingscamp Griechenlands, brach am Dienstag, den 8. September 2020, kurz nach Mitternacht ein Feuer aus. Die Brände zerstörten den Großteil des Lagers. 12.000 Migranten und Flüchtlinge hatten danach auf Lesbos wochenlang keine Unterkunft und keinen Zugang zur Grundversorgung. Darunter waren mehr als 4.000 Kinder, von denen 407 unbegleitet und somit extrem gefährdet waren.

Im Interview erzählt Popi Gkliva, Leiterin des Flüchtlings-Nothilfeprogramm von SOS-Kinderdorf Griechenland, wie es den Geflüchteten im neuen Camp geht.

Popi Gkliva, Leiterin des Flüchtlings-Nothilfeprogramm von SOS-Kinderdorf Griechenland

Popi Gkliva, Leiterin des Flüchtlings-Nothilfeprogramm von SOS-Kinderdorf Griechenland

Wie ist die Lage im neuen Flüchtlingscamp Mavrovouni?

Nach den Bränden waren die Geflüchteten gezwungen auf der Straße zu leben ohne Zugang zu sanitären Einrichtungen und ohne psychosoziale Unterstützung*. Nach Wochen wurden die Menschen schließlich in ein neues provisorisch eingerichtetes Camp gebracht, das Flüchtlingscamp Mavrovouni. Dieses liegt neben dem bereits bestehenden Camp KaraTepe. Die Menschen sind dort in Zelten direkt am Meer untergebracht. Vereinzelt versuchen sich die Menschen mit improvisierten Konstruktionen vor der Witterung zu schützen. Die Menschen leben dort ohne Zugang zu fließendem sauberem Wasser, ohne Heizung und ohne sanitäre Einrichtungen. Es gibt keinen sicheren Ort für Kinder und Mütter. Keinen Ort, an dem Kinder spielen und einfach einmal Kinder sein können. Derzeit leben 6.200 Menschen, darunter etwa 1.900 Kinder, im Flüchtlingscamp Mavrovouni (Stand Mai 2021).

*Psychosoziale Unterstützung erhalten Menschen in oder nach Krisen oder Katastrophen zur Traumabewältigung.

Flüchtlingscamp Moria

Im Camp gibt es kein sauberes fließendes Wasser.

Welche Folgen hat die Coronapandemie für die Geflüchteten im Flüchtlingscamp?

Die Maßnahmen durch die COVID-19 Pandemie bedeuten eine zusätzliche Belastung, da die Geflüchteten das Camp nur noch in Notfällen verlassen dürfen. Mit einem negativen Coronatest dürfen die Bewohner inzwischen zumindest Asyltermine, Arzttermine oder Bildungsaktivitäten außerhalb des Camps wahrnehmen.

Derzeit ist leider noch unklar, wann und ob auch Geflüchtete geimpft werden können. Die Zahlen der COVID-19-Fälle im Lager werden nicht immer offiziell bekannt gegeben. Somit ist unklar, wie viele Fälle es im Camp wirklich gibt bzw. gab.

Wie haben die Geflüchteten den Brand des Flüchtlingscamps Moria verarbeitet?

Auch nach dem Brand waren die Menschen weiterhin in einer sehr traumatisierenden Lage. Sie hatten keine Unterkunft mehr, keinen Zugang zu Hygieneeinrichtungen. Sie haben persönliche Gegenstände verloren – vielleicht die wenigen letzten, die sie noch hatten. Außerdem ist die Angst vor Gewalt, Ausbeutung und der eigenen Sicherheit ein ständiger Begleiter. Hinzu kommen die Ungewissheit, wie es weitergehen wird, und die Tatsache, dass sie die eigene Familie nicht versorgen können. Die Geflüchteten aus Moria haben viel durchgemacht und das hat sich die psychische Gesundheit ausgewirkt.

Ohne jede Unterstützung bleibt die Gefahr eines erneuten Traumas sehr groß. Besonders gefährdet sind Kinder, die keinen Aktivitäten oder Kontakten außerhalb des Camps mehr nachgehen können. Sie sind sozial isoliert. In manchen Fällen sind Mütter aufgrund ihres psychischen Gesundheitszustands nicht mehr in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen. Die anhaltende Müdigkeit, Frustration und Isolation belastet die Geflüchteten sehr.

Flüchtlingscamp KaraTepe

Das Flüchtlingscamp Mavrovouni liegt direkt am Meer. Die Menschen leben im Gegensatz zum Flüchtlingscamp KaraTepe in Zelten und nicht in Containern. So sind sie der Witterung fast schutzlos ausgesetzt.

Welche Hilfe leistet SOS-Kinderdorf im Flüchtlingscamp Mavrovouni?

SOS-Kinderdorf möchte Kindern im Flüchtlingscamp Mavrovouni mit altersgerechten und für die Gesundheit förderlichen Aktivitäten unterstützen. Daher bietet SOS-Kinderdorf Griechenland mit der Unterstützung von SOS-Kinderdorf Österreich seit Februar 2021 Bildungsangebote und Aktivitäten zum Stressabbau für Kinder und Familien an.

Unser Ziel ist es, den Zugang zu Unterstützungsangeboten für alle aufrechtzuerhalten, um die psychische Stabilität der Menschen wieder aufzubauen.

Zuerst haben wir damit begonnen, Bildungs- und Freizeitmaterial für die Kinder im Lager von Mavrovouni bereitzustellen. Währenddessen haben wir versucht weitere Familien zu erreichen, damit mehr Kinder an den Aktivitäten teilnehmen können. Um die Kinder für ein paar Stunden am Tag aus dem Camp herauszuholen, fanden die Aktivitäten zuerst in der SOS-Bildungseinrichtung im benachbarten Lager KaraTepe statt. Der Transport der Kinder wurde durch Shuttle-Busse und unter Aufsicht von SOS-Mitarbeitern ermöglicht.

Seit Mai 2021 gibt es nun eine Tageseinrichtung auf Lesbos. Hier können mehr als 80 Kinder täglich an einer Reihe von Aktivitäten teilnehmen, die speziell entwickelt wurden, um ihnen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung zu ermöglichen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen und ihnen eine angemessene Unterstützung für den Schulbesuch zu bieten.

Flüchtlingscamp Mavrovouni

In der Tageseinrichtung auf Lesbos, das von SOS-Kinderdorf betrieben wird, kommen die Kinder auch einmal raus aus dem traurigen Alltag im Flüchtlingscamp, können lernen und lachen.

Das Angebot umfasst:

  • den Betrieb eines Kindergartens
  • Unterricht in Griechisch und Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften
  • Sonderpädagogik
  • Freizeitaktivitäten und Stressabbau

Die Klassen werden je nach Bildungsniveau und Altersgruppe eingeteilt, wobei in besonderen Fällen (z.B. bei Kindern mit extremer Gefährdung) auch maßgeschneiderte Unterstützung angeboten wird. Zusätzlich wurde in den ersten Wochen des Betriebs eine gründliche psychosoziale Beurteilung vorgenommen, um Kindern, die dies benötigen, gezielte Unterstützung zukommen zu lassen.

Die Kinder erhalten außerdem täglich einen gesunden Snack und bei Bedarf Bildungsmaterial (z. B. Taschen, Stifte, Hefte usw.). Alle Abläufe entsprechen den Covid-19-Vorschriften, so dass das Wohlbefinden sowohl der Kinder als auch des Personals gewährleistet ist.

"Für diese Kinder ist es normal, in einer solchen Situation zu leben."

Dieses Bild wurde von einem neunjährigen Mädchen gemalt, das im Flüchtlingscamp Mavrovouni lebt und an Bildungsaktivitäten von SOS-Kinderdorf auf Lesbos teilnimmt. Die Kinder sollten sich mit den Formen von Familie, dem Stammbaum und der Verbindung zu ihrem Herkunftsland beschäftigen.

Bild eines Mädchen im Flüchtlingscamp Mavrovouni

„Hunderte von Kindern verbinden den Begriff ‚Zuhause‘ mit einem Zelt in einem Flüchtlingslager und materiellen Entbehrungen und den Begriff ‚Familie‘ damit, andere Familienmitglieder nicht zu kennen, die nicht geflüchtet sind. Viele Kinder wurden in Containern oder provisorischen Zelten geboren und sind dort aufgewachsen. Sie hatten nie die Möglichkeiten in einem anständigen Zuhause, einem Haus oder einer Wohnung, zu leben. Für diese Kinder ist es normal, in einer solchen Situation zu leben.“ 

Popi Gkliva, Leiterin des Flüchtlings-Nothilfeprogramm von SOS-Kinderdorf Griechenland